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Agoraphobie Richter entscheidet: Schwangere Frau mit Platzangst darf gewaltsam ins Krankenhaus gebracht werden

Eine schwangere Frau umfasst ihren Bauch
Eine 21-jährige Schwangere darf laut Gerichtsbeschluss gewaltsam in ein Krankenhaus gebracht werden (Symbolbild)
© Patrick Daxenbichler / Picture Alliance
Eine werdende Mutter leidet unter Platzangst und verlässt seit Jahren kaum das Haus. Ein britischer Richter entschied nun jedoch, dass sie ihr Kind in einem Krankenhaus zur Welt bringen soll – auch gegen ihren Willen.

Agoraphobie wird umgangssprachlich häufig als Platzangst bezeichnet. Die Betroffenen haben dabei beispielsweise Angst davor, das Haus zu verlassen, sich in geschlossenen Räumen, Gebäuden oder auf öffentlichen Plätzen aufzuhalten, aber auch vor Menschenmassen. Daher meiden sie derartige Orte oder Situationen in der Regel oder können sich nur unter großer Angst dort aufhalten. Auch eine 21-jährige schwangere Britin leidet an dieser Angststörung und äußerte daher den Wunsch, ihr Kind bei sich zu Hause zur Welt bringen zu dürfen. 

Ein Londoner Richter hat jedoch entschieden, dass die junge Frau zur Entbindung in ein Krankenhaus gebracht werden muss – notfalls auch unter Anwendung von Gewalt. "Ich bin überzeugt, dass es im besten Interesse dieser Mutter ist, wenn im Falle einer Notwenigkeit etwas geschulte Gewalt und Fixierungen angewendet werden, um sie ins Krankenhaus zu bringen", sagte der Richter bei seiner Entscheidung am Court of Protection. Vor diesem Gericht werden Fragen in Bezug auf Personen behandelt, denen die geistige Fähigkeit fehlt, selbst verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Der Richter kam zu dem Schluss, dass auch der 21-Jährigen aufgrund ihrer Agoraphobie diese Fähigkeit in Bezug auf die Geburt ihres Babys fehle.

"Ich weiß, es wird eine Tortur für Sie"

Während der Anhörung des Falls war die Frage diskutiert worden, ob die gewaltsame Einlieferung der Schwangeren auch dann erlaubt sei, wenn kein medizinischer Notfall vorliege. Ihre Anwält:innen hatten zuvor dafür plädiert, dass sie nur gegen ihren Willen in ein Krankenhaus eingeliefert werden dürfe, wenn dies aus medizinischer Sicht notwenig sei. Ihre Mandantin sei "überwältigt" von ihrer Phobie, habe ihr Haus seit vier Jahren kaum verlassen und würde daher eine Hausgeburt vorziehen. Ihr Partner und ihre Mutter hingegen sprachen sich für eine Geburt im Krankenhaus aus, die Anwält:innen des Krankenhauses forderten, dass die Anwendung von Gewalt erlaubt werden solle.

Der Richter verwies bei seiner Entscheidung darauf, dass es Anzeichen für Komplikationen bei der Geburt gäbe: "Ich denke, Sie sollten ins Krankenhaus gehen und das Baby bekommen", sagte er zu der werdenden Mutter, die mit ihrem Partner per Videoschalte an der Anhörung teilnahm. "Es wird mögliche Risiken und eine Katastrophe vermeiden, wenn etwas schief geht. Ich denke, es ist besser als ein schrecklicher Eilauftrag mitten in der Nacht." Hinzu fügte er: "Ich weiß, es wird eine Tortur für Sie sein."

Arzt tastet Bauch einer Schwangeren ab

Darüber hinaus legte der Richter fest, dass das in Fixierungstechniken geschulte medizinische Fachpersonal nur minimale, verhältnismäßige Gewalt anwenden und dabei weder Druck auf Zwerchfell oder Unterleib ausüben oder die junge Frau in Bauchlage bringen dürfe, wenn diese sich weigere, das Haus zu verlassen. Fixiert werden dürfe sie nur im Notfall. Er gestand ein, dass dieses Szenario "natürlich unattraktiv", jedoch wichtig für die sichere Geburt des Kindes sei. Fachleute warnen, dass eine gewaltsame Einlieferung ins Krankenhaus psychische Schäden bei der werdenden Mutter hervorrufen könne.

Quelle: "The Guardian"

as

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