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Sinnvolle Sicherheitsregeln: Kann man Kinder per Passwort schützen?

Es klingt so einfach: Sie vereinbaren mit Ihrem Kind ein Passwort und wenn ein Fremder es nicht kennt, geht Ihr Kind nicht mit. Ob und wann es wirklich sinnvoll ist, erklärt ein Experte.

Von Jessica Wagener

Gerade machte in sozialen Medien eine Meldung die Runde: Ein achtjähriger Junge sei in den USA von einem Fremden angesprochen worden, seine Mutter sei im Krankenhaus und er müsse mit ihm kommen. Doch der Junge habe den Fremden nach einem Passwort gefragt und dadurch fliehen können. Ein Passwort mit seinem Kind vereinbaren - das ist doch eine geniale Idee. Oder?

Kriminaldirektor Andreas Mayer, Geschäftsführer der Zentralen Geschäftsstelle für Kriminalprävention, erklärt, warum ein Passwort leider nicht in jedem Fall funktioniert: "Bei Fremden scheint diese Vorgehensweise Erfolg versprechend zu sein, wie das Beispiel zeigt. Was aber auf keinen Fall vergessen werden darf: In zwei Drittel der Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch kennen sich Täter und Opfer. Das Kind würde von einer bekannten Person, zum Beispiel dem Vater eines Klassenkameraden, vermutlich kein Passwort verlangen. Vereinzelt gibt es auch überfallartige Angriffe auf Kinder – auch in einer solchen Situation ist das Passwort kein geeigneter Schutz. Wir empfehlen Eltern daher, mit ihrem Kind genau festzulegen, mit wem es mitgehen oder mitfahren darf und mit wem nicht."

Also: Passwort ja, aber nicht als einzige Maßnahme. Andreas Mayer gibt weitere Sicherheitstipps.

So können Sie Ihr Kind schützen:

Nein sagen. "Kinder müssen auch Erwachsenen gegenüber 'nein' sagen dürfen. Sie sind auch nicht verpflichtet, mit Fremden zu reden oder Auskünfte zu geben." Bringen Sie Ihrem Kind bei, dass es okay ist, etwas nicht zu wollen. Wann immer sich Ihr Kind unwohl fühlt, muss es wissen, dass es weggehen darf.

Schutz durch Gruppen.

"Schicken Sie Ihr Kind möglichst nicht allein, sondern in kleinen Gruppen zusammen mit anderen Kindern zur Schule oder zum Spielplatz. Und halten Sie es zur Pünktlichkeit an", so der Kriminaldirektor. Auch Abkürzungen sind zu meiden.

Rettungsinseln finden.

"Zeigen Sie Ihrem Kind auf dem Schulweg und in der näheren Umgebung verlässliche Ansprechstellen, so genannte 'Rettungsinseln', wo es sich Hilfe holen kann - auch bei Regen oder Verletzung durch Sturz. 'Rettungsinseln' sind beispielsweise ein Einzelhandelsgeschäft, in dem es Ihnen bekannte Mitarbeiter ansprechen kann, eine Ihnen bekannte Arztpraxis, eine Behörde, ein Haus, in dem Bekannte wohnen", sagt Mayer. Gehen Sie mit Ihrem Kind den Weg zum Spielplatz und zur Schule ab und legen Sie diese Rettungsinseln gemeinsam fest.

Notfallsituation üben.

Andreas Mayer rät: "Üben Sie mit Ihrem Kind Verhalten im Notfall, zum Beispiel andere Erwachsene anzusprechen und um Hilfe zu bitten, laut um Hilfe zu schreien (z. B. 'Feuer'), wegzurennen - hin zu anderen Menschen - sich auf keinen Fall zu verstecken, wenn jemand zudringlich wird, mit dem Handy 110 zu wählen oder Polizeibeamte in der Nähe anzusprechen."

Lieber nicht: Es gibt allerdings auch Maßnahmen, auf die man als Elternteil lieber verzichtet. Andreas Mayer: "Realitätsnahe Rollenspiele sollten auf jeden Fall vermieden werden, um Kinder nicht unnötig zu ängstigen." Besser: Dem Kind immer wieder sagen, dass es ohne elterliche Erlaubnis mit niemandem mitgehen oder in ein fremdes Auto einsteigen darf. "Sehr wichtig ist auch, dass das Kind den Eltern erzählt, wenn es zum Mitkommen aufgefordert wurde oder bei jemandem mitgefahren ist, obwohl die Eltern es verboten haben."

Also keine harschen Strafen androhen oder dem Kind Angst machen. Auch die generelle Regel "Niemals mit Fremden sprechen" ist nicht sinnvoll. (Selbst-)Vertrauen ist wichtiger als Furcht.

Und damit Ihr Kind nicht an öffentlichen Orten versehentlich verloren geht, hilft auch eine vorher festgelegte Strategie. Vereinbaren Sie entweder 'Bleib' wo du bist, bis ich zurückkomme und versuche nicht, allein nach Hause zu kommen' oder aber 'Gehe dahin, wo du mich zuletzt gesehen hast/ zur nächsten Kasse'. Ab etwa fünf Jahren können Sie Ihrem Kind seinen vollen Namen und eine Telefonnummer beibringen. Falls Ihr Kind etwas älter ist und ein Handy hat, sollten Sie Ihre Nummer auf eine Kurzwahltaste speichern.

Wenn Sie sich zusätzlich für ein Passwort entscheiden, wählen Sie eins, das Ihr Kind sich leicht merken kann, dass aber für Fremde nicht so einfach zu erraten ist - zum Beispiel den mittleren Namen des Kindes oder den Namen der Oma. Bloß keinen komplizierten Code.

Bei aller Sicherheit jedoch der wichtigste Punkt: Machen Sie sich und Ihr Kind nicht verrückt.

Weitere Information gibt es unter www.missbrauch-verhindern.de.

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