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Transgender für Kinder: "George" ist kein Junge, doch das weiß nur sie

Für ihr Kinderbuch "George" hat Alex Gino in den USA zahlreiche Preise erhalten, es erzählt die Geschichte eines zehnjährigen Kindes, das im falschen Körper zur Welt gekommen ist. Wie gleichaltrige Schüler auf das Thema reagieren, zeigte sich bei einer Lesung in Hamburg.

Alex Gino lächelt  die Autogrammjägerinnen an

Alex Gino strahlt, die Schüler stehen Schlange: Für ein Autogramm warten sie gern, auch wenn es nur auf eine Werbepostkarte der Harbour Days kommt. Schließlich macht es Spaß, ausführlich den eigenen Namen auf Englisch zu buchstabieren.

Rund 150 Kinder kommen lärmend in den großen Lesesaal der Hamburger Zentralbibliothek am Hauptbahnhof gerannt, es gilt, einen guten Platz zu ergattern. Bei einer Lesung. Da sich keiner der Fünft- und Sechstklässler sicher ist, ob vorne (da sehen einen die Lehrer) oder hinten (da verpasst man vielleicht was Spannendes auf der Bühne) die schlauere Wahl ist, folgt auf die erste Inbesitznahme eines Stuhles das obligatorische Rumgetausche. Aus Prinzip.

In Hamburg findet gerade das Harbour Front Literaturfestival statt, die Schüler erwartet eine Lesung von "George". Die Frage, ob sie das Buch bereits gelesen habe oder wenigstens wisse, worum es geht, beantwortet meine kleine Sitznachbarin mit einem doppelten Nein. Das kann ja heiter werden, denke ich, denn "George" erzählt die Geschichte einer Zehnjährigen, die von allen für einen Jungen gehalten wird, nur weil sie in einem männlichen Körper zur Welt gekommen ist. Lediglich George weiß es besser, und wo wir gerade dabei sind: Melissa, bitte. Das ist der Name, der ihr viel besser gefällt.

Das richtige Vokabular

Weil die Kinder, selbst zehn, elf Jahre alt, noch nicht über ein so umfassendes englisches Vokabular verfügen, wird die Schauspielerin Jodie Ahlborn ihnen aus der deutschen Übersetzung vorlesen. Aber erst gleich, zunächst wird Alex Gino vorgestellt, gender-queere(r) Autor(in) des Buches. Das heißt, Gino ist mal männlicher, mal weiblicher. Heute trägt er ein Kleid und einen langen Zopf mit blau gefärbter Strähne, aber sie trägt auch einen kurzen Kinnbart. Um beiden Geschlechtern gerecht zu werden, schlägt sie mir für meinen Text vor, doch einfach manchmal "er" und manchmal "sie" zu verwenden. Im Englischen hat sich für die Mixtur aus den binären Geschlechtsidentitäten der Shakespeare'sche Plural "they" durchgesetzt. Und als Anrede Mx. (sprich: Mix) oder Mixture, im konkreten Falle also Mixture Gino. Im Deutschen klingt beides merkwürdig.

Damit die Kinder ihre Stimme und Sprache gleich zu Anfang hören können, übernimmt Gino das Vorlesen der ersten Textstelle und scheint von manchen schon gut verstanden zu werden. In der vorgelesenen Passage geht es um eine Schulstunde, in der das Ende von "Charlotte's Web" besprochen wird, einem Buch, das in den USA jedes Kind kennt und das in Deutschland unter dem Titel "Wilbur und Charlotte" erscheint. Auf die Frage, welchem seiner Zuhörer dieses Werk von E. B. White bekannt sei, zeigt ein einziges Mädchen auf. Hätte Gino sich nach der Verfilmung "Schweinchen Wilbur und seine Freunde" erkundigt, hätten sich vielleicht ein paar mehr gemeldet.

Fragen über Fragen

Der Inhalt wird noch mal kurz auf Deutsch zusammengefasst, dann dürfen die Schüler die ersten Fragen stellen. Sie wollen wissen, ob die Autorin Gino und die Protagonistin Melissa etwas gemeinsam haben. "Ich habe auch als Einzige am Ende von 'Charlotte's Web' geweint", antwortet Gino, "ich war etwa sieben oder acht Jahre alt, als wir das Buch in der Schule gelesen haben – und habe da schon gewusst, dass ich anders bin als die anderen." Gino nutzt die Frage, um das Wort genderqueer zu erklären. Doch er erwähnt auch gleich den größten Unterschied zu Melissa: In den 1980er Jahren, in denen er aufgewachsen ist, kannte er das Wort Transgender noch nicht, Melissa lebt jedoch heute, sie weiß, auch dank Internet, genau, was mit ihr los ist.

"Aber wenn Sie sich mal männlicher, mal weiblicher fühlen, wie sprechen wir Sie dann an?", fragt ein Mädchen. Gino kann es nicht fassen: Eine der wichtigsten Fragen zur Identität kommt gleich zu Anfang! "Super Frage", "super Frage!", wird er nicht müde zu wiederholen. Und erklärt das mit dem Shakespeare'schen Plural. "Und wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Buch zu schreiben?" Gino erzählt, dass es solche Bücher nicht gab, als sie klein war. Und dass ihr mit 18 ein Sachbuch zum Thema Genderqueer in die Hände gefallen sei, das sie förmlich verschlungen hätte. "Es ist wichtig, sich in Büchern wiederzufinden", sagt sie.

Transgender Videotagebuch

Melissa will sich outen, aber wie?

Die Protagonistin in "George" leidet. Sie weiß, dass sie ein Mädchen ist, aber sonst sieht das niemand. Sie möchte endlich auch von anderen als Mädchen wahrgenommen werden, aber wie soll sie es ihrer besten Freundin Kelly, ihrer Mutter, ihrem pubertären Bruder Scott beibringen? Sie schaut sich gern Mädchen-Hefte an, imaginiert sich darüber in eine Welt unter Freundinnen, aber all das muss heimlich passieren, sie fürchtet die Entdeckung der Magazine. Noch ist sie nicht so weit, darüber zu sprechen. Warum ist das Coming-out so schwierig? "Man hat Angst", sagt Gino. "Melissa hat zum Beispiel Angst davor, ihre Mutter zu enttäuschen. Für Transgender-Menschen ist es gegenüber den Eltern besonders schwer, weil die Eltern von Geburt an zu wissen glauben, wie eine bestimmte Zukunft für ihr Kind aussieht. Nur man selbst weiß, dass das so nicht stimmt."

So ernsthaft, nah an ihrer eigenen Lebenswelt und authentisch die Fragen der Kinder sind, "Sagen Ihre Nichten Onkel oder Tante?", "Spielen Sie auch 'GTA5'?", "Wie alt sind Sie?" – an einer Textstelle müssen sie dann doch losgiggeln. "Während ihre Mom das Essen kochte, ging George nach oben und ließ sich ein Bad ein. Während die Wanne volllief, zog sie ihr T-Shirt aus und wartete bis ganz zum Schluss, bevor sie ihre Hose und ihre Unterwäsche ablegte. Sie tauchte ihren Körper in das warme Wasser ein und versuchte, nicht daran zu denken, was zwischen ihren Beinen hing. Aber da war es, schwamm im Wasser vor ihr. Sie wusch sich mit extra viel Shampoo die Haare, damit der Schaum die Oberfläche bedeckte.", liest Jodie Ahlborn vor. Die Mädchen schielen sich an und tuscheln hinter vorgehaltener Hand, die Jungs lachen laut. Das ist dann doch zu plastisch, um ruhig zu bleiben.

Einblick in eine fremde Welt

Die Fragen der Kinder und auch der Lehrerinnen reißen kaum ab, zu selten hat man die Gelegenheit, eine Quelle zu finden, die bereitwillig über dieses Thema Auskunft gibt. Zu spannend ist diese fremde Welt. "George", in den USA bereits vor mehr als einem Jahr und in Deutschland gerade jetzt erschienen, hat schon einiges bewirkt. Neben den Preisen, mit denen Gino für das Buch ausgezeichnet worden ist, haben sich auch viele Leser bedankt. "Es hat Kindern, Erwachsenen sowie Transmenschen und ihren Familien geholfen", berichtet Gino. "Sich in einem Buch wiederzufinden, ist identitätsstiftend." Eine Sprache zu finden, so Gino, sei das Allerwichtigste. Für Transmenschen, aber auch für alle anderen. "Wie will ich angesprochen werden? Wie will ich über mich selbst sprechen?" Mit 17, als sich Gino vor seiner Familie geoutet hat, habe er diese Sprache noch nicht gehabt.

Eigentlich sollte das Buch "Girl George", also "Das Mädchen George", heißen, erzählt Gino. "Doch das war das Erste, was der Verlag gestrichen hat. Sie glaubten, das verschreckt Leser." Inzwischen hat sie sich mit dem gekürzten Titel abgefunden. "Das Leiden unter dem verhassten Namen als Titel passt ganz gut zu dem Unwohlsein, mit dem sich Transmenschen vor ihrem Coming-out herumplagen."

Applaus, Applaus!

Die letzte Frage stellt Gino selbst, sie richtet sie ans Publikum: "Hattet ihr eine gute Zeit?" Die Schülerinnen und Schüler antworten mit tosendem Applaus und lautem Jaaaaa-Gebrülle. Sofort formiert sich eine Schlange vor der Bühne, sie wollen alle ein Autogramm.

Später, unter vier Augen, muss ich Alex Gino noch eine Frage stellen: "Ich habe gelesen, dass Sie ein Feindbild haben: den weißen, männlichen, betrunkenen Bro-Dude. Was wünschen Sie sich von ihm?" Gino antwortet: "Ich wünsche mir, dass er weiß, wie viel Raum er in der Welt einnimmt. Und dass dieser Raum um nichts reduziert wird, wenn er anderen Menschen ihren eigenen Raum zugesteht. Er hat weiterhin das Recht, so zu bleiben, wie er ist. Und andere Menschen haben das gleiche Recht, anders zu sein." Was für ein schönes Schlusswort.

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