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Archeo-Dog: Der Knochenjäger: Unterwegs mit einem Hund, der die Geheimwaffe der Polizei ist

Was für eine Spürnase: Archäologiehund Flintstone findet nicht nur alte Knochen, sondern ist auch für die Polizei ein wertvoller Freund und Helfer.

Von Ruth van Doornik

Immer der Nase nach: Archäologiehunde leisten Unglaubliches – dahinter steckt harte Arbeit

Immer der Nase nach: Archäologiehunde leisten Unglaubliches – dahinter steckt harte Arbeit

Sein Befehl lautet "Bones". Als Flintstone diese fünf Buchstaben hört, tigert er los, die Nase dicht über der mit Schnee bedeckten Erde. Quadratmeter für Quadratmeter läuft Herrchen Dietmar Kroepel mit dem acht Jahre alten Rüden an der langen, neonroten Leine das Übungsfeld im oberbayerischen Otterfing ab. Nach wenigen Minuten legt sich der Altdeutsche Hütehund schwanzwedelnd an den Rand des Ackers, bellt und blickt mit seinen hellbraunen Augen erwartungsvoll auf zu seinem Besitzer. Er ist fündig geworden. Unter dem Schnee vor seinen Pfoten steckt ein handtellergroßes, braunes Stückchen in der winterkalten Erde. Es ist ein zweitausend Jahre alter Römerknochen, den der 52-jährige Kroepel dort zuvor versteckt hat.

Das Training ist für Flintstone an diesem Tag ein Kinderspiel, das Belohnungsleckerli ist schnell verdient. Sein Können hat Deutschlands erster und bislang einziger zertifizierter Archäologiehund bei kniffligen Einsätzen längst bewiesen. Flintstone findet so gut wie jeden Menschenknochen. Ist der Boden nicht gefroren, erschnuppert sie der Rüde mit dem wuscheligen grauen Fell bis in eine Tiefe von 2,50 Metern. "Wahrscheinlich kann er noch mehr. Bisher hatte ich nur noch keine Lust, ein tieferes Loch zu graben", sagt Dietmar Kroepel und lacht. Fehler? Macht der sogenannte Archeo-Dog so gut wie nie. "Flintchens Trefferquote liegt bei 97 Prozent", sagt Kroepel über seinen hüftgroßen Liebling, und in seiner Stimme schwingt Stolz mit.

Ein Tophelfer bei Grabungen

Zweieinhalb Jahre hat er den Vierbeiner bis zur Perfektion für die Knochenjagd ausgebildet. Selbst modernster Technik ist der Rüde weit überlegen, nicht nur, was die Kosten angeht. Das macht Flintstone zum Tophelfer bei Grabungen in der Bodendenkmalpflege und inzwischen auch zu einer Geheimwaffe der Polizei bei Cold-Case-Ermittlungen. Wird ein Tötungsdelikt vermutet, die Leiche aber über Jahrzehnte nicht gefunden, kommt der Spürhund zum Einsatz. Inzwischen ist Flint ein Medienstar – und Dietmar Kroepel mit seiner Tochter Saskia Walter, 29, dabei, weitere neun Hunde in ganz Deutschland zu Archeo-Dogs auszubilden. Dabei ist Flintstone eigentlich Profi im Aufspüren von Lebenden, nicht von Toten. Als Rettungshund sucht er Verschüttete unter Trümmern und Lawinen. "Als meine Frau zum Pflegefall wurde, konnte ich mit Flint jedoch nicht mehr zu den Einsätzen", erzählt Kroepel nach dem Training beim Aufwärmen im Dorfcafé.

Eine Ersatzbeschäftigung musste her, denn Hütehunde sind hoch motivierte Arbeitstiere und werden darum fast ausschließlich von Berufsschäfern gehalten. "Eine Runde Joggen reicht nicht, das ist nicht artgerecht. Wenn diese Gebrauchshunde keine Aufgabe haben, suchen sie sich selbst eine und graben womöglich den Garten um", so Kroepel, der hauptberuflich im Qualitätsmanagement arbeitet. Die neue Aufgabe für Flintstone mit planbaren Terminen ergibt sich durch Zufall. "Archäologie ist meine Leidenschaft", erzählt der 52-Jährige. "Als ein Studienkollege mich zu einer Etrusker-Ausgrabung in der Toskana einlud, war ich sofort dabei." Im Auto ist es zu heiß, also nimmt er Flintstone zum Ausgrabungsfeld mit. "Mein Freund begrüßt mich mit den Worten: Lässt du jetzt schon deinen Hund die Knochen finden?" Das ist die Idee! Plötzlich ergibt auch der Name Flintstone, also Feuerstein, einen tieferen Sinn. Das ist im Herbst 2014. 

Beispiele gibt es, aber nicht in Deutschland

"Ich habe erst mal recherchiert, ob es so etwas schon gibt. Leichenhunde, die dem Verwesungsgeruch nachgehen, kennt jeder, aber Flintstone sollte ja alte Knochen finden", sagt Kroepel. Beispiele gibt es, aber nicht in Deutschland. Hundetrainer Gary Jackson aus Brisbane, Australien, hat seinen Labrador-Mastiff-Mix Migaloo darauf getrimmt, fossile menschliche Knochen zu finden. Im Jahr 2012 bekam Migaloo den ersten Job als Archäologiehund in Down Under. In Schweden machte Sophie Vallulv mit ihrem zertifizierten Archäologiehund Fabel Schlagzeilen: Die Archäologin und ihr Schäferhund unterstützten Wissenschaftler unter anderem bei Ausgrabungen an der Wallburg Sandby Borg. In Asien und in Amerika werden Historical Human Research Detection Dogs ausgebildet. "Sie sollen Lebende, Tote und alte Tote finden können. Aber das ist mir nicht ausdifferenziert genug. In meinen Augen kann der Hund dann nichts richtig gut", findet Dietmar Kroepel.

Ab 4. März im Handel: Die Ausgabe 2/2019 von Dogs.

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Also startet der Tierfreund mit der schwarzen Brille und dem weißen Bart sein eigenes Training. Erfahrung bringt er mit: Er hat bereits zwei Rettungshunde ausgebildet. "Suchen konnte Flint schon. Das Schwierigste war, ihm das Buddeln abzugewöhnen." Was bei der Rettung von Menschen unter Schnee und Trümmern gewünscht ist, ist bei Ausgrabungen ein No-Go. "Er könnte mit seinem Pfoten ja wertvolle Scherben oder Knochen beschädigen, und beim Spaziergang über einen Friedhof will ich natürlich auch nicht, dass er die Gräber umpflügt", erklärt Dietmar Kroepel. Längst weiß Flintstone ganz genau, was angesagt ist. An diesem Wintertag legt sein Herrchen ihm für die Übungsrunde ein Geschirr mit Glöckchen um. Jetzt ist er in Suchmodus. Am Klang erkennt er, dass es um Knochen geht, und natürlich durch das Signalwort "Bones".

Bei Rettungseinsätzen, an denen Kroepel seit dem Tod seiner Frau wieder teilnimmt, bekommt der Hütehund des Schlages Tiger ein anderes Geschirr. Und einen anderen Befehl: "Salva", also retten, helfen. Über ein halbes Jahr lang trainiert Kroepel zudem Flints Geruchsdifferenzierung.

"Erst ließ ich ihn zum Beispiel an Pfefferminztee riechen. Dann versteckte ich die Beutel im Haus, im Garten, in Rohren, denn Hunde lernen ortsgebunden. Sie müssen aber überall und in jeder Situation schnüffeln können." Danach gewöhnt er ihn an weitere Gerüche. Als Flint auf den Befehl "Kaffee" nach Bohnen und bei "Kamille" nur noch den Tee sucht, konzentriert sich Kroepel auf alte Knochen.

Ein Römerschädel als Übungsobjekt

Als Übungsobjekt dient ihm ein Römerschädel, den ihm ein Museum zur Verfügung stellt. Kroepel baut beim Training Ablenkungen ein, geht weiter in die Tiefe, verbuddelt die Knochen an einem Ende des Walds und beginnt am anderen mit der Suche. "Die Tiere wollen so schnell wie möglich ihre Belohnung, klar, und folgen sonst einfach unseren Spuren", erklärt Tochter Saskia Walter.

Ihr Hund und der ihres Mannes stehen ebenfalls kurz vor der Prüfung zum Archeo-Dog. "Nach unzähligen Übungsstunden war Flintstone soweit, dass ich die Denkmalpflegeämter und Grabungsfirmen anschrieb und ihnen unsere Hilfe anbot", erinnert sich Kroepel. Viele antworten nicht, halten die Idee für Quatsch. "Aber ein paar wenige Grabungsfirmen waren begeistert und luden mich ein." So wird Flint immer besser. Er lernt, nicht nur stark riechende Knochen anzuzeigen, sondern auch kleine Stückchen. "Selbst Leichenbrand, also die verkohlten Knochen von Toten nach einer Feuerbestattung, erschnüffelt er", sagt Kroepel.

Er erkennt inzwischen schon an der hoch stehenden Rute, dem krummen Rücken, dem Einsaugen der Luft, ob Flint nah an einem Fund dran ist. "Das ist harte Arbeit für Flintchen. Bei Hitze zehn Minuten intensiv suchen kommt einem Marathonlauf beim Menschen gleich", betont Kroepel, Pausen seien unabdingbar. Das Talent des Duos spricht sich in Fachkreisen schnell herum. Fast jedes Wochenende sind die beiden ehrenamtlich im Einsatz, in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. "Wenn Baugrund untersucht wird, herrscht oft Zeit- und Kostendruck", so Kroepel. Beides spart Flintstone ein. Zeigt er einen Fund an, wird die Stelle markiert und gegraben. "Oft erfahren wir erst Wochen später, was unter der Erde lag." 2016 entdeckt Flintstone ein Römergrab im oberbayerischen Landkreis Ebersberg. Auch ein Keltengrab und ein mittelalterliches Skelett zieren seine Erfolgsliste. Durch die Decke ging das Interesse an der Spürnase durch andere Fälle. "Mit Archäologie löst man keinen Hype aus. Mit der Aufklärung jahrzehntealter Mordfälle schon", sagt Kroepel. Er erzählt von einem Anruf aus Ostdeutschland. Eine Beamtin, die die Leiche einer vermutlich getöteten Frau in einem Waldgebiet suchte, hatte einen Bericht über Flintstone gelesen. "Sie nahm Kontakt auf und fragte: Wenn Ihr Hund tausend Jahre alte Knochen findet, entdeckt er auch sechsunddreißig Jahre alte?" Er fand sie, und so wurde Flint zum Ermittler auf vier Pfoten. "Er hat bei siebzehn Untersuchungen ungeklärter Mordfälle geholfen, in Deutschland, Italien, Polen, Österreich."

Nicht selten ist der Cold-Case-Kanide Flint die letzte Hoffnung der Ermittler. Denn bei der Suche von vergrabenen Leichen, deren Ablageort meist nur sehr grob eingeschätzt werden kann, kommt selbst modernste Geotechnik an ihre Grenzen. "Ein Bodenradar geht nur fünfunddreißig Zentimeter in die Tiefe, ist sehr teuer und langsam. An einem Wochenende scannt man da gerade mal ein Gartengrundstück ab. Nicht so Flintstone: Er ist ein Flächensuchhund und findet auch Knochen, die vom Wild verschleppt wurden." Mittlerweile bekommt Flint bei der Suche auf Ausgrabungsfeldern und bei Cold-Case-Aufträgen Unterstützung. "Meist kommen meine Tochter und ihr Ehemann mit ihren Hunden Kira und Ebby mit, dann ist die Suche noch effektiver. Jedes Tier hat ein anderes Talent. Die einen sind gründlich wie Trüffelschweine, die anderen wieder unglaublich schnell." Die Mordermittlungen, über die sie bis zum Prozess Stillschweigen bewahren müssen, lassen die Hundeführer nicht kalt. "Schließlich geht es darum, den Täter zu finden und den Angehörigen endlich Gewissheit über das Schicksal der Vermissten zu geben", sagt Tochter Saskia.

"Es ist eine sinnvolle Aufgabe"

Es ist der Idealismus, der sie antreibt. Denn für die Cold-Case-Einsätze bekommen sie lediglich eine Aufwandsentschädigung. "Es macht Spaß und es ist eine sinnvolle Aufgabe für mich und mein Tier. Wir sind zusammen und können helfen", sagt Kroepel. Sein einstiger Vorsatz, nach Flintstones Umschulung entspannt ein paar Ausgrabungen pro Jahr zu begleiten und ab und zu einen Vortrag zu halten, geht nicht auf. Schon jetzt ist Dietmar Kroepels Terminkalender nach der Winterpause prall gefüllt. Kürzlich bat ein Kriegsgräberverein aus dem Vogtland, der in einem Wald ein Massengrab vermutet, um Hilfe. Stress macht sich Kroepel dennoch nicht. "Die Menschen, die wir suchen, liegen schon lange unter der Erde. Da kommt es auf ein paar Wochen mehr nicht an."

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