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Survivalschule: Überleben in der deutschen Wildnis: Mit Jack-Russell-Hündin Emma auf Survivaltour

Wie findet man nach Hause, wenn man sich im Wald verlaufen hat? Und was tun, wenn sich der Hund in der Wildnis an der Pfote verletzt? Das hat sich unsere Autorin auch gefragt und mit ihrem Vierbeiner an einem Überlebenstraining teilgenommen.

Von Yvonne Adamek

Auf Survivaltour im Wald mit Jack-Russell-Hündin Emma

"Was für ein Abenteuer! Während mein Puls sich normalisiert, fasse ich einen Beschluss: Diese Survivaltour mache ich noch mal!"

Es weht ein laues Lüftchen. Ganz angenehm an diesem schwülen Sommerabend. Doch plötzlich ziehen dichte, dunkelgraue Wolken auf und das Lüftchen wird zum Wind, der immer stärker bläst. Bald rauschen laut die Blätter über uns und die Äste biegen sich wild hin und her. Die ersten Tropfen prasseln auf uns herunter. Dann ein lauter Donnerhall. Rums! Ich zucke zusammen. Emma drückt sich an mich. "Okay, nichts wie raus aus dem Wald", sagt Heymann und guckt etwas besorgt nach oben. "Der Sturm wird zu stark, wir müssen abbrechen." Jana ist Hundetrainerin und die Organisatorin der Tour, sie wedelt jetzt hektisch mit den Armen. "Da drüben fängt gleich die Straße an. Alle mir nach!" Rums! Noch mehr Donner! Ich greife Emmas Leine etwas fester und folge der Gruppe. Überall knirscht und knackt es. Ein paar Meter rechts von mir kracht ein dicker Ast zu Boden. So realistisch hätte es auf unserer Survivaltour meinetwegen gar nicht werden müssen.

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Um zu erklären, was ich bei einem schlimmen Gewitter im Wald zu suchen habe, müssen wir die Uhr zwei Stunden zurückdrehen: Die Sonne scheint noch so intensiv, dass ich mich ärgere, Trekkinghose und Wanderstiefel angezogen zu haben anstelle von Shorts und Sandalen. Der Schweiß rinnt mir den Rücken hinunter. Emmas Zunge hängt wie ein feuchter Waschlappen weit ausgestreckt aus ihrem Maul. Zusammen mit zehn anderen schwitzenden Hundebesitzern und ihren fünfzehn hechelnden Vierbeinern stehen wir auf dem Parkplatz in der norddeutschen Kleinstadt Malente, um uns von Hundetrainerin Jana Heymann und dem Survivalexperten Detlef Kamerau die Verhaltensregeln für unsere kleine Expedition erklären zu lassen. Immer schön zusammenbleiben, nicht einfach irgendetwas vom Wegesrand futtern und auf die Wohlfühlabstände jedes einzelnen Hundes und natürlich auch Menschen achten, damit es schön entspannt bleibt und wir nicht in die unangenehme Lage kommen, einige der Verarztungstipps, die wir heute noch mitbekommen sollen, am lebendigen Objekt üben zu müssen. Viel Praxis ist zwar gut, nichtblutende Hunde und Halter jedoch um Einiges besser.

Survivalschule für Privatpersonen

Eine echte Krisensituation würde Detlef vermutlich nicht stressen. Der ehemalige Bundeswehrsoldat mit speziellen Aufgaben (welche das waren, darf er nicht verraten, Verschwiegenheitsklausel) wirkt extrem entspannt und ausgesprochen gut gelaunt. Zuerst frage ich mich, was genau ihm wohl so viel Spaß machen mag, lasse mich dann aber mit jeder Minute mehr von seiner Begeisterung mitreißen. Man merkt schnell, dass er weiß, was er tut. Schon seit Jahren gibt der 51-Jährige sein Wissen über das Überleben jenseits jeglicher Zivilisation an Dritte weiter. Zuerst bei Übungen der Bundeswehr und seit einigen Jahren als Erlebnispädagoge in seiner eigenen Survivalschule für Privatpersonen. Sogar Joey Kelly lernte von ihm, wie man aus Holzresten einen trockenen Unterstand baut und ohne viele Hilfsmittel ein Feuer zum Lodern bringt. Während unseres dreistündigen Spaziergangs bekommen auch wir heute einen Crashkurs in Sachen Überleben im Wald, und mit Janas Hilfe stärken wir gleichzeitig den Zusammenhalt mit unseren Hunden.

Zuerst stellen wir uns nicht weit vom Parkplatz entfernt vor einer Wiese voller Gestrüpp und Unkraut auf. "Seht Ihr die grünen Blätter da am Boden?", fragt Detlef. "Das ist Giersch. Den kann man wunderbar essen. Die  Stängel schmecken ein bisschen nach Knoblauch." Ach was! Die meisten von uns sind von dieser Information nicht sonderlich überrascht. Wer einen Garten besitzt, kennt das fiese Unkraut zur Genüge. "Wir machen daraus immer Pesto", höre ich eine Teilnehmerin flüstern. "Ich tu das einfach mit in den Salat", verrät eine andere. Aber das Kraut kann tatsächlich noch mehr, als gegessen werden und Gartenbesitzer nerven. "Wenn man die Blätter so zwischen den Fingern rollt, dass etwas Saft austritt, kann man damit Insektenstiche behandeln", erklärt Jana. "Die ätherischen Öle darin wirken entzündungshemmend." Gut zu wissen! Emma ist schon oft auf Bienen getreten und bislang ist uns nichts Besseres eingefallen, als die betroffene Stelle zu kühlen. Jetzt muss ich in Zukunft nur am Unkraut zupfen.

Das Talent zum Heilen haben auch die Blätter vom Spitzwegerich und Moos, erfahren wir von Detlef und Jana. Das feuchte, weiche Grün von Moos ist keimtötend und hat eine extrem hohe Filterwirkung. Es macht Pilze und Bakterien unschädlich, weswegen Detlef die grünen Ballen spontan ausdrückt und bedenkenlos das heraustropfende Wasser trinkt. "Perfekt, wenn Euch im Wald mal das Wasser ausgeht und gerade kein Bach in der Nähe ist." Essen sollten wir Moos allerdings besser nicht, da die Blätter gefilterte Schwermetalle und andere Schadstoffe enthalten, die wir dann mit aufnehmen würden. Äußerlich angewendet, sind sie wiederum nicht nur unbedenklich, sondern sogar heilsam: Bei verletzten Hundepfoten und aufgeschürften Menschenknien ist Moos ein prima Wundverband, weil es auf natürliche Weise antiseptisch wirkt.

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Drei Möpse schauen aus einem Autofenster

Meter für Meter bekommt jede Pflanze für mich eine ganz eigene Bedeutung. Mehr und mehr erscheint der Wald wie ein riesiges Salatbüfett plus Apothekenschränkchen. Zwar bin ich mir nicht sicher, ob ich mir das alles bis zu unserem nächsten Wanderausflug merken kann, aber faszinierend ist es allemal. Und es macht mich nachdenklich: Wie wenig wir von all den Dingen wissen, die uns täglich umgeben …

Ich lasse mich dazu hinreißen, die Samenschoten der Springkrautpflanze zu probieren. Sie zerplatzen zwischen den Zähnen wie frische Erbsen und schmecken nach Knoblauch! Hunde werden in der freien Natur allerdings nicht so leicht satt wie wir Menschen. "Um nicht zu verhungern, müsste ein mittelgroßer Hund etwa zwölf Eichhörnchen am Tag fressen", erklärt uns Jana.

Rascheln im Gebüsch

Plötzlich raschelt es im Gebüsch und zwei Rehe stellen sich uns in den Weg. Obwohl einige Hunde sofort anfangen, wild zu fiepen und an ihren Leinen zu zerren, zeigt sich das Rotwild völlig unbeeindruckt und bleibt ein paar Minuten entspannt vor uns stehen. Emma interessiert das alles nicht die Bohne. Sie hat längst die Witterung sämtlicher Belohnungsbeutel aufgenommen, die die meisten Teilnehmer an den Hüften tragen. Warum jagen, wenn man mithilfe eines herzerweichenden Blicks einen Hundekeks ergattern kann? Ich stelle fest: Sollten wir jemals verloren gehen, hängt unser Überleben vermutlich an mir.

Daher bin ich besonders motiviert, als wir an einer sandigen Stelle versuchen, Feuer zu machen. Mit den Zündsteinen, die Detlef anfangs an uns ausgeteilt hat, reibe ich kräftig drauflos. Dabei stelle ich mich denkbar doof an und ratsche mir direkt beim ersten Versuch den Daumen auf. Funkenschlag? Fehlanzeige! Die anderen sind teilweise schon weitergezogen, als es auch mir endlich gelingt, einen Haufen Pappelwolle, diese weißen Puscheldinger, die im Sommer durch die Luft fliegen, anzuzünden. Ich fühle mich ein bisschen wie Robinson Crusoe oder zumindest Tom Hanks auf einer einsamen Insel und plane in Gedanken schon unseren nächsten Urlaub in einer einsamen Hütte im Wald.

Verlaufen kann ich mich dank der Tipps von Detlef und Jana in Zukunft auch nicht mehr. Oder zumindest werde ich nicht mehr so schnell in Panik geraten, wenn ich gerade mal nicht weiß, wohin. Ihr wichtigster Tipp: Bloß nicht loslaufen, sondern am besten dort bleiben, wo man ist. "Dann haben Suchtrups eine bessere Chance, Euch zu finden", erklärt Detlef. Wer aber doch lieber aktiv werden will, sollte dem Hund beim Pinkeln zuschauen. "Forscher haben herausgefunden, dass sich Hunde dabei am liebsten entlang der magnetischen Nord-Süd-Achse aufbauen. Sie verfügen also über so etwas wie einen inneren Kompass", verrät Jana. Wenn der Hund aber gerade nichts markieren will, hilft es, selbst die Ohren aufzustellen und konzentriert nach Stadtgeräuschen zu lauschen. Als ich das ausprobieren will, frischt es zum ersten Mal auf und ich höre nicht viel mehr als das Rauschen der Blätter. Und jetzt prasseln auch schon die ersten Tropfen auf uns nieder.

Unwetter

"Perfekt!", freut sich Detlef. "Es gibt kein reineres Wasser als Regenwasser. Es ist praktisch wie Destillat", erklärt er uns. "Damit es unserem Körper auch mit den notwendigen Mineralstoffen versorgen kann, empfiehlt es sich, einen sauberen Stein mit in die Trinkflasche zu legen." Er hat den Satz kaum ausgesprochen, da schüttet es wie aus Eimern. Das Unwetter ist direkt über uns. Wir stülpen uns hastig unsere Regenjacken über und folgen Jana und Detlef mit eiligen Schritten hinaus aus dem Wald. Eigentlich sollten wir heute noch lernen, wie man einen Unterstand und eine Trage für verletzte Hunde baut. Doch bei diesem Wetter ist das schlicht zu gefährlich.

Der Weg zurück zum Parkplatz kommt mir ewig vor. Überall Grummeln und Knacken. Ständig schaue ich nach oben aus Sorge, dass mir ein Ast auf den Kopf fallen könnte. Der Regen dringt allmählich durch meine Jacke, Emmas Fell trieft vor Nässe. Erst am Auto atme ich wieder durch. Was für ein Abenteuer! Während mein Puls sich normalisiert, fasse ich einen Beschluss: Das mache ich noch mal! Ich habe riesige Lust, noch viel mehr über die Natur zu erfahren. Emma lugt mit fragendem Blick unter ihrem Handtuch hervor. Okay, nur bei besserem Wetter.

Mehr Geschichten, die nur mit Hund passieren, finden Sie in der neuen DOGS!

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