HOME

Nahost: Der traurige Alltag zweier Hunde im Rafah-Zoo – bis zum Tag ihrer dramatischen Rettung

Gitter statt Gassi, Bombenlärm statt Streicheleinheiten: Zwei Hunde lebten unter schwierigsten Umständen in Gazas Rafah-Zoo. Bis zu dem Tag, an dem Amir Khalil, Veterinär und Tierschützer, mit seinem Team alle Zootiere befreit. Protokoll einer dramatischen Rettungsmission.

Von Bianca Klement

Gaza: Protokoll der Befreiung zweier Hunde aus dem Rafah-Zoo

In Gaza geschah die größte Rettungsmission, die die Tierschutzstiftung Vier Pfoten bisher durchgezogen hat

"Alles kann schiefgehen", sagt Amir Khalil. Es ist sein letzter Abend in Wien, bevor der Tierarzt mit einem Team nach Jordanien aufbricht, um 47 Tiere aus einem Zoo in Rafah im südlichen Gazastreifen zu evakuieren. Die größte Rettungsmission, die die Tierschutzstiftung Vier Pfoten bisher durchgezogen hat. "Es ist immer gefährlich, in ein Kriegsgebiet zu gehen, um Tiere zu retten. Wir können nicht wissen, was uns alles erwartet. In den vergangenen Tagen gab es Raketenangriffe von Gaza auf Tel Aviv. Israel hat mit Vergeltungsschlägen reagiert. Es kann sein, dass die Lage eskaliert oder die Hamas uns nicht erlaubt, die Tiere aus dem Gaza zu bringen." Zu diesem Zeitpunkt ahnt Amir noch nicht, dass all seine Befürchtungen eintreten werden.

Jetzt am Kiosk: die neue DOGS

Jetzt am Kiosk: die neue DOGS

Amir Khalil ist Tierarzt. Seit mehr als dreißig Jahren rettet er Tiere aus Krisengebieten, oft unter Lebensgefahr. Seine Einsätze erfordern politisches Feingefühl und Verhandlungsgeschick. Ob in Syrien, Irak, im Kosovo oder in Kenia, immer wieder muss Khalil Kompromisse mit den Behörden, mit Zoobesitzern, Soldaten und manchmal auch Rebellen finden, um sein Team und die Tiere in Sicherheit zu bringen. Als die Vier-Pfoten-Crew mit dem Flugzeug in Amman landet, spitzt sich der Konflikt in Nahost zu. Es kommt zu den schwersten Angriffen zwischen Gaza und Israel seit 2014. Israel schließt die Grenzen. Die Rettung muss warten, bis sich die politische Lage entspannt hat.

Gewalt in Gaza flammt häufig auf

Knapp zwei Millionen Menschen leben in Gaza unter schwierigsten Bedingungen. Die Gewalt zwischen Israel und der Hamas, die in Gaza regiert, flammt immer wieder auf. In der Flüchtlingsstadt Rafah existiert seit 1999 der älteste Zoo der Region. Neben Löwen, Füchsen, Pelikanen und einer Hyäne sind dort auch zwei Hunde in winzigen Käfigen gefangen. Gras, Auslauf, Zuneigung kennen sie nicht. Mehr noch als die Menschen sind sie Opfer eines Krieges, für den sie nichts können. Sie hören die Raketenangriffe, die Bombenexplosionen, die Schreie der Menschen. Sie wittern die Angst und Verzweiflung. Einige Zootiere sind durch Bomben getötet worden. Andere sind verhungert oder erfroren. Ihre ausgetrockneten Körper wurden weiter zur Schau gestellt.

Zuletzt machte der Zoo Schlagzeilen, als einer jungen Löwin mit einer Gartenschere die Krallen entfernt wurden, damit Kinder mit ihr spielen können – ein verzweifelter Versuch des Zoobesitzers, die Einnahmen zu steigern. "Die Tiere kriegen alles mit, was um sie herum geschieht", berichtet Khalil. "Sie sind häufig sehr viel sensibler als wir Menschen. Viele von ihnen sind traumatisiert. Sie haben ihr ganzes Leben in Gefangenschaft verbracht. Sie bekommen kein sauberes Wasser und nie genug Futter. Viele haben sich bereits aufgegeben, sie haben resigniert." Die Evakuierung der Tiere ist für Khalil ein Akt der Menschlichkeit. "Anders als die Menschen haben die Tiere keine Chance zu fliehen. Sie wurden an diese Orte gebracht und sind gefangen. Wir sind ihre einzige Hoffnung, zu entkommen." 

Die beiden Hunde haben es besonders schwer im Zoo von Rafah. "Sie werden noch stärker vernachlässigt als die anderen Tiere", sagt Amir Khalil. "Hunde haben kein hohes Ansehen. Speziell in Gaza ist es schwierig und verboten, privat mit seinem Hund spazieren zu gehen. Wer mit einem Hund am Strand entlanggeht, wird verhaftet und muss Strafe zahlen. Die Hamas ist eine radikale islamistische Gruppierung, Hunde gelten als unrein." Wie die Löwen bleiben sie tagein, tagaus in ihrer Parzelle. Wo sie fressen und schlafen, müssen sie auch hinkoten.

In den ersten Apriltagen ist es soweit. Die Tierschützer reisen erneut nach Jordanien, um mit einem Lastwagen über Israel fünf Grenzübergänge bis nach Rafah zu passieren. Die Rettungsaktion ist ein logistisches Mammutprojekt. Nachdem mit den jordanischen Behörden alles geregelt ist, können die Aktivisten mit Equipment und den nötigsten Medikamenten Richtung Israel aufbrechen.

Der komplette Transport muss mit dem Militär koordiniert werden. Doch bereits am ersten Grenzübergang gibt es einen Rückschlag. Die Soldaten erlauben trotz Genehmigung nicht, dass die Tierschützer Medikamente mit in das Land bringen. Medikamente, die viele der Tiere benötigen. Es muss ohne weitergehen. Doch die Fahrt ist riskant. "Es ist eine Krisenregion, das spürt man", sagt Marion Lombard. Die blonde Französin ist die rechte Hand von Amir Khalil. "Im Gaza gibt es drei Checkpoints. Der erste ist relativ angenehm. Dann kommen die palästinensischen Behörden. Und dann kommt die Hamas."

Schier endlose Debatten

Akribisch kontrollieren die Soldaten alle Papiere und die Ladung. Erst am Abend erreicht das Team Rafah. Hoch motiviert wollen alle nun endlich die Hunde und die anderen Zooinsassen befreien. Aber wieder gibt es Probleme: Die Hamas hat in der Zwischenzeit ein Gesetz erlassen, das es verbietet, Wildtiere aus Gaza zu exportieren. Amir Khalil und sein Team können das nicht akzeptieren. Nach schier endlosen Debatten gibt es zwei Tage später grünes Licht. Jetzt muss alles schnell gehen, binnen zwölf Stunden müssen alle Tiere betäubt, verladen und nach Jordanien transportiert werden. Die meisten brauchen dringend medizinische Hilfe. Viele sind unterernährt, haben offene Wunden oder Hautkrankheiten. Ein Wolf hat unter seinem Bauch einen fußballgroßen Tumor. Hyäne und Löwen vegetieren in winzigen vergitterten Verschlägen dahin. Physisch geht es ihnen schlecht. Doch noch schlimmer steht es um die psychische Verfassung der Tiere. Die Evakuierung wird zum Großereignis. Viele Einheimische sind gekommen, um dem Rettungsteam zu helfen. Dutzende Kinder umringen den Laster. Nicht alle sind glücklich darüber, dass der Zoo schließen wird. "Die Kinder sind daran gewöhnt, die Tiere im Tiergarten zu sehen. Gaza hat nichts außer Krieg und Gefängnisse. Darum sind einige traurig", sagt Amir mitfühlend.

Die Anteilnahme ist groß, doch der Menschenaufruhr erschwert die Arbeit der Retter. Auch Fathi Jomaa, der Besitzer des Zoos, ist gekommen, um sich von seinen Tieren zu verabschieden. Erst nach monatelangen zähen Verhandlungen hatte er eingewilligt, sie gehen zu lassen. Er hat Tränen in den Augen. Die Schließung des Zoos bedeutet das Ende seines Familiengeschäfts. Er sei mit den Tieren aufgewachsen und liebe sie, sagt er. Betrachtet man die verdreckten Käfige, die junge Löwin mit den verstümmelten Pfoten und den traurigen Zustand seiner anderen Schützlinge, fällt es schwer, ihm zu glauben. Fathi Jomaa gibt der wirtschaftlichen Lage in Gaza die Schuld an der dramatischen Situation. Die israelischen Blockaden hätten es ihm unmöglich gemacht, die Tiere anständig zu versorgen. Amir Khalil hat Verständnis. "Es war schwierig, den Zoobesitzer zu überzeugen, die Tiere aufzugeben", erzählt er. "Aber es geht nicht nur um seine Zukunft, sondern auch um die der Tiere. Er hatte seit Jahren zu viele Schulden. Die letzten Monate hat Vier Pfoten bereits die Futter-, Wasser- und Stromkosten übernommen."

Instagram: Diesen Paketboten liebe alle Hunde

Zum Verladen müssen viele Tiere betäubt werden. Gekonnt bläst Khalil einen Betäubungspfeil durch ein grünes Blasrohr. Sekunden später werden die Augen des Löwen trüb. Er wird schläfrig, dann wird er auf ein Tragetuch gelegt und mit sechs Mann zu seiner Transportbox geschleppt. Jetzt kommt es auf das Timing an. Bevor der Transporter sich in Bewegung setzt, müssen alle Tiere wieder wach sein. "Es ist gefährlich, narkotisierte Tiere zu transportieren. Bei Schlaglöchern können sie sich verletzen. Wenn sie wach sind, können sie reagieren", erklärt Khalil. Auch die anderen Tiere werden nach und nach verladen. Ein Pavian führt einen wütenden Tanz auf, als ihn der Betäubungspfeil trifft. Zwei Pelikane teilen sich eine Box. Sie wissen noch nicht, dass sie keine vierundzwanzig Stunden später am Roten Meer ausgewildert werden sollen und in die Freiheit fliegen können. Bei den großen Tieren hilft ein Kran, die schweren Kisten anzuheben – das Emblem "Four Paws" prangt mit großen Buchstaben auf der Seite der silbernen Boxen.

Die Tiere sind unruhig, nervös, auch die beiden Mischlingshunde, die hier wie die Paviane in Käfigen gehalten werden. Im Gegensatz zu den Löwen haben sie nie einen Namen bekommen. Neben all den Wildtieren wirken sie wie Statisten, die zwei leere Zwinger füllen. Voneinander getrennt sitzen die beiden in ihren viel zu kleinen verdreckten Zellen. Die schwarze Hündin ist so abgemagert, dass ihre Beckenknochen deutlich hervortreten. Ihr Fell ist stumpf und ihre Augen haben keinen Glanz. Teilnahmslos sitzt sie einfach nur da. Knurrt nicht. Bellt nicht. Stumm beobachtet sie das Geschehen.

Lebenswerte Zukunft

"Die Tiere haben aufgegeben", sagt Amir Khalil. "Sie erwarten nichts mehr vom Leben. Das kann man in ihren Augen lesen." Es ist diese Hoffnungslosigkeit, die ihn antreibt. Die ihn und das ganze Team durcharbeiten lässt, damit die Tiere schon bald eine lebenswerte Zukunft haben. Ohne Raketengeheul. Ohne Explosionen. Ohne Angst.

Die schwarze Hündin ist skeptisch, lässt sich aber gefügig in ihre Transportbox bringen. Ihr Artgenosse, ein Schäferhundmischling, knurrt, als die Tierschützer sich dem Käfig nähern. Er kann sich nicht verstecken oder fliehen. Geduldig hockt sich Marion Lombard vor seine Gittertür und redet beruhigend auf den Rüden ein. Aber der Hund weiß nicht, wie ihm geschieht. Er hat Angst. Fast rechnen die Tierschützer damit, dass er angreifen könnte, wenn sie die Tür öffnen. Doch wider Erwarten ist der Hund nicht feindselig, sondern freundlich. "Er hat mein Herz gestohlen", sagt Marion. "Er war so ängstlich und so scheu. Wir dachten wirklich, er wäre aggressiv. Doch als wir das Gitter öffneten, hat er sich gefreut und war so lieb."

Schließlich ist es vollbracht und die 47 Zootiere von Rafah sind in ihren Boxen auf dem Lastwagen verstaut. Doch die Mission ist erst dann ein Erfolg, wenn alle Tiere sicher in Jordanien angekommen sind. Die Rückfahrt ist ebenso aufreibend wie die Fahrt nach Rafah. An jedem Checkpoint inspizieren Soldaten die Fracht. Weil keine Autos Gaza Richtung Israel verlassen dürfen, muss der Lkw an der Grenze getauscht werden, ein weiteres Mal bei der Überführung nach Jordanien – eine Tortur für die Retter und die Tiere. Erst als alle Hürden genommen sind, steht fest: Die Mission ist gelungen. Aber noch nicht beendet. In dem Königreich sollen die Tiere auf verschiedene Schutzzentren verteilt werden. Das heißt weiterfahren, bis einige von ihnen zum ersten Mal Gras unter ihren Pfoten spüren.

"Der Moment, als wir Gaza verlassen haben und in Sicherheit waren, das war eine große Erleichterung. Doch der schönste Moment ist, wenn die Tiere zum ersten Mal ihre Boxen verlassen, ohne dass Menschen sie bedrängen, und sie plötzlich Platz haben, sich zu bewegen", sagt Khalil. "Die Tiere verbringen Jahre in einem kleinen Käfig, dann werden sie betäubt und in ein neues Leben gebracht. Es ist, als ob jemand stirbt und im Paradies erwacht. Darum machen wir das. Das ist einfach wunderschön mitanzusehen." Amir Khalil weiß aus Erfahrung, dass sich nicht alle Tiere von ihrer Vergangenheit erholen können. Der Rüde und die Hündin werden zunächst im Humane Center For Animal Welfare in Amman untergebracht. Dort werden sie geimpft und medizinisch versorgt, bis sie in ihr neues Zuhause nach Deutschland kommen. "Nun sind die Hunde in einem Schutzgebiet und in Sicherheit. Sie wurden sauber gemacht und gefüttert. Es wird mit ihnen spazieren gegangen und sie haben Auslauf und sie bekommen Zuneigung. All das bewirkt etwas in den Hunden", sagt Khalil.

Ai Weiwei

Die beiden Hunde sind stark genug, den Terror hinter sich zu lassen, da ist Marion Lombard zuversichtlich. "Als ich den Rüden das erste Mal in seinem Käfig sah, war er sehr ängstlich. Aber als ich ihn in Jordanien aus der Box gelassen habe, ist er ein bisschen herumgelaufen und wollte immer wieder gestreichelt werden. Er hat das so genossen. Das ist das Schönste. Wenn man einem traumatisierten Tier begegnet und dann sieht, was für ein Wandel geschieht."

Über mehrere Wochen werden die Hunde nun aufgepäppelt und resozialisiert. Erst wenn ihre Bluttests in Ordnung sind, dürfen sie nach Deutschland, wo ihr neues Herrchen auf sie wartet: Als der chinesische Aktionskünstler und Menschenrechtsaktivist Ai Weiwei von der Gaza-Mission hörte, hatte er sofort angeboten, beide Hunde zu adoptieren. "Ai Weiwei war in der Vergangenheit bei Rettungsmissionen mit mir dabei", berichtet Khalil. "Er hat ein großes Herz. Er findet es wichtig, die Hunde nach ihrer Rettung nicht voneinander zu trennen." Amir ist zuversichtlich, dass die beiden Hunde in Berlin bei Ai Weiwei die Schrecken des Krieges verarbeiten können. "Gemeinsam wird es ihnen leichterfallen. Sie sind füreinander die einzige gute Erinnerung an ihr altes Leben. Jetzt können sie zusammen ein neues beginnen."

Mehr Geschichten, die nur mit Hund passieren, finden Sie in der neuen DOGS!

Heft bestellen

Zum Vorteilsabo

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity