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Unterstützung von Sehbehinderten: Partner für ein Jahr – so nah kommen sich Blindenhunde und ihre Ausbilder-Familien

Wie ein Ehepaar einen Labrador ein ganzes Jahr lang auf seine Blindenhundausbildung vorbereitet und wie es ist, den Hund danach wieder gehen lassen zu müssen.

Von Frauke Gans

Thema Sehbehinderung: Ein schwarzer Labrador gibt einer Frau das Pfötchen

Wenn alles gut läuft, wird Labrador Cooper mit ­drei Jahren Partner eines Menschen mit Sehbehinderung

Fünf Stunden rollt Carolin Scholz in ihrem Kombi durch Deutschland, von Neuenhagen bei Berlin in das hessische Sontra. Dort, bei seiner Züchterin, wartet Cooper auf Caro. Das acht Wochen alte schwarze Fellbündel von satten acht Kilo pieselt auf der Rückfahrt alle halbe Stunde in die Transportbox. Welpenblase. Hund und Frau genießen die ersten gemeinsamen Stunden auf den Rastplatzwiesen, Caro glücklich mit Kaffee aus dem Pappbecher, Cooper mit Futter aus dem Reisefressnapf. Wenn Caro auf der Autobahn in den Rückspiegel schaut, weiß sie: Coopers Charakter passt zu seiner Bestimmung, so ruhig und entspannt räkelt sich der Labrador im Fond. Zu Hause wird die Ahnung zur Gewissheit: Der Riesenwelpe verbringt die erste Nacht unerschrocken auf dem Wohnzimmersofa, wahlweise auf Caros Gesicht oder dem Bauch ihres Lebenspartners Nick Kurbatsch. Es stimmt sie fröhlich und traurig zugleich. Weil es Liebe auf den ersten Blick ist, aber auf Zeit.

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Cooper, der zu einem Blindenhund ausgebildet werden soll, wird nur sein erstes Lebensjahr bei Caro und Nick verbringen. Dann ist er alt genug, um von seinen zwei Paten in das Rudel bei Hundetrainerin Susanne Grüning der GG Hundeschule in Berlin umzuziehen und seine Ausbildung zu beginnen. Wenn alles gut läuft, wird er mit ­ungefähr drei Jahren Partner eines Menschen mit Sehbehinderung. Denn dafür hat man ihn aus dem Wurf anhand seines Charakters ausgesucht. Hundetrainer orientieren sich dabei vor allem an der Gelassenheit der Welpen. Sind sie wenig schreckhaft, clever, lernbegierig, jagen Spielzeug ungern hinterher und lassen sich von Fremden freundlich tätscheln? Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, ein guter Blindenhund zu werden. Caros und Nicks Aufgabe dabei ist Coopers Betreuung und Sozialisierung, solange er noch so klein ist. Sie gewöhnen ihn an unterschiedliche ­Situationen, fördern die Beziehungsfähigkeit zu Menschen und bereiten ihn auf die anschließende Ausbildung vor. ­Ehrenamtlich. Paten werden lediglich das Futter und die tierärztliche Versorgung des Hundes gestellt. Eine Ausbildung brauchen sie für diesen Job nicht, nur guten Willen und entsprechende Wohn- und Lebensumstände. Und die Bereitschaft, den Hund nach einem Jahr wieder herzugeben. Selbst wenn sie ihn kaufen wollten, weil sie ihn in der gemeinsamen Zeit zu lieb gewonnen haben: keine Chance, geeignete Hunde sind für Blinde zu wertvoll. "Es gibt durchaus Paten, die uns das schon angeboten haben“, sagt Hundetrainerin Susanne Grüning.

Hier geht es ­einzig um die Unterstützung eines Menschen mit Sehbehinderung

Wieso also tun Caro und Nick sich das an? "Zugegeben, wir haben etwas Angst vor dem Moment, in dem wir Cooper abgeben müssen. Wir bleiben aber wenn möglich mit ihm in Kontakt und helfen einem Menschen.“ Ihr einziger Antrieb? Die 32-jährige Wildtierbiologin arbeitet beruflich mit Hilfshunden im Leibniz-­Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. "Das hat mich letztendlich auf die Idee gebracht, diese Patenschaft einzugehen. Hier geht es ­einzig um die Unterstützung eines Sehbehinderten. Es gibt allerdings einen Zusatzbonus: Wir werden dieses Jahr nie vergessen. Und weil wir demnächst Kinder und einen eigenen Hund möchten, dachten wir: Jetzt oder nie.“ Es steckt also viel Idealismus hinter dieser Aufgabe und natürlich jede Menge Arbeit. ­Cooper braucht im ersten Hundejahr Trainingseinheiten, um sich auf die künftige Ausbildung vorzubereiten. Pateneltern Caro und Nick treffen sich dazu regelmäßig mit der Hundetrainerin an ausgesuchten Stellen wie dem Einkaufszentrum Forum in Berlin-Schöneberg. Es eignet sich ideal, um Cooper mit dem Stadtleben vertraut zu machen. Mit dabei Susi Grünings Hund Happy, bereits in Ausbildung, und ein ­weiterer Pate mit Vierbeiner: Tim Kaßner und Hund Moe aus Paderborn. Auf dem Weg eine erste Trainingseinheit: Eine Horde Fußballfans verstopft die Treppe nach draußen. Die Hunde Cooper, Moe und Happy traben lässig an dem Pulk vorbei Richtung ­Ampelübergang. Eins mit Sternchen! Damit die drei ver­stehen, wie man mit einem Hupfer anzeigt, wo der Ampelknopf sitzt, steckt die Hundetrainerin Leckerlis in den Spalt neben dem Schalter. Moe schaut irritiert aus großen Labradoraugen: Normalerweise sollen sie doch nicht springen, Blindenhundregel. Hier schon! Ein Satz, Leckerli geschnappt, gut gemacht.

So lernen Sie das? Normalerweise schon. Aber für Susi Grüning bleibt ein Risiko. Blindenhundeausbilder suchen zwar die Welpen gezielt bei einem Züchter ihres Vertrauens aus, aber manchmal erweist sich ein Tier nach einem Jahr als doch nicht geeignet: Gelenkprobleme, zu ängstlich, zu stur. Dann dürfen Paten den Hund für eine kleine Ablösesumme behalten. Ein Verlustgeschäft für Hundetrainer. Die bereits grob 3000 ausgegebenen Euro sind einfach weg. Manchmal gibt es auch Paten, die sich von ihrem Schützling nicht trennen möchten und ihm bewusst Tricks beibringen, wie einen Ball zu apportieren. Mit einem Sehbehinderten am Geschirr wäre ein solcher Jagdtrieb fatal. Wenn Paten so handeln, hilft es leider auch nichts, diese Hunde werden dann anderweitig ausgebildet, für weniger anspruchsvolle Tätigkeiten. Die bisherige Arbeit war dann allerdings umsonst. Viel Verant­wortung für Caro. "Hier geht es um mehr als persönliche Befindlichkeiten. Außerdem haben wir mit der Trainerin einen Vertrag abgeschlossen, was wir mit den Tieren unternehmen sollen oder was wir keinesfalls machen dürfen. Leider halten sich nicht alle daran.“

Harte Proben für die Hundenerven

Die drei Paten im Berliner Einkaufszentrum arbeiten allerdings vorbildlich mit. An der Drehtür angekommen, dürfen ihre Hunde davor nicht zurückschrecken. Happy läuft tapfer hinein. Für sie ist in erster Linie wichtig, die Tür so zu passieren, dass später ihre blinde Begleitung nicht draußen stehen bleibt, während der Labradoodle Karussell fährt. Kaum ist die Herausforderung Drehtür ­gemeistert, wartet die nächste: Kinder kämpfen vor den Labradornasen mit Spielzeugschwertern. Eine harte Probe für Hundenerven. Weiter vorbei an der Rolltreppe, die dürfen die drei keinesfalls ansteuern, Blindenhunde ­haben so schon Zehen verloren, dafür Richtung gläserner Fahrstuhl. Das reicht. Nur Happy soll noch mit der Brust an der kreisförmigen Steinbank anzeigen, wo man sich hin­setzen kann. Cooper legt derweil seine Hundeschnauze auf die beige­farbene Hose einer zufällig vor ihm sitzenden Dame, die ihm sofort entzückt den Kopf tätschelt. An ihrem Oberarm eine gelbe Binde mit drei schwarzen Punkten. Als wüssten beide, dass sie füreinander bestimmt sind. Patin Caro erklärt der Frau den unglaublichen Zufall und wen sie streichelt. Die ist begeistert: "So einen hätte ich auch gern.“ 

In Deutschland leider nicht einfach. Der Staat zeigt nur geringes Interesse, obwohl die Tiere Blinden ein relativ normales Leben ermöglichen könnten. Aber die Ausbildung ist teuer. Krankenkassen finanzieren Blindenhunde erst, nachdem jemand mit Sehbehinderung einen Antrag für einen bereits ausgesuchten, von einer zertifizierten Trainerin fertig ausgebildeten Hund mit bestandenem Gesundheitstest gestellt hat und dieser bewilligt wurde. Nicht selten erhalten Blinde die Ansage: Ein Stock reicht. Hundetrainer wie Susanne Grüning strecken die 30000 Euro für Futter, Unterricht und Fahrten vor, bis zum Abschluss der Ausbildung. Klingt nach eher keinem sicheren Geschäft. "Aber darum geht es nicht. Mit dem Hund über­geben wir ein beträchtliches Maß Lebensqualität.“

"Einige Verhaltensweisen müssen wir ihm allerdings noch ­abtrainieren“

Für Cooper sieht es gut aus. Genau wie im Einkaufszentrum verhält er sich auch daheim auf Spaziergängen in der ländlichen Gegend rund um Caros Haus: vorbildlich. Er stürmt über die grünen Hügel in Neuenhagen, Vögel oder die Pferde auf der Koppel beachtet er kaum. Letztere schnauben ebenfalls desinteressiert weiße Atemwolken, während der Hund den Feldweg weitertrabt. "Einige Verhaltensweisen müssen wir ihm allerdings noch ­abtrainieren“, bemerkt Caro. Welche, wird klar, als ein paar Reiter samt Pferden an Cooper vorüberziehen: Er findet die Gruppe hochinteressant und läuft fröhlich neben ihr her. Die Menschen auf den Pferderücken sind weniger amüsiert. Also zügig Abstand schaffen mit gemurmelten Entschuldigungen. Caros mentale Notiz: Unbedingt Susi davon erzählen. Denn Paten verpflichten sich, möglichst viele unterschiedliche Dinge mit den Hunden zu unternehmen und der Trainerin über Verhaltensweisen Bericht zu erstatten. Auch des Labradors Vorstellung, er wäre ein Windfang für den Spalt unter der Haustür, könnte sich für einen Blinden zum Problem entwickeln. Auf dem Weg in den Garten muss Caro die Tür mitsamt inzwischen 35 Kilogramm Hund aufschieben. Ein gelangweilter Blick von Coopers Seite, während er mit dem Bauch den Fliesenboden wischt. Für jemanden ohne Sicht wird der Hund zur Stolperfalle.

Und wie empfinden Sehbehinderte die tierische Hilfe? Der erste Vorsitzende des Deutschen Blindenhunde e. V. Andreas Schmelt kann kaum sehen. "Mit dem Stock hab ich mich von Hindernis zu Hindernis getastet. Mit Hund konnte ich plötzlich wieder im selben Tempo laufen wie vor meiner Blindheit. Das ist fantastisch.“ Das ist nicht der einzige Vorteil: "Manchmal stellen sich mir Menschen in den Weg, um zu testen, ob ich wirklich nicht sehen kann. Mit meinem Hund wagen sie das nicht. Trotzdem muss Sehbehinderten und ­Paten klar sein, dass sie kein Navigerät erhalten, sondern einen lebendigen Hund. Inklusive Haaren auf den Möbeln, Toilettengängen und Verlangen nach Zuneigung.“ 

Beobachtet man Cooper in seinem Zuhause auf Zeit unter diesem Gesichtspunkt, versteht man die gelegentlichen Ermahnungen. Der schwarze Labrador galoppiert durch den Nieselregen. Die nicht gepflasterten Wege hinter dem Haus sind entsprechend schlammig. Leise bimmelt sein Glöckchen am Hals, damit ein Blinder ihn draußen später orten kann. Anschließend beim Kaffee liegt der Geruch nach nassem Hund über Caros Wohnzimmer. In der Wanne liegen Handtücher mit dem Matsch der Pfoten. Für Paten viel Aufwand und für Sehbehinderte eine komplizierte Putzaktion. Außerdem nicht zu vergessen die Emotionen, die Hund und Betreuer miteinander verbinden. Man gibt den Vierbeiner nicht ab wie eine Google-Maps-App. Caro schaut nachdenklich auf den nicht mehr so kleinen Cooper. "Mir steht der Tag des Abschieds bald bevor.“

Aber alle Anstrengungen, Trennungsschmerzen und behördlichen Hürden verblassen im Vergleich zur Freiheit, die ein Blindenhund nach seiner Ausbildung einem sehbehinderten Menschen verschafft. Andreas Schmelt von Blindenhundeverein sagt: "Er ist ein Freund in allen Lebenslagen. Weshalb dringend mehr Paten gebraucht ­werden. Von 150000 Blinden in Deutschland haben nur 3000 Sehbehinderte einen ausgebildeten Hund.“ Da ist viel Luft nach oben, die Nachfrage steigt. Und Carolin Scholz sagt: "Genau deshalb machen wir das!“

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