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Fotografie: Francis Giacobetti: Die Geometrie der Gefühle

Paris. Es ist ein eiskalter Januartag und aus dem Fenster eines Dachzimmers könnte man jetzt den nahen, beleuchteten Arc de Triomphe sehen, aber man mag nicht aufstehen

Von Jochen Siemens

Paris. Es ist ein eiskalter Januartag und aus dem Fenster eines Dachzimmers könnte man jetzt den nahen, beleuchteten Arc de Triomphe sehen, aber man mag nicht aufstehen, weil man keine dieser Geschichten verpassen will, mit denen der Mann in seiner Koje die Atmosphäre wärmt. Francis Giacobetti braucht ein bisschen Zeit, bis seine Erzählerseele in Fahrt kommt, aber dann sprudelt es aus ihm heraus. Ja, Woody Allen wollte nur zehn Minuten Zeit hergeben und war erstaunt, als ihm Giacobetti sagte: »Das genügt mir auch«. Genügte natürlich nicht, aber Allen schaute nicht auf die Uhr. Es wurde eine lange Stunde. Man kann jetzt irgendeinen Namen fallen lassen, Giacobetti weiß eine Geschichte dazu. Francis Giacobetti ist Fotograf, aber er sagt so gut wie nie das Wort »Belichtung« oder »Entwickler« oder »Linse«. Solche Sachen hat er längst verinnerlicht, in seinem Kopf eingebaut. Wenn man ihn lange beobachtet, sieht man, wie er seine Augen dreht, als seien sie ein Objektiv, und wenn er dann sein Leben erzählt, fühlt man sich wie in einer Ausstellung, durch die er einen führt. Manchmal zeigt er dabei auf Bilder an der Wand, die da aber gar nicht hängen.

Wenn man hier, im Stockwerk über seinem Studio, in der engen Dachkammer sitzt, dann kommt einem das Leben draußen wie ein Meer und Francis Giacobetti wie ein eigenartiger Kapitän Nemo vor, der sein Schiff nun seit knapp 50 Jahren da hindurch steuert. Die kleine Kammer ist vollgestopft mit Büchern, mit Bildern und mit einem Miniatur-Wald von Flakons der Parfumlinie Issey Miyake. Francis Giacobetti sieht aus, als lebe er schon ewig in seiner Dachkammer, er bewegt sich wie in einer heimischen Höhle. Er hat ein rundes Gesicht mit blauen, blitzenden Augen und leicht aufgeregten Zügen, so als ob er immer gleich ein Foto machen müsste. Sein Englisch ist gut, aber er traut seinem Vokabular nicht und rutscht deshalb immer wieder ins Französische. »Ich bin Korse«, sagt er und Korsen seien nun mal Menschen, die keiner Sprache so richtig vertrauen.

Die Familie Giacobettis war korsisch, aber Francis kam 1939 in Marseille zur Welt. Als er fünf Jahre alt war, zog die Familie in das gerade befreite Paris, eine Stadt, in der so viel passierte und in der so viel zu sehen war. »Leica«, sagt Giacobetti, war eines der ersten Wörter, die er lernte, und er war 14, als sein Vater ihm eine schenkte. Und wie so oft in Fotografen-Biografien wurde auch bei ihm die erste Kamera eine Art Charakterteil und Wachstumshilfe. »Ich war ein schüchterner Junge, so wie ich es heute noch bin und die Kamera war immer eine Art Entschuldigung, sich Menschen und Dingen zu nähern. Außerdem schützt sie das Gesicht, man fühlt sich dahinter versteckt.« Und so zog der kleine Korse jeden Nachmittag durch Paris, setze sich in Parks, »ich lauerte im Bois de Boulogne auf Menschen, die ich fotografierte«. Giacobetti erzählt das beiläufig, ganz so, als hätte er Fußball gespielt.

Damals, Anfang und Mitte der 50er Jahre hatte die Fotografie noch nicht so viel Glamour und niemand konnte davon richtig reich werden. Wer eine Kamera hatte und sie halbwegs bedienen konnte, war Fotograf, eine Art lichtbildender Dienstleister. »Mein Vater kannte in Paris einige Menschen, die mit 'Paris Match' zu tun hatten, und so wurde ich Assistent bei einigen Fotografen.» Und kurze Zeit später dann selbst Fotograf, denn die immer größer werdenden Illustrierten brauchten Bildermaterial, weil die Menschen in den Blättern immer mehr sehen wollten.

»Ich wurde Fotoreporter, und zwar kein guter«, sagt Giacobetti in seiner Koje unter dem Dach. Eines seiner ersten Bilder für »Paris Match« war ein Porträt von Farah Diba, der Frau des Schahs von Persien, und es wurde auch gleich Titelblatt. Aber die Realität, das Umherhetzen in Paris zusammen mit einem Dutzend anderer Kollegen, die sperrigen Kameras und das Tempo, all das wurde ihm zu lästig. Ein Wegelagerer der Wirklichkeit, das war nicht seine Vorstellung, Bilder zu machen. »Obwohl ich die Kollegen immer ein bisschen beneidete, so nah dran Geschichte mitzuerleben. Da war so ein Tag, als Kennedy nach Paris kam zu einem Treffen mit de Gaulle, ich als Fotograf mitten in einem Pulk. Alle machten ihre Bilder. Ich aber schaute immer wieder durch den Sucher und immer gefiel mir der Ausschnitt nicht. Ich machte kein Bild.« Das war nur eine von Giacobettis Eigenwilligkeiten.

Mit 17 hatte er in Paris seine damals 16jährige Freundin geheiratet, und beide saßen bald in den Cafés vor den Büros der Zeitschriftenverlage und diskutierten mit Art-Directoren und anderen Fotografen, wie Cartier-Bresson, oder jungen Modemachern, wie Yves Saint Laurent, über Bilder und Layouts. »Ich arbeitete sehr früh mit Farbfilmen und experimentierte damit herum und versuchte ein Spezialist zu werden. Das konnten damals nicht so viele.« Mode, Schönheit und Stil sollten seine neuen Themen werden. »Ich wollte inszenieren und neue Perspektiven schaffen«, sagt er. » Mit Models zu arbeiten, ist wie einen Strauß Blumen zu arrangieren. Die Fotografen drehen sie ein bisschen und ordnen sie neu, und schon sind sie eine neue Schönheit.« Mitte der 60er Jahre entstand dabei seine typische Handschrift - eine beinahe kühle, aber in jedem Detail perfekte Inszenierung von Schönheit, Gesichtern und Körpern, deren Gewagtheit von einer Art Unschuld seiner fotografischen Technik wieder aufgefangen wurde. Ein eigener Stil, der den jungen Fotografen zum Pionier eines neuen Themenbereichs werden ließ: der Erotik. Nacktheit als Stil, Körper als Design.

»Es war Daniel Filipacchi, der spätere ?Paris Match'-Verleger, der mich eines Tages fragte, ob ich mit ihm eine Art französischen Playboy machen wolle, das Heft sollte ?Lui' heißen«. Giacobetti wollte. 1963: ein ganzes Heft mit nackten Frauen - manch anderer Fotograf würde sich noch heute mit Worten feiern. Francis Giacobetti nicht, er erzählt davon beiläufig, wie von einem Routineauftrag - und ergänzt ruhig. »Es ging ja nicht darum, scharfe Bilder oder softe Pornografie zu machen, sondern um die Schönheit weiblicher Körperlandschaften. Mich haben dabei die Mädchen nie interessiert, also als Mädchen nicht, als Körper schon.«

Tatsächlich verbarg sich in diesen Auftragsarbeiten, so wie er sie umsetzte, schon ein erster Schritt, ein Konzeptfotograf zu werden, der sich eines Themas annimmt und wie besessen versucht, es in neue Bilder zu übersetzen. Schnell und sachlich gibt Giacobetti noch Auskunft darüber, dass er sich 1976 dazu überreden ließ, als Regisseur den Film »Emanuelle 2« zu drehen, »eine furchtbare Erfahrung«, wie er sagt. Keine weiteren Fragen dazu, bitte.

Dennoch, man muss, wie Giacobetti, Körper ganz genau kennen, muss sie bis in jedes Detail mit der Kamera erforscht haben, um zu wissen, welche Lichterspiele mit ihnen möglich sind, welche Strukturen der Haut zu entdecken sind. Giacobetti weiß das alles. Körper und Formen faszinieren ihn, und von dort ist für ihn der Weg zu Abstraktionen nicht weit. Das Wort Fotograf ist zur Charakterisierung von Francis Giacobetti längst nicht mehr ausreichend. Er hat die Grenzen des Lichtbildners überschritten und versucht mit seinen Arbeiten, weit unter die bloße Oberfläche zu kommen. Monatelang hat er sich zum Beispiel mit der Farbe Rot beschäftigt, hat ausprobiert, was sie beim Betrachter auslöst, wann sie irritiert und wann sie beruhigt.

Dann wieder Menschen. Francis Bacon zum Beispiel, der Maler. Jahrelang versuchte Giacobetti, den scheuen Meister zu treffen, erst 1991 gelang es. »Ein außergewöhnlicher Mann, unglaublich. Er war 81 und erschien mir wie ein Vater.« Und Giacobetti versuchte, Bacons Gemälde in Fotografie zu übersetzen - stellte sie nach, interpretierte sie mit Unschärfen und Farben. Ja, vielleicht fühlte sich Giacobetti in dieser Phase »angekommen« - Bilder wie Seelen zu gestalten.Die Erfahrung Francis Bacon ließ den Fotografen nicht mehr los. In die Köpfe großer Geister zu schauen, sie zu portraitieren: Mit Bacon begann Giacobetti sein aufwändigstes und ambitioniertestes Projekt »Hymn«, eine Art Charakter-Expedition. 150 Persönlichkeiten auf der ganzen Welt hat er bis heute in Triptychen fotografiert: das Gesicht, die geöffnete Hand und »der einzige Farbfleck des Menschen«, die Iris der Augen. »Am Anfang war es sehr schwer, die Menschen zum Mitmachen zu bewegen, aber je mehr es wurden, desto einfacher wurde es.« Tagelang bastelte Giacobetti in seinem Studio an einer Lichtkonstruktion, die das Auge von der Seite so beleuchtete, dass die Iris wie ein Flammenkranz herausschimmert. »Für mich war es eine Reise zu den großen Geistern«, sagt Giacobetti, und wenn man ihn fragt, was wichtiger dabei war, das Foto oder die Bekanntschaft mit dem Fotografierten, dann zögert Giacobetti zum erstenmal: »Hmmm, das Foto..., nein, eigentlich die Bekanntschaft....« Und dann erzählt er Geschichten. Wie García Márquez an seiner Studiotür die Klingel suchte, allein, beinahe verirrt. Und dann fallen Giacobetti wieder Geschichten von früher ein. Von Brigitte Bardot, die er unzählige Male fotografierte, oder Alain Delon. Und Carole Bouquet, mit der er ein Kind hat. Pariser Geschichten.

Und Geschichten aus ganz anderen Welten wie Havanna.Neben dem Lebensprojekt »Hymn« ist Kuba die andere große Leidenschaft von Giacobetti. Inzwischen kennt er kein Land besser. »Es ist großartig, auf Kuba zu fotografieren. die Menschen dort sind noch nicht so von Medien und anderen Dingen abgelenkt, sie schauen einen noch richtig an. Neugierig, forschend und geduldig.«

Genau so, wie Francis Giacobetti bis heute die Menschen anschaut.