Burlesque-Shows Die Rückkehr des kunstvollen Striptease


Ein Trend erobert Deutschland: Burlesque, der erotische Tanz aus den 20ern, feiert nicht zuletzt wegen Dita von Teese seine Renaissance. Jetzt hat die erste Burlesque-Bar in Hamburg eröffnet. Dort ziehen sich keine Barbie-Puppen mit Silikon-Busen aus.
Von Thomas Soltau

Das Epizentrum der neuen Burlesque-Szene liegt versteckt in einer Seitenstraße am Hans-Albers-Platz mitten auf dem Hamburger Kiez. Vorbei an Prostituierten, lautstarken Koberern der Striplokale und Bierpinten, öffnet sich die Tür zur Queen Calavera. Das kleine Lokal in der Gerhardtstraße funktioniert wie ein Time Tunnel: Wer einmal den Eingang durchschreitet, kommt sich vor, als mache er eine Zeitreise in die Vergangenheit. Tätowierte Mädels in Korsagen, Rockabillies mit Haartollen und Tänzerinnen im Marilyn-Monroe-Look unterhalten sich und warten auf den Auftritt von Burlesque-Tänzerin Eve Champagne.

In der ehemaligen Strip-Bar herrscht eine verruchte Atmosphäre. Die Wände sind blutrot gestrichen, Barfrauen servieren Cocktails in High Heels und eng geschnürten Matrosen-Kleidern. Im Hintergrund läuft lasziver Swing. Überall blinkt und funkelt es: Die Kronleuchter an der Decke, Strass-Schmuck auf nackter Haut und lackierte lange Fingernägel ziehen die Blicke auf sich. Doch die teils grellen Kleider aus Seide und Taft mit ihren glitzernden Applikationen faszinieren nicht nur heterosexuelle Männer: Gut die Hälfte der Besucher von Burlesque-Shows ist weiblich - und auch Drag Queens und Schwule fühlen sich hier wohl.

Nippelhütchen unterm Business-Kostüm

Dann betritt Eve Champagne die winzige Bühne: Die Tänzerin trägt ein Business-Kostüm aus den 50er Jahren, turmhohe High Heels und sieht aus, als ginge sie gleich mit Gregory Peck auf eine Cocktail-Party. Doch plötzlich öffnet Eve die großen Knöpfe ihres Kostüms, zieht sich langsam aus, wackelt mit dem Po wie beim Samba und schüttelt neckisch die Brüste. Im Takt der Musik wackeln ihre Nippelhütchen. Bei dem schlangenhaften Tanz muss die auf über 1,90 Meter Körpergröße aufgebockte Eve aufpassen, sich nicht am Deckenbalken zu stoßen. Das Publikum ist entzückt, es pfeift und kreischt. Willkommen im Queen Calavera, Deutschlands erstem Burlesque Club. "Ich liebe es, für eine Nacht jemand anderes zu sein, mich so zu geben, wie ich es nicht unbedingt tagsüber machen würde", sagt Eve. Wie ihr geht es vielen Gästen.

Im Namen der Burlesque

Obwohl der Laden im Rotlichtviertel steht, ist Go-Go-Gewackel hier verpönt. Mit den Strip- und Porno-Kaschemmen entlang der Reeperbahn hat dieser kleine Club nichts gemein. Deshalb verirrt sich kaum ein Tourist ins Queen Calavera. Wer den Weg hierher findet, klopft nicht ahnungslos an die Tür. "Wir wollen den erotischen Tanz der 20er Jahre wiederbeleben und reformieren", sagt Betreiberin Claudia Gritl, die mit Ehemann David bereits den benachbarten Rock'n'Roll-Schuppen King Calavera betreibt. Die Chefin ist eine außergewöhnliche Frau: Tagsüber arbeitet sie in einem Emissionshaus, eine Bank für Wertpapiere, abends kümmert sie sich um die Läden und in der Mittagspause nimmt Claudia gelegentlich Waren für beide Clubs an. Ach ja, und die Buchhaltung am Ende des Monats erledigt die Power-Frau natürlich auch noch.

Als Gegenpol zur anstrengenden Arbeit macht sie von sechs bis acht Uhr morgens gelegentlich Sport. Die 32-Jährige hat als Tochter eines Industriellen den Weg von Heidelberg nach Hamburg gesucht. "Von der beschaulichen Villa mit Garten direkt auf den wilden Kiez", lacht Claudia. Hier lebt und arbeitet sie jetzt. Ihre Arbeitskollegen aus der Bank sind mittlerweile Stammkunden im Queen Calavera.

Erbsen-Brüste, Orangenhaut und Schwabbel-Popos

Spätestens seit Dita von Teese, die Ex-Ehefrau des Schockrockers Marilyn Manson, aus dem Cocktail-Glas krabbelt, liegt Neo-Burlesque im Trend. "Dieser Tanz ist eine Kunstform, die Humor und Erotik vereint", erklärt Queen Calavera-Chefin Claudia. Denn blank gezogen wird im Gegensatz zum Striptease nie: Tanga und selbstklebende Pailletten-Pasties auf den Brustwarzen bewahren stets Freiraum für Gedankenspiele - und verdrängen alles Ordinäre.

Im Jahre 1840 soll erstmals der Terminus "Burlesque" aufgetaucht sein. Damals belustigte der Tanz angeblich die unteren sozialen Schichten in Großbritannien und den USA - immerhin bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein. Im burlesquen Theater verschmolzen Musik, Comedy und Tanz zu literarische Parodien oder vulgären Possen. Immer mit dem Ziel, die hohen Werke des Theaters und der Opern sowie die Gepflogenheiten der "Upperclass" zu karikieren.

Dabei ist das Aussehen der Tänzerinnen, anders als beim Go-Go-Tanz, nicht so wichtig. Perfekte Maße gibt es in der Werbung oder bei "Germany's Next Topmodel". In der Burlesque-Szene bejubeln Besucher völlig selbstverständlich Erbsen-Brüste, Beine mit Orangenhaut oder Schwabbel-Popos. Ein Spektrum des Alltags, in der Frauen jeder Façon zu bewundern sind. Das fasziniert auch die Teaserettes, eine Burlesque-Gruppe aus Berlin. "Im Burlesquen zeigen sich Frauen, wie sie sind, das ist das Emanzipatorische daran", sagt Sandra von dem Ensemble aus der Hauptstadt. "Es geht hier nicht um ein klassisches Schönheitsideal, vielmehr geht es um Humor." Barbie-Puppen-Doubles mit Brüsten aus Silikon will deshalb niemand sehen.

Ein erotischer Tanz kehrt zurück

Sandra Steffl und ihre Mädels von der Burleque-Truppe Teaserettes spucken etwa zerkaute Bananen ins Publikum und prahlen mit ihren Muckis, während sie auf der Bühne ihre Popos schwingen. Das Ganze erinnert zuweilen an die Comedy-Auftritte von Ingrid Steeger in der 70er-Jahre-Sendung "Klimbim". Da wird mit Stofftigern zu "Teach me Tiger" geschmust, ein Baguette-Brot frivol angehimmelt oder der "Tassel Twirl" getanzt, bei dem die Brüste nur noch mit einem winzigen Deckel mit Fransen bedeckt sind.

Neben Hamburg ist Berlin die Stadt der Burlesque-Bewegung: In abwechselnden Locations, wie in der "Bar jeder Vernunft", trifft sich die Szene. Und die ist längst nicht mehr so klein. "Bei uns treffen ich die unterschiedlichsten Menschen, um zu feiern", sagt Claudia Gritl. "Wir wollen, dass unsere Gäste auch die Musik und das Ambiente genießen." Bei bis zu fünf relativ kurzen Shows bleibt dafür viel Zeit.

Speerspitze der Emanzipation

Anfragen talentierter und weniger talentierter Tänzerinnen bekommt Claudia mittlerweile viele - was die Arbeit mitunter schwierig macht. "Da meldet sich schon mal die Hobby-Stripperin von nebenan, der ich dann erklären muss, dass wir eine Burlesque-Tänzerin suchen." Gott sei dank überwiegen die Anfragen von professionellen Tänzerinnen, auch aus England und den USA. Dort gibt es schon seit langer Zeit eine Szene mit Bars, Clubs und erfolgreichen Bands wie etwa den Puppini Sisters. Seit vier Jahren hat sich das Londoner Trio dem Harmoniegesang der Andrew Sisters verschrieben und belebt in Look und Gestus die 30er- und 40er- Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Damen laufen auch in Ihrer Freizeit fast nie ohne High Heels und Korsagen durch die Gegend - immer Betty Page und ihre Kolleginnen im Visier.

Mittlerweile scheint die Welle auch zu uns rübergeschwappt zu sein. Ob in Berlin, Zürich oder Hamburg: Die Tatsache, dass Claudia Gritl häufiger Anrufe aus anderen Metropolen erhält und gefragt wird, wie man denn bitteschön einen Burlesque-Club aufzieht, bestärkt die gebürtige Heidelbergerin in ihrem Vorhaben. "Wir denken sogar daran, demnächst Burlesque-Kurse in unserem Club anzubieten." Dann, so die Vorstellung der schlanken und tätowierten Geschäftsführerin, soll auch Lieschen Müller in die Geheimnisse der getanzten Verführung eingewiesen werden. Eve Champagne würde es freuen: "Ich sehe das nicht als Konkurrenz an. Die Mädels sind die neue Speerspitze der Emanzipation und Botschafterin einer Erotik mit Augenzwinkern", meint die 23-Jährige. Dann geht Eve auf die niedrige Bühne und muss wieder aufpassen, sich nicht den Kopf am Balken zu stoßen.


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