Erotische Gebrauchsanweisung Nachhilfe fürs Bett


Gewusst wie - die New Yorkerinnen Melinda Gallagher und Emily Kramer haben eine erotische Gebrauchsanweisung für Frauen der "Sex and the City"-Generation geschrieben.
Von Andrea Ritter

New York City, an einem heißen Nachmittag im Spätsommer: Vor der "Craftbar" am Broadway stöckeln Frauen mit tellergroßen Sonnenbrillen und pedikürten Zehennägeln souverän von einer Boutique in die nächste. Anmutig und schweißfrei, als seien Sandalen mit kantsteinhohen Absätzen bei 30 Grad im Schatten die bequemsten Schuhe der Welt. Eigentlich ein ganz normaler Anblick, für New York. Wenn Melinda Gallagher nicht soeben diesen Satz gesagt hätte: "Ich wette, die meisten dieser Mädels wissen nicht, wie sie ohne Schmerzen Analsex haben können." Man blickt irgendwie anders auf die Frauen da draußen, nach so einem Satz.

Drinnen, in der Bar, ist es sehr schick, sehr voll, sehr laut. Und weil der Kellner mit der typischen Aufmerksamkeitsmanie amerikanischer Servicekräfte alle zwei Minuten nachfragt, ob auch wirklich alles "okay" sei, wehen ihm außer "Analsex" noch weitere Gesprächsfetzen ins Ohr. Masturbation! Orgasmus! Vibrator! Andere Frauen hätten da vielleicht die Stimme gesenkt. Nicht so Melinda Gallagher. Sie reißt die olivgrünen Augen auf, strahlt den Kellner an, richtet den Kragen ihrer weißen Bluse und bestellt noch einen Chardonnay. Eisgekühlt. Über Sex zu reden, und zwar laut und deutlich, gehört für Melinda Gallagher zum Beruf.

"Außen zart und innen saftig"

Gemeinsam mit Emily Kramer, ihrer langjährigen Freundin und vermutlich auch zukünftigen Schwägerin, hat die 36-Jährige vor acht Jahren eine Internetplattform für Frauen gegründet: "Cake - Where The Girls make the Rules" (www. cakenyc.com). Eine Gemeinschaft, in der Frauen die Regeln bestimmen und sich in Foren über ihre sexuellen Erlebnisse austauschen. Dazu gibt es Informationen über Veranstaltungen, erotische Literatur und Filme.

Cake heißt auf Deutsch Kuchen, ist aber auch eine nett gemeinte Umschreibung für Vagina. Ein treffender Ausdruck, wie die beiden finden: "Außen zart und innen saftig." Frauen beizubringen, wie sie diesen Kuchen möglichst uneingeschränkt genießen, ist das Ziel und die Grundidee von "Cake". "Wir möchten Frauen ansprechen, die so sind wie wir. Wie die Mädels da draußen auf der Straße. Selbstbewusst und feminin, mit heterosexueller Orientierung."

Um herauszufinden, was die avisierte Zielgruppe sexuell bewegt, haben Kramer und Gallagher fünf Jahre lang digitale Feldforschung betrieben - mit einem qualitativen Fragebogen im Internet, der streng genommen zwar nicht wissenschaftlich ist, dafür aber über Ankreuzen und Skalen von 1 bis 10 hinausgeht. "Beschreibe, wie sich Dein Orgasmus anfühlt, wie er aussieht und wie er sich anhört, wenn Du allein bist und wenn Du mit einem Partner zusammen bist", heißt eine Frage. "Welche sexuellen Fantasien hast Du, von denen Dein Partner nichts weiß?", eine andere. Rund 2000 dieser Fragebögen, die ihnen seriös und aufrichtig beantwortet erschienen, haben sie ausgewählt und daraus ein Buch entwickelt. Die amerikanische Originalausgabe hat einen noblen Einband aus dunkelrotem Samt, darum blicken die beiden etwas irritiert auf die deutsche Übersetzung: "SEX", prangt dort pink auf schwarz in Großbuchstaben. Emily Kramer, die als Austauschschülerin einige Zeit in Göttingen gelebt hat, entziffert belustigt den Untertitel: ",So machen's Frauen‘ … das klingt ja, als hätten wir eine außerirdische Spezies untersucht!"

Pornopartys nur für Frauen

Die Frau, das rätselhafte Wesen - das ist einer der Mythen, gegen die Kramer und Gallagher anschreiben. Weibliche Sexualität, so ihr Grundsatz, ist weder problematisch noch frustrierend und eine Klitoris nicht schwieriger zu bedienen als ein iPod oder ein Penis. "Das mag jetzt banal klingen", gibt Kramer zu. "Nicht banal ist jedoch, dass Frauen Schwierigkeiten haben, ein erfülltes Sexleben zu führen. Das kann man in jeder Zeitschrift lesen."

Ein Widerspruch, der Kramer und Gallagher seit ihrem Studium beschäftigt. Jeweils mit einem Abschluss in Public Health und Women's Studies ausgerüstet, wollten die beiden ihr Wissen und ihre Einstellung in nicht akademischer Sprache mit Frauen teilen. Statt Hörsälen oder Yoga-Räumen mieteten sie einen Nachtclub, veranstalteten Strip- und Pornopartys für Frauen und mussten sich gegen Sexismus-Vorwürfe wehren. "Wir haben bei den Partys keine professionellen Darstellerinnen und Tänzerinnen engagiert, sondern die Bühne in einem geschützten Umfeld den Frauen überlassen, die Spaß daran haben, sich zu zeigen", sagt Melinda Gallagher. "Anschließend haben wir Umfragen gemacht. Das Ergebnis war eindeutig: Frauen werden visuell stimuliert. Durch andere Frauen. Durch Männer. Und wenn sie das einmal erlebt haben, können sie es ja auch zu Hause ausprobieren."

Ausprobieren und die Initiative ergreifen, das ist folglich der zweite Grundsatz ihres Buches. "Von uns wird immer noch eher erwartet, beim Sex gut auszusehen, als uns gut zu fühlen", sagt Emily Kramer. Ein Problem, das man - Schritt eins - durch Masturbation umgeht, die man dann - Schritt zwei - in partnerschaftlichen Sex integriert. "Gerade junge Frauen fragen sich oft, ob es nicht auch okay sei, dass sie keinen Orgasmus haben. Ob es beim Sex nicht nur um Liebe gehen sollte", sagt Melinda Gallagher. "Wir werden nicht gerade zur Lust ermutigt."

Der Ton ihres Buches erinnert demgegenüber an die Rhetorik amerikanischer Wahlkampfredner. Yes we can! Neben Erfahrungsberichten von Frauen, heißen Sexabenteuern, ein wenig Nachhilfe in Biologie und der grundsätzlichen Ermutigung, sexuelle Wünsche wahrzunehmen, gibt es sogenannte Lust-Tipps. Zum Beispiel: "Packen Sie sich mit der Hand an den Schritt - es gehört alles Ihnen!" Oder: "Der Vibrator: Accessoire und Notwendigkeit. Gehen Sie nie ohne ihn aus dem Haus!" Mal ehrlich, ist das nicht ein bisschen albern?

Die neue Lockerheit

Es sei der Versuch, Sexualität fröhlich und gut gelaunt darzustellen, erklären die Autorinnen, die im Gespräch weitaus differenzierter und weniger cheerleaderhaft klingen. "Manchmal ist eine klare Aufforderung hilfreicher als eine Argumentation", sagt Emily Kramer. "Ich erlebe es oft genug, dass ich mich selbst daran erinnern muss, aktiv im Sinne unseres Buches zu sein."

Dennoch wirkt einiges befremdlich an dem Buch. Beispielsweise das Kapitel über die "weibliche Prostata", deren Existenz ebenso wie die "weibliche Ejakulation" hier wie selbstverständlich vorausgesetzt wird - medizinisch aber doch zumindest umstritten ist. Nicht zur Nachahmung empfohlen ist mit Sicherheit auch die Geschichte von Laura, die im Büro "online schweinische Geschichten" liest und anschließend ihrem Chef erzählt, "sie würde nie einen Orgasmus ablehnen, wenn sich ihr einer bietet".

"Wir wollen keine Regeln aufstellen", entgegnet Melinda Gallagher. "Sondern Frauen möglichst viele Optionen zeigen. Ihnen klarmachen, dass sie die Wahl haben. Und wir vertrauen darauf, dass jede für sich einschätzen kann, was infrage kommt." Sie blickt aus dem Fenster, zeigt auf zwei Frauen Anfang 20, die sich gegenseitig ihre neu gekauften T-Shirts vorführen. "Ich wette, dass die beiden sich für sehr aufgeklärt und weltgewandt halten. Aber was sie wollen, was sie fühlen und was in ihrem Körper vorgeht, können sie mit Worten kaum beschreiben." Noch so ein Satz, nach dem man anders auf die Frauen da draußen blickt. Wenn das so ist, können sie eine Portion euphorischer "Cake"-Nachhilfe tatsächlich gut gebrauchen.

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