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Corona-Nachhilfe "Es wäre Zeit für einen großen Wurf": Wieso Geld alleine für die Bildung nicht reicht

Franziska Giffey (l., SPD), Bundesfamilienministerin, und Anja Karliczek (CDU), Bundesbildungsministerin
Sehen Sie im Video: Groko schnürt "Corona-Aufholpaket" für Kinder – das steckt drin.




Corona-Aufholpaket – so heißt ein Aktionsprogramm, dass die Bundesregierung am Mittwoch auf den Weg gebracht hat. Damit werden zusätzliche zwei Milliarden Euro für Kinder und Jugendliche freigegeben. Die Hälfte der für die Jahre 2021 und 2022 veranschlagten Summe ist für Nachhilfe- und Förderprogramme vorgesehen. Schülerinnen und Schülern soll ermöglicht werden, Lernrückstände durch zusätzliche Förderangebote aufzuholen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek: "Mit dem Aktionsprogramm wollen wir erreichen, dass die Kinder und Jugendlichen möglichst unbeschadet durch die Pandemie kommen. In letzter Zeit ist ja viel Unterricht ausgefallen. Und dadurch haben sich eben bei vielen Schülerinnen und Schülern Lernrückstände aufgebaut." Für Kinder in bedürftigen Familien ist auch ein Kinderfreizeitbonus vorgesehen. Dafür sowie für Ferienfreizeiten und außerschulische Angebote sind 530 Millionen Euro eingeplant. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey: "Ob das der Kauf neuer Turnschuhe oder Ausstattung, um in den Ferien an einem Ferienprogramm teilzunehmen ist, das wird den Familien überlassen sein. Aber wir werden zusätzlich zu dem Kinder-Bonus, der jetzt im Mai für alle Kinder in Höhe von 150 Euro gewährt wird, im Sommer nochmal für bedürftige Familien mit kleinen Einkommen einen Kinder-Freizeitbonus in Höhe von 100 Euro gewähren." Das Kabinett brachte zudem einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler auf den Weg. Dieser soll ab dem Schuljahr 2026/2027 für Erstklässler gelten. Ab August 2029 soll dann jedes Grundschulkind der Klassen eins bis vier einen Anspruch auf acht Stunden Betreuung pro Tag haben. Der Bund will dafür 3,5 Milliarden Euro zur Verfügung stellen.
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Der Bund will eine Milliarde Euro für ein Corona-Nachhilfeprogramm ausgeben. Ein gutes Signal, findet unsere Autorin. Doch darf der Fokus dabei nicht nur auf den Abschlussklassen und den Kernfächern liegen.

Der Bund gibt Geld für Nachhilfe. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek hat angekündigt, eine Milliarde Euro für ein bundesweites Nachhilfeprogramm ausgeben zu wollen. Das ist ein gutes Signal. Denn es erkennt an, dass die Schulen nach einem Jahr mit Corona nicht einfach zur Tagesordnung zurückkehren können.

Je nach Bundesland sind bisher 300 bis 600 Unterrichtsstunden ausgefallen. Es gibt jedoch noch keine Studie darüber, wie der Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler ist, sondern allenfalls Schätzungen.

Lehrerverband fordert mindestens zwei Milliarden

Bereits vor einem Jahr, während des ersten Lockdowns im April 2020, äußerten 36 Prozent aller Lehrkräfte bei einer Forsa-Umfrage die Sorge, dass ihre Schülerinnen und Schüler Lernrückstände haben könnten. Daher ist es auch gut, wenn nun per Lernstandserhebung untersucht werden soll, wieweit die Kinder und Jugendlichen im Stoff sind.

Laut Karliczek hätten vermutlich 20 bis 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler große Lernrückstände, "vielleicht sogar dramatische", so die Bildungsministerin. Eingesetzt werden könnten Lehramtsstudierende, pensionierte Lehrkräfte, Bildungsstiftungen und private Anbieter, viele Details der Initiative sind aber noch unklar.

Doch statt darüber nachzudenken, wie das Geld aus Berlin sinnvoll ausgegeben werden kann – der Bund kann in Sachen Bildung immer nur das Geld geben, umsetzen müssen es die Länder – meldete sich der Deutsche Lehrerverband sogleich mit der Forderung: Das Geld reiche nicht, es brauche mindestens zwei Milliarden Euro. Ähnliche Zahlen hat auch das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) errechnet: 1,5 Milliarden Euro seien nötig, Förderbedarf hätten vor allem Kinder aus bildungsfernen Haushalten, so die Experten vom IW.

Was ist mit Geschichte, Kunst und Sport?

Schade ist, dass es bei dem Vorschlag aus dem Bundesbildungsministerium in erster Linie um die Kernfächer Mathe und Deutsch gehen soll. Dabei haben sich viele Schulen auf diese Fächer im Homeschooling konzentriert. Es gehören doch aber auch Geschichte, Geografie, Philosophie und Kunst oder Musik zur Bildung. Und was ist mit Sport? Schließlich waren nicht nur die Sportstunden gestrichen, sondern auch Sportvereine und Fitnessstudios geschlossen.

Dass vorrangig Jungen und Mädchen in Übergangs- und Abschlussklassen gefördert werden sollen, sendet leider vor allem das Signal: Bildung zählt in erster Linie fürs Abschlusszeugnis, für den Lebenslauf.

Unterschätzt wird dabei, wie wichtig Lernen für das Erwachsenwerden generell ist. Und es ist respektlos gegenüber den Anstrengungen, die Millionen von Schülerinnen und Schülern in den letzten Monaten allein zu Hause unternommen haben – auch gegenüber ihren Lehrerinnen und Lehrern.

Was hat die Bildungspolitik in den letzten Monaten eigentlich gemacht?

Für den aktuellen Abschlussjahrgang kommt die Hilfe sowieso zu spät. Die Abiklausuren und Prüfungen für den Mittleren Abschluss beginnen in einigen Ländern in rund vier Wochen. Das Corona-Nachhilfeprogramm soll jedoch erst zu Beginn des nächsten Schuljahres nach dem Sommer gestartet werden. Bis es losgehen wird, dauert es also noch Monate. Doch schon jetzt fragen sich viele Eltern: Was haben die Bildungspolitiker in den letzten Monaten eigentlich gemacht, um uns und unsere Kinder zu unterstützen?

Wichtig ist außerdem, dass die Corona-Nachhilfe nicht zur Beschämung für die Schülerinnen und Schüler wird (keiner bekennt gern, dass er oder sie zur Nachhilfe geht), sondern sie es als Chance begreifen. Für die Schulen könnte Corona die Chance bieten, die Lehrpläne zu aktualisieren und zu überlegen: Welche Schule brauchen wir? Welche Schule wollen wir?

Denn eines haben Lockdown und Home-Schooling gezeigt: Für die Kinder und Jugendlichen kommt es vor allem auf die Fähigkeit an, selbstständig zu lernen, Verantwortung für die Lernprozesse zu übernehmen und die eigene Arbeit zu strukturieren – und dafür ist im Unterricht bei vielen Schulen noch deutlich Luft nach oben. Statt also über Formalien zu streiten (wie viele Nachhilfestunden lassen sich mit einer Milliarde Euro finanzieren?), wäre es erfrischend, mal über eine Debatte für kreative Ansätze zu lesen, die einen Aufbruch in den deutschen Schulen signalisiert.

Es wäre Zeit für einen großen Wurf. Dann wäre das Geld richtig gut investiert.

les

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