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Tony Ward: Sinnliche Metamorphosen

Der Amerikaner Tony Ward scheut die Nähe zum erotischen Motiv nicht. stern.de hat dem Erotikfotografen bei seiner Arbeit über die Schulter geschaut.

Von Björn Erichsen

Sandy liegt rücklings auf der Fensterbank, bekleidet nur mit einem knappen, schwarzen Höschen. Ein Bein hat sie nach oben gestreckt, presst den hohen Absatz ihres Schuhs an die Schräge der Wand. Ihr anderes Bein ist im 45-Grad-Winkel angezogen. Sie blickt an die Decke. Seit einigen Minuten liegt sie so da, rühren darf sie sich nicht. Das hereinfallende Licht umspielt ihren zierlichen Körper, malt ihre Konturen an die Wand. Nur der Schatten verrät ihr kaum merkliches Zittern. Sie muss sich anstrengen, die vorgegebene Haltung zu bewahren, es ist ein Kampf gegen den eigenen Körper und die Uhr. Dann macht es einmal Klick, "Good Job, Sandy" wird durch Raum gerufen. Sie ist erlöst, etwas schwerfällig rappelt sie sich auf.

Ihr Erlöser ist gleichzeitig ihr Peiniger: Tony Ward, 49, Erotikfotograf aus Philadelphia, hat Sandy auf die Fensterbank gelegt, um einige Aufnahen von ihr zu machen. Ward hat seine Karriere hat er als Industriefotograf begonnen, hat sich einen Namen in der Mode- und Werbefotografie gemacht. Anfang der 90er Jahre kündigte er seine feste Anstellung und stieg in den Erotikbereich ein. Bereits mit seinem ersten Bildband "Obsessions" schaffte er den Durchbruch, fand mit seinen provokanten Aufnahmen weltweit Beachtung.

In seiner Arbeit ist Ward alles andere als zurückhaltend. Er liebt in seinen Bildern das Arrangement, die erotische Inszenierung, verleiht ihnen mit harten Kontrasten und extremem Farbenspiel immer etwas artifizielles. Als eines seiner fotografischen Vorbilder nennt er Helmut Newton, doch anders als der jüngst verstorbene Starfotograf sucht er oft die unmittelbare Nähe zum Motiv, lichtet auch Intimstes – meist mit grobem Korn - großformatig ab. Ward wurde für seine Arbeit vielfach ausgezeichnet, hat in führenden Galerien in New York, London und Paris ausgestellt, renommierte Magazine – darunter auch der stern - haben seine Bilder abgedruckt. Für seine Foto-Shootings ist er rund um den Globus unterwegs, hat schon einige der schönsten Frauen vor der Kamera gehabt.

Heute fotografiert er in Hamburg, genauer gesagt in einer Dachgeschosswohnung im Schanzenviertel. Sandy hatte ihm vor einiger Zeit eine e-Mail mit einigen ihrer Bilder geschickt, damit Ward sie fotografiert. Er bekommt viele solcher Anfrage, nur wenige beantwortet er positiv. Bei Sandy war er sich schnell sicher, dass sich die Arbeit mit ihr lohnen wird. Sie stammt aus Jena und ist 26 Jahre alt, sieht aber wesentlich jünger aus. Ihre Gesichtszüge wirken kindlich unter dem rotbraun gelockten Haar, ihr zierlicher Körper misst nicht viel mehr als 1,60 Meter. "Und viel zu wenig Titten für den Playboy", sagt sie selbst und lacht dabei ein wenig gequält. Bei dem bekannten Magazin für edle Erotik hatte sie sich vor einiger Zeit beworben, war aber abgelehnt worden. Sandy ist schon von einigen bekannten Fotografen fotografiert worden, hat schon für klassische Mode und Unterwäsche gemodelt, ebenso wie im Fetischbereich. Ihre Wandlungsfähigkeit sieht sie als ihren großen Vorteil.

Tony Ward fotografiert am liebsten allein. Die Atmosphäre ist einfach intensiver, wenn er allein mit dem Modell am Set ist. Doch daran ist heute nicht zu denken. Sandy hat ihren Freund Hakim als Unterstützung mitgebracht, auch Visagistin Andrea hat ihren Partner dabei. Neben den Gastgebern – ein Pärchen Mitte 30 und Freunde von Sandy - sind auch Wards Managerin Ursula Kreis und seine Produzentin Suzaan Thalid anwesend. Dazu ist heute noch die Presse im Haus. Alle sitzen rund um den Küchentisch herum und plaudern ausgelassen bei Kaffee und Plätzchen. Außer einigen verstreut herumliegenden Dessous lässt nichts darauf schließen, dass hier gleich erotische Bilder entstehen sollen. Keine Spur von Sex-Appeal, die Szenerie erinnert an ein sonntägliches Kaffeekränzchen bei Verwandten.

Der Fotograf bespricht mit Andrea und Sandy Outfit und Make up. "Make her natural, just natural", sagt er einige Male zu der Visagistin, dann verschwinden die beiden Frauen im Badezimmer. Ward beginnt damit, seine Ausrüstung aus einem großen Koffer auszupacken. Zum Vorschein kommen keine fotografischen Wunderwaffen, nur eine Polaroid und eine Spiegelreflexkamera der gehobenen Mittelklasse. Der darauf befestigte Rundblitz ist das einzige, was Wards Fotowerkzeug von dem vieler ambitionierter Hobbyfotografen trennt.

Ward wirkt sehr entspannt, lächelt viel und schwatzt bei den Aufbauarbeiten weiter mit den noch am Kaffeetisch Verbliebenen. Wie er so da steht, braungebrannt mit dunklen, kurzen Haaren, in Turnschuhen, schwarzen Jeans und schwarzem T-Shirt wirkt er wie der vielzitierte nette Junge von nebenan. Ganz und gar nicht wie ein exzentrischer Erotikfotograf, zumindest nicht wie einer, der mit einem provokanten Bildband wie "Orgasm" Welterfolge feiert. Mit seinem verschmitzten Lächeln würde ihm wohl keine noch so konservative Schwiegermutter der Welt die Tür weisen. Zumindest nicht bis sie einen Blick auf seine Bilder geworfen hat.

Im Badezimmer wird eifrig geschminkt. Sandy sitzt mit Lockenwicklern im Haar vor dem Spiegel, Visagistin Andrea wirbelt um sie herum, pudert hier ein wenig, wischt da etwas Lippenstift weg. Immer wieder greift sie in ihren großen Schminkkoffer. Alles ganz natürlich. "Och Nein, nervös bin ich eigentlich nicht, das kommt vielleicht nachher noch, wenn ich mich nackig machen muss", sagt Sandy. Sie drückt eine Zigarette nach der anderen in den schon gut gefüllten Aschenbecher. "Nicht nervös?", ihr Freund Hakim sitzt am Kaffeetisch und lacht. "Gestern Abend konnte sie überhaupt nicht einschlafen. Gegen zwei Uhr ist sie noch mal hoch und hat vor lauter Aufregung 100 Situps gemacht."

Es dauert etwa eine Stunde bis Sandy fertig geschminkt aus der Maske kommt. Sie ist nun "nackig", trägt nur noch einen schwarzen Slip und High Heels. Um den Hals hat sie eine fransige Fellboa, darunter lugt ein perlenbesetztes Kreuz an einer Kette hervor, das bis zu ihren Brüsten reicht. Etwas verloren steht sie da, zwischen all den angezogenen Kaffeetrinkenden. Das Shooting kann nun beginnen. Und mit ihm die Metamorphose des Tony Ward: Der eben noch so fröhlich plaudernde Fotograf ist nun tief in sich versunken, ist tief eingetaucht in seine Profession. Mit knappen Anweisungen dirigiert er Sandy zum auserkorenen Platz an der Rückwand des Wohnzimmers. Da sie nicht gleich so steht, wie er es möchte, legt er selbst Hand an, richtet ihren Kopf auf, spreizt ihre Beine ein wenig. "Don´t move!" zischt er dann.

Im Hintergrund läuft Chill-Out-Musik. "Das ist Goa-Trance", sagt Akiim, "bei der Musik kann Sandy am besten entspannen." Zur Auflockerung dienen auch die Porträtfotos, die zum Auftakt gemacht werden. Dem Modell sollen – falls vorhanden - Hemmungen vor der Kamera genommen werden. Nach der anfänglichen Nervosität ist Sandy voll in ihrem Element, genießt die Rolle im Mittelpunkt zusehends. Ward knipst zunächst mit der Polaroid, um Licht und Hintergrund zu überprüfen. Dann brütet er lange über der Spiegelreflex, selbst die einfachen Porträtfotos, die nicht zur Veröffentlichung gedacht sind, benötigen fast 20 Minuten bis sie im Kasten sind.

Wards Strategie im Umgang mit seinem Model besteht aus Zuckerbrot und Peitsche: Von Beginn an lässt er keinen Zweifel daran, dass er die absolute Autorität am Set ist. Seine Anweisung kommen kurz und knapp, niemals laut, aber immer bestimmt. Sandy versteht nicht alles, was er ihr auf Englisch zuruft. Die Umstehenden assistieren dann. Ward erklärt seine Befehle in der Regel nicht. Sobald das Foto aber im Kasten ist, lobt er sie umgehend. Er weiß, welche Strapazen so ein Shooting für das Model bedeuten, nach wirklich jedem Schuss motiviert er sie. "Sandy, you are beautiful! You look like Kate Moss", schmeichelt er einige Male.

Ward tigert wie ein eingesperrtes Raubtier auf engem Raum hin und her. Drei Schritte vor, drei zurück, wieder und wieder. Mehrfach bildet er mit Daumen und Zeigefingern ein Oval, hält es sich vor die Augen, betrachtet Sandy aus verschiedenen Blickwinkeln. Die hat inzwischen die Fellboa abgelegt, hält sich tapfer regungslos auf ihren hohen Schuhen. Gerade schien Ward dem Kampf mit Motiv und Perspektive gewonnen zu haben, da entdeckt er eine Locke, die nicht so liegt wie sie soll. Da auch der Wardsche Speichel versagt, ruft er laut: "Andrea, „can you fix this? And cream for the body!" Hastig drückt die Visagistin die gerade angezündete Zigarette aus, verschwindet schnell mit Sandy im Bad. Dann beginnt die Prozedur von Neuem. In der Wohnung ist es warm, es riecht es nach Zigarettenqualm und Haarspray. Da kommt endlich der erlösende Klick der Kamera. "Brillant, Sandy", schmeichelt Ward und nickt zufrieden. Er lächelt, zum ersten Mal seit das Shooting begonnen hat.

Sandy ist nun vollständig entkleidet, trägt nur noch eine schwarze Sonnenbrille. Sie sitzt auf einem Schemel, Ward keinen Meter entfernt von ihr im Schneidersitz auf dem Boden. Er hält sich die Hände vors Gesicht, reibt sich immer wieder die Schläfen. Man merkt wie es in ihm brodelt, wie er nach Ideen ringt. "We need the shoes back", sagt er. Sandy verschwindet wortlos im Schlafzimmer, kehrt auf den High Heels zurück. Nun soll sie die Beine spreizen, nach kurzem Zögern folgt sie. Zum Vorschein kommt ein Intim-Piercing an aller empfindlichster Stelle. Ward liegt bäuchlings vor ihr, setzt die Kamera schräg nach oben zu Close-ups an. Wieder vergehen einige Minuten bis es Klick macht. "Super Sandy, you really look like Kate Moss, very natural eyes."

"Let´s make it perfect now", sagt Ward, die letzten Aufnahmen des Tages stehen an. Beiden, Fotograf und Model, steht die Anstrengung der vergangenen Stunden ins Gesicht geschrieben. Noch einmal bringt sich Sandy in Position, diesmal für die Bilder auf der Fensterbank, noch einmal dauert es eine kleine Ewigkeit bis die Aufnahen im Kasten sind. Ob sich die Mühen des heutigen Tages tatsächlich lohnen werden, wird sich erst dann zeigen, wenn die Bilder fertig bearbeitet sind. Dann zeigt es sich, ob die Metamorphose eines Kaffeekränzchens mit Nacktmodel zu erotischen Bildern mit hohem Anspruch gelungen ist. Tony Ward jedenfalls ist sehr zufrieden mit dem Verlauf des Shootings und verwandelt sich verschmitzt lächelnd zurück in den netten Jungen von nebenan.