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Außergewöhnliche Aufnahmen: Zu Besuch im Ewigen Eis – poetische Bilder aus der Kälte der Antarktis

Die Fotografen Laurent Ballesta und Vincent Munier nehmen uns mit in die unberührte Welt der Antarktis – über und unter Wasser.

Antarktis: Pinguin-Kolonien, Robben, Ewiges Eis

Nach einem langen Marsch über Eis springen Kaiserpinguine ins Wasser, um Fische zu jagen

Die Kälte ritzte ihn wie eine scharfe Klinge, wieder und wieder. Vier Schichten hatte er sich als Schutz übergestreift, die Thermo-Unterwäsche, den elektrisch beheizbaren Tauchanzug, das dicke Fleece, den wasserdichten Neoprenanzug. Dazu die ebenfalls beheizten Unterziehhandschuhe, die wasserdichten Schutzhandschuhe. Obendrein Unterzieh- und Überziehhaube und natürlich das Tauch- und Fotografie-Equipment.

Seeelefanten und antarktische Seebären

90 Kilogramm wog seine Ausrüstung am Ende – einem Astronauten auf Außenbordeinsatz glich Laurent Ballesta. Und wie der Weltraum hätte auch seine Umgebung kaum unwirtlicher für einen menschlichen Organismus sein können. Der südliche Ozean lässt sich nicht leichthin von einem Taucher bezwingen, nicht hier draußen, am Rande der Antarktis, wo das Wasser unter riesigen Eisschollen minus 1,8 Grad Celsius misst und nur sein Salzgehalt es nicht vorher gefrieren lässt.

An Bord des Forschungsschiffes "Akademik Trjoschnikow" legten die Wissenschaftler in 89 Tagen 33.565 Kilometer zurück, als sie die Antarktis umrundeten

"Das waren die schmerzhaftesten Tauchgänge meines Lebens", sagt der Franzose Ballesta drei Jahre später, was durchaus etwas heißen will bei einem Mann, der als Allwettertaucher die tiefsten Punkte der Ozeane ansteuert. "Die Kälte tut höllisch weh. Nach etwa zehn Tagen, an denen ich immer wieder tauchen ging, blieben meine Zehen auch an Land völlig taub", erzählt er an einem Novembertag in Paris. "Als ich dann nach zwei Monaten aus der Antarktis zurückkam, habe ich nur noch Pantoffeln getragen, weil ich in geschlossenen Schuhen nicht richtig laufen konnte. Erst sieben Monate später kam langsam das Gefühl wieder zurück." Hat er also den Trip an den Rand der Welt doch bereut? "Nicht einen der 50 Tauchgänge. Ich würde es sofort wieder machen", sagt er.

Im Oktober des Jahres 2015 war Ballesta als Teil einer Expedition zur französischen Wissenschaftsstation Dumont d'Urville an der Adélie-Küste der Ost-Antarktis aufgebrochen. Zwei Monate lang fotografierte er in bis zu fünfstündigen Tauchgängen eine vor allem unter Wasser kaum dokumentierte Lebenswelt. An seiner Seite: der renommierte Wildlife-Fotograf Vincent Munier. Der schwamm allerdings nicht mit Ballesta in die Tiefe, sondern kümmerte sich um sämtliche Aufnahmen der Lebewesen an Land – ein weniger vielfältiges Unterfangen, nur wenige Spezies können in antarktischen Breitengraden überleben: Pinguine, Robben, einige Vogelarten, nicht sehr viel mehr.

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Das bildliche Zeugnis eines von Menschenhand lange weitgehend unberührten Teils der Erde wollten die beiden Fotografen erschaffen. Auf dass der Mensch endlich erwache und umdenke. Denn längst ist auch die eisige Abgeschiedenheit der Antarktis mehr und mehr durch den Klimawandel bedroht. Gerade die Pinguine etwa leiden bereits unter den klimatischen Veränderungen in ihrem Lebensraum. Die Erderwärmung lässt die Gletscher schneller schmelzen und ihr Wasser ins Meer abfließen. Da Süßwasser leichter gefriert, bilden sich in manchen Jahren mächtige Eisflächen. Immer weiter müssen deshalb Pinguin-Eltern bis ans Wasser wandern, um Nahrung für ihre Jungen zu fangen. So kam es vor, dass 95 Prozent der Nachkommen bereits verhungert waren, wenn die Eltern mit Beute zurückkehrten.

"Adélie: Eismeer – Eisland", von Ballesta und Munier, Knesebeck Verlag, 150 Euro

"Adélie: Eismeer – Eisland", von Ballesta und Munier, Knesebeck Verlag, 150 Euro

Dennoch verweigerten nun China, Russland und Norwegen das Ansinnen der Staatengemeinschaft, ein Meeresschutzgebiet von 1,8 Millionen Quadratkilometern im Südpolarmeer einzurichten. Die Region sollte etwa 300.000 Kaiserpinguinen, aber auch Blauwalen, Seeelefanten oder Antarktischen Seebären ein sicheres Zuhause bieten. Doch das Gebiet lässt einträglichen Fischfang erwarten, und dem Geschäft soll offenbar der Umweltschutz nicht im Weg stehen. Auch deshalb sind Ballestas und Muniers Bilder so aktuell.

Lebensfeindlich

Auf seinen Tauchgängen erlebte Ballesta eine Welt, die kaum gegensätzlicher zur weißen Polarwüste mit ihren wenigen Bewohnern hätte sein können. "Man konnte glauben, man befinde sich in den Tropen. Wir besuchten üppige Gärten voller Tierleben, die unvorstellbar schienen, wenn man an die karge Oberfläche an Land denkt", sagt Ballesta. Je tiefer er kam, desto größer war die Vielfalt. Die Erklärung: Weiter unten im Wasser gibt es – anders als in höheren Schichten – keinen plötzlichen Wechsel des Salzgehalts, was sich positiv auf den Fortbestand vieler Arten auswirkt.

Ballesta kann sich vorstellen, wiederzukommen. So vieles gäbe es noch in der Tiefe zu entdecken.

Was hat Sie persönlich Ihre Zeit im Wasser des Eismeeres gelehrt, Monsieur Ballesta? "So magisch diese Gewässer auch sein mögen, sie sind für Menschen so lebensfeindlich, dass man sich seiner Lust auf Entdeckung ganz sicher sein sollte. Halbherzig wird es nicht gelingen", sagt er. "Ich weiß jetzt, dass ich überall auf der Welt einen Tauchgang durchführen kann."

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