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David LaChapelle: Der Bildhauer des Pop

Noch in hundert Jahren wird man in den Fotografien David LaChapelles die Bigotterie einer rauschhaften Popkultur ablesen können. Doch der US-amerikanische Fotograf hat keine Lust mehr auf Stars. Madonna hat er abgesagt und auch Christina Aguilera. "Ich will nicht mehr mit Popstars arbeiten, die mich foltern".

Von Jochen Siemens

Es geht so. Telefon nehmen, Nummer wählen, eine lange Nummer, und dem Rufton hinterherhorchen, der irgendwo auf der anderen Seite der Erde ankommt, kurz verstummt, die Tonart wechselt und weitergeleitet wird und noch mal die Tonart wechselt. Dann wartet man. Und auf einmal: Rauschen und Kratzen, Geräusche, als ob Bambus bricht und knirscht, und irgendwo dazwischen seine Stimme: "Ja, hier ist David LaChapelle..."

Man muss diese Prozedur so erzählen, denn sie sagt einiges darüber aus, wie weit er sich zurückgezogen hat und wie diametral die Opulenz und Schärfe seiner Bilder der Mühe und Verschwommenheit entgegenstehen, in die man beim Versuch gerät, mit David LaChapelle darüber zu sprechen. Es ist eine stockende Unterhaltung, immer wieder von Rauschen und Pausen unterbrochen. Die Funkverbindung zwischen Hamburg und Maui auf Hawaii ist wenig stabil, und sie erscheint noch empfindlicher, wenn man weiß, dass LaChapelle dort fernab in einer Hütte eines alten Nudistendorfes wohnt und selbst sein Team ihn nur schwer erreicht.

Zu einer solchen, immer wieder porösen Unterhaltung, passen auch seine Sätze: "Ich habe keine Lust mehr, meine Bilder zu erklären. Es ist genug, ich hab das lange und oft gemacht." Ja, LaChapelle findet, wenn er mehr über ein Bild sagen muss, als das Bild selbst erzählt, ist es Zeit, einen Zyklus zu beenden.

Seine Bilder sind längst Meilensteine der Fotografiegeschichte

Deshalb auch Hawaii, weit weg von New York und Los Angeles, wo er als Fotograf selbst zum Teil des Starbetriebes wurde, den er eigentlich porträtierte. Und porträtierte wie kein anderer vor ihm und wohl auch nie ein anderer nach ihm. Seine Bilder sind längst Meilensteine der Fotografiegeschichte, noch in hundert Jahren wird man in ihnen die Bigotterie einer rauschhaften Popkultur der Jahrtausendwende ablesen können. Vom ersten Bild an war LaChapelle ein fotografischer Extremist. Aber nicht einer, der alle Regler nur auf laut und grell stellt, sondern einer, der laut und grell und zugleich so durchdacht komponiert, dass seine Bilder immer einen mal ironischen, mal kritischen Subtext haben. Und so gehört zur Kraft seiner Arbeiten, dass sie provozieren, dass sie missverstanden werden und misstrauisch machen. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" etwa meint, dass LaChapelles Arbeiten zwar wie "eine ironische Kritik am Popkapitalismus wirken", letztlich aber "doch immer nur eine krasse Form der Affirmation sind".

Fotografierter Zirkus mit ein paar Nackten, ein paar Freaks

LaChapelle selbst sagt, dass der Applaus, den seine Bilder ernten, trügerisch sei. Man könne ihnen ja nicht den Widerstand und Ärger ansehen, den er oft empfand und empfindet, wenn Auftraggeber einen "echten" LaChapelle wollen oder Stars sich ihm ganz überlassen und dann doch etwas anderes wollen. Für die italienische "Vogue" zum Beispiel sollte er eine Modestrecke liefern, und alle erwarteten das Erwartbare von ihm: einen fotografierten Zirkus mit ein paar Nackten, ein paar Freaks und was er sonst noch in seinem surrealen Fundus hat. Und was machte LaChapelle? Er stellte die Models vor eine Kulisse aus sturmzerstörten Häusern. Keine Ironie, kein Sex, sondern sein barscher Hinweis auf "das ökologische Desaster des Klimawandels." Bei der Mailänder "Vogue" waren sie entsetzt. "Was sollen diese Ruinen, kannst du nicht die Bilder machen, die du vor fünf Jahren gemacht hast?" "Nein, kann ich nicht, ich bin künstlerisch woanders." Das sei schon immer so gewesen, sagt er, "die Magazine wollten immer das von mir, was ich jeweils fünf Jahre zuvor gemacht habe".

Hip, trendy, Avantgarde - all diese Begriffe greifen nicht, wenn man LaChapelles Arbeit betrachtet. Er ist kein Eklektiker wie viele Fotografen, die sich ihren Stil bei anderen zusammensuchen. Wenn überhaupt, ist in seinen Bildern nur eine Schule erkennbar und ein Inspirator: das "Anything goes", das "Alles geht" von Andy Warhol und die Gestaltungswut von Federico Fellini.

Geboren wurde LaChapelle 1963 (was er nie bestätigt), in Connecticut. Als Kind hat er mit seiner Mutter viel fotografiert, im Wohnzimmer haben sie ganze Bühnen für ihre Bilder arrangiert. Er war 15, als er Ende der 70er Jahre nach New York kam, wo sich gerade eine fotografische Avantgarde um Robert Mapplethorpe und Richard Avedon formierte. LaChapelle lebte in einem kleinen Zimmer, jobbte und versuchte in diese Welt zu gelangen, deren Glanz ihn faszinierte. Ein suchender Junge. Er fand eine Aushilfsarbeit im Studio 54, damals die Kathedrale der Popkultur, und sah dort Andy Warhol, Keith Haring und seine anderen Helden bei ihren barocken Partyspielen und Exzessen, eine Nacht für Nacht eruptierende Gesellschaft ohne sexuelle Regeln, dafür aber mit allen Freiheiten. Im selben Jahr noch verließ LaChapelle New York wieder, er wollte in North Carolina seine Highschool beenden und sich in Ruhe auf dieses New York vorbereiten. Drei Jahre später war er zurück, unter dem Arm eine Mappe mit Fotos von seinen Highschool-Freunden, nackt. Er zeigte sie Andy Warhol. "Und der sagte 'great'. Aber Andy sagte zu allem great was man ihm zeigte". Doch dieses "great" half, David LaChapelle hatte seinen ersten Foto-Job bei Warhols Zeitschrift "Interview".

Fotografierte LaChapelle am Anfang beinahe nur in Schwarz-Weiß, begann er in den 90er Jahren seine Bildersprache radikal umzukehren. Er fotografierte nicht mehr, er schuf. Bildwelten surrealen Ausmaßes, fellinieske Settings, grelle und bunte Farben, die Menschen darin wie Objekte in seinem Weltbild. Nein, keiner der Stars, die nun immer öfter zu LaChapelle kamen, hatte eine Chance, sich selbst darzustellen. Standen sie erst mal in der Studiotür, waren sie Gefangene seiner fotografischen Bildhauerei. Wer David LaChapelle in dieser Zeit erlebte, sah einen mal wütenden, mal ungeduldigen Schwerarbeiter. Tag und Nacht saß er in den Lagerhallen seines Studios in New York, um sich herum immer ein Team aus Assistenten und Bühnenarbeitern, oft sah es aus wie im Fundus von einem Zirkus.

Als keiner mehr Pamela Anderson sehen wollte, erfand LaChapelle sie fotografisch neu

Ganz nach dem Vorbild von Andy Warhols Factory war der LaChapelle-Clan eine Art kreative Popkommune, die Fotos plante wie Filmdrehs, manchmal dauerte die Vorbereitung für ein Shooting einen halben Monat. Bemerkenswert ist dabei die Beziehung des Fotografen zu seinen Objekten. Wer sich auf die kreative Zwangsjacke seines Stils einließ, zu dem hielt er. Bis heute ist Amanda LePore, eine Transsexuelle, eine Art Muse für ihn. Als die Welt Pamela Anderson eigentlich nicht mehr sehen wollte, erfand LaChapelle sie fotografisch neu. Und als die Sängerin Courtney Love ganz unten war und nur noch als Drogenwrack gehandelt wurde, erschuf LaChapelle auch sie in seinem Lieblingsfoto "La Pietà" neu. Es ist seine Liebe zu den Taumelnden und eigentlich schon Erledigten der Popindustrie, die seinen oft berstend-bunten Inszenierungen der Oberfläche etwas Seltenes geben: Glaubwürdigkeit.

Und genau das, findet LaChapelle, werde in der rasenden Bilderwelt der Magazine, Zeitschriften und Werbung bei seinen Arbeiten übersehen. Es hat eine gewisse Hybris, wenn seine Inszenierungen biblischer Szenen mit Michelangelos Werken verglichen werden, LaChapelle selbst sagte nur einmal: "Ich liebe Michelangelo." Als er aber den Rapper Kanye West als schwarzen Jesus in Renaissance-hafter Bildkomposition fotografierte, standen in den USA die katholischen Fundis auf den Barrikaden. All das, sagt er, habe ihn müde gemacht. Das Rechtfertigen, das Erklären-Müssen, das Sich-Verteidigen. "Ich habe ästhetisch auf diesem Feld alles gesagt, was ich zu sagen hatte. Ich bin der Mode- und Star-Fotografie entwachsen - man lässt mich dort nicht mehr machen, was ich will", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". In Hawaii, am Telefon, sagt er das auch, aber, na ja, etwas gröber.

"Ich bereue kein einziges Foto, das ich je gemacht habe"

Dieses Ende ist der Anfang eines neuen LaChapelle, eines Künstlers, der seine Werke nicht mehr in den medialen Reißwolf von Art-Directoren und egotrunkener Prominenz werfen will. Er hat Madonna abgesagt, die mit ihm arbeiten wollte. Er hat keine Lust mehr, ein Foto von Christina Aguilera zu machen, "ich will nicht mehr mit Popstars arbeiten, die mich foltern". Nein, seine Orte der Zukunft sind Galerien und Museen, Orte, an denen seine Bilder nicht mehr schnell geblättert werden oder zwischen Anzeigen ertrinken, sondern an denen sie wirken und Atmosphäre schaffen können. Seine "Recollection"- und "Awakened"-Serien lassen schon den neuen LaChapelle erahnen - eine radikale Abwendung vom grellen und Star-zentrierten Stil. Stattdessen eine leise subtile Bildsprache mit dem Hintersinn, dass jedes Foto ein - vielleicht dunkles - Geheimnis in sich trägt. Aber auch wenn die Abkehr so radikal aussieht - "Ich bereue kein einziges Foto, das ich je gemacht habe", rauscht es aus Hawaii.

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