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Bildband Mert & Marcus: Dunkle Fantasien in Bildern voller Schönheit

Die Fotografen Mert Alaş und Marcus Piggott gehören seit 20 Jahren zu den kreativsten und gefragtesten Künstlern der Branche. Ein opulenter Bildband zeigt 300 Arbeiten des türkisch-walisischen Duos.

Von Dirk van Versendaal

Kate Moss, London, 2009

Kate Moss, "Love Magazine", London 2009

Mert & Marcus? Das klingt erst mal putzig, klingt nach Ernie und Bert oder Stan und Olli, wie Dolce & Gabbana oder Gilbert und George. Aber jedes Berufsfeld scheint seine Kreativduos hervorzubringen, und in der Modefotografie fügte sich dieses Schicksal im Sommer 1994 auf einem Pier im südenglischen Hastings: Marcus Piggott fragte Mert Alaş nach Feuer, die Liebe schlug Funken, tags darauf zog Mert bei Marcus ein, ein paar Jahre später herrschten sie über die Modewelt, zumindest in visueller Hinsicht. Ihre bunten Bilder pflasterten alle internationalen Ausgaben der "Vogue", ihre Anzeigenmotive schufen die Image-Welten von Ungaro und Vuitton, von Hugo Boss und Giorgio Armani oder Lancôme. Denn das türkisch-walisische Duo schaffte es, selbst tausendmal gesehene Gesichter auf eine noch nie gesehene Weise zu zeigen. Sie fingen die Blicke jener ein, die sich durch Modemagazine blättern und dabei erschlagen fühlen vor lauter gleichen Bildern und Posen.

Mert & Marcus schaffen Bilder, denen man die digitale Nachbearbeitung ansehen soll

TASCHEN  Mert Alas und Marcus Piggott  Hardcover in einer Schlagkassette, 408 Seiten   500 Euro (Subskriptionspreis bis 31.12.17), ab Januar 2018: 600 Euro  Limitierte Collector's Edition von 1000 Exemplaren, jeweils nummeriert und signiert von Mert Alas und Marcus Piggott.   Ebenfalls erhältlich als zwei verschiedene Art Editions von jeweils 125 Exemplaren mit einem signierten Print.

TASCHEN

Mert Alas und Marcus Piggott

Hardcover in einer Schlagkassette, 408 Seiten 

500 Euro (Subskriptionspreis bis 31.12.17), ab Januar 2018: 600 Euro

Limitierte Collector's Edition von 1000 Exemplaren, jeweils nummeriert und signiert von Mert Alas und Marcus Piggott

Ebenfalls erhältlich als zwei verschiedene Art Editions von jeweils 125 Exemplaren mit einem signierten Print.

Mit Kollegen wie dem US-Amerikaner David LaChapelle, der Niederländerin Inez van Laambsveerde oder dem Dänen Sølve Sundsbø definierten Mert & Marcus die Bildersprache der Branche neu, indem sie sich radikal von der herrschenden Ästhetik der vergangenen Jahre abwendeten. Dem Grauschleier des Fotorealismus, der müde, beleidigte Gesichter und die Hässlichkeit des Alltags feierte, setzten sie den Hochglanz-Illusionismus und die Makellosigkeit entgegen. Sie bildeten keine wirkliche Welt mehr ab, sondern erfanden eine schillernde, glamouröse – auf Bildern, denen man die digitale Nachbearbeitung unbedingt ansehen sollte. So auch bei ihrer Reise 2003 nach Dubai, wo sie Kate Moss, Amber Valletta und Naomi Campbell im Wüstensand drapierten. Am Ende sahen nicht nur die Models wie artifizielle Schönheiten aus, sogar die Dünen wirkten wie digital ins Bild gebastelt.

Mert & Marcus polieren ihre Werke so lange auf, bis sie eine Welt in hysterischem Knallbunt zeigen, unter deren blitzblanken Oberflächen es allerdings häufig auch düster und boshaft brodelt. "Wir verpacken unsere dunklen Fantasien in Bildern voller Schönheit, darum geht es bei uns", sagt Piggott.

Manche ihrer Abzüge kosten bis zu 60.000 Dollar

Seit Beginn des Jahrtausends gehören die beiden zu den meistbeschäftigten Fotografen. Ihre Bildersprache hat funkelnde Spuren in unserer visuellen Kultur hinterlassen und bei Galeristen Entzücken ausgelöst: Manche ihre Abzüge kosten heute bis zu 60.000 Dollar. Damals, zu Beginn ihrer Fotokarriere, rieten Merts Eltern dem mäßig erfolgreichen Sohn noch, statt Mode besser Hochzeitspaare zu fotografieren.

Mert Alaş wuchs in Ankara auf, studierte Klassische Musik, spielte Cello und Klavier. Er war der Sohn eines Models und eines Armeepiloten, späteren Restaurantbesitzers und Sammlers von Kunstbüchern. Mit 19 zog er nach und jobbte dort als Stylist für Modeproduktionen.

Marcus Piggott wurde in Wales geboren. Sein Vater war ein Royal Air Force-Pilot und begeisterter Hobbyfotograf, seine Mutter Friseuse. Er zog 1992 nach London, studierte Grafikdesign und Fotografie, bevor er als Assistent eines Stilleben-Fotografen arbeitete. Nebenbei machte er Pressefotos von Bands wie den Brand New Heavies oder Duran Duran.

Man Ray und Helmut Newton sind ihre Vorbilder

Mert und Marcus, beide Mitte vierzig, teilen ihre Begeisterung für die Mode der Post-Punk-Ära, für Marlene Dietrich und die Filme von Jean Cocteau und David Lynch, für Fotografen wie Man Ray und Helmut Newton. Nach dessen Tod 2004 errichteten sie ihm hinter ihrem Haus auf Ibiza einen Altar aus Kakteen. "Als Junge habe ich seine Bilder geliebt", sagt Mert. "Ich dachte ernsthaft, in anderen Ländern stöckeln die Frauen splitternackt in den Hotels herum."

Als die beiden sich zum Fotografen-Team zusammentaten, waren sie meist auf Studioarbeiten beschränkt, denn bis 2001 fehlte Alaş die Aufenthaltsgenehmigung für England. Das Gute an der damals neuen Digitaltechnik: Der Fotograf muss nicht in die Welt hinaus – er kann sie sich am Bildschirm seines Rechners erfinden. Er ist nicht mehr Zeuge eines Geschehens, sondern Schöpfer.

"Wir wollen niemanden so fotografieren, wie er ist"

Wer dem Duo vorhält, bloß eine Plastikwelt zu fotografieren, dem antwortet Marcus Piggott: "Es geht uns nicht um das Entfernen von Falten oder Äderchen im Augenweiß. Wir schaffen mit unseren Bildern etwas völlig Neues." Das mache ihre Arbeit zu einer Kunstform.

"Wir wollen niemanden so fotografieren, wie er ist. Wir sind auf unseren Bildern nicht auf der Suche nach den Menschen, die wir fotografieren, nach ihrer Seele", sagt Mert. "Aber ich versuche zumindest immer, sie so darzustellen, dass ich den dringenden Wunsch bekomme, bei ihnen zu sein und sie zu küssen."

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