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Ein Bild und seine Geschichte: "Biblische Szene" in Warschau

Gewöhnlich sind Staatsbesuche bis ins letzte Detail durchgeplant. Doch Willy Brandt erlaubte sich 1970 eine Abweichung vom Protokoll: Sein Kniefall in Warschau brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein und brachte Bewegung in seine Ostpolitik.

Von Philipp Gülland

"Ich hatte plötzlich das Gefühl, nur einen Kranz niederlegen reicht einfach nicht!", wird er am Abend seinem Freund und Berater Egon Bahr sagen. Der 7. Dezember 1970: Bundeskanzler Willy Brandt ist auf Staatsbesuch in Warschau. Bevor er und seine Delegation den Warschauer Vertrag unterzeichnen und damit den neuen Kurs der deutschen Ostpolitik bekräftigen, sieht das Protokoll eine Kranzniederlegung am Ehrenmahl des jüdischen Ghettos vor.

Es ist ein kahler, ein kalter Tag: Nasses Kopfsteinpflaster schimmert im Nieselregen, kleine Haufen gräulichen Schnees umgeben die Granitmauer. Andachtswetter wie auf Bestellung, 27 Jahre nachdem hier Hunderttausende gnadenlos in den Tod getrieben wurden. Umschwärmt von Kameraleuten und Fotografen legt Brandt den Kranz unter dem großen Relief ab, tritt zurück und tut dann das Unerwartete: er fällt auf die Knie, mit ineinander gelegten Händen, den Kopf leicht gesenkt, demütig, still, vielleicht betend, und verharrt so einige Augenblicke. stern-Chef Henri Nannen wird es später eine "biblische Szene" nennen. Allgemeines Staunen, Kameras klicken und die große Geste wird von allen Seiten festgehalten, heute findet sich das Motiv in den Archiven aller großen Bildagenturen.

Verwirrung in Polen

Die Wirkung setzt jedoch erst später ein: Polens Regierung versteht die Geste zunächst als Kritik an der eigenen, latent antisemitischen Politik. Und auch in Tel Aviv zeigt man sich wenig beeindruckt, hat Brandt doch kurz zuvor eine "Politik ohne Komplexe" gegenüber Israel angekündigt.

"Ich habe im Namen unseres Volkes Abbitte leisten wollen für ein millionenfaches Verbrechen, das im missbrauchten deutschen Namen verübt wurde", kommentiert Brandt die im diplomatischen Verkehr völlig anormale Geste später. Wer könnte das besser, als der historisch unbelastete Willy Brandt? Von Herzen links, mutig und charismatisch, stößt er einer Intuition folgend zunächst alle vor den Kopf: den Warschauer Pakt, seine eigene Bundesrepublik, die USA, Israel. Keiner weiß seine Geste so recht einzuordnen.

Aber die Zeit wird ihm recht geben - der Kniefall ist alles in einem: Schuldbekenntnis, Provokation, Versöhnungsgeste und Kampfansage, ein außenpolitischer Geniestreich irgendwo zwischen spontaner Eingebung und kühler Berechnung (war die Geste nicht vielleicht doch geplant?) - und so erhält Brandt für seine neue Ostpolitik "Wandel durch Annäherung" ein Jahr später den Nobelpreis. Die Beziehungen Deutschlands zu Israel und der jüdischen Glaubensgemeinschaft normalisieren sich merklich und wenige Augenblicke Abweichung vom Protokoll erreichen somit das, was der Abweichler sich erhofft hat: Bewegung an festgefahrenen Fronten. Dutzende Fotografen bannen den Moment auf Film. Verglichen mit Brandt und seiner bedeutenden Geste bleiben sie bis heute namenlos.

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