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Ein Bild und seine Geschichte: Der Augenblick des Fast-Präsidenten

Mit den Worten "Melde mich zum Dienst" wirft sich John Kerry, Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten 2004, in den Wahlkampf. Fernsehteams und Fotoreporter mit Digitalkameras und Zoomobjektiven sorgen für großes Kampagnen-Kino. Nur einer im Medienzirkus tickt anders.

Von Philipp Gülland

Sie ist groß, schwer und langsam. Es ist lange her, dass die Kamera Speed Graphic das Standardwerkzeug der Fotoreporter war. Mittlerweile sind digitale Spiegelreflexapparate und lichtstarke Zoomobjektive der Stand der Technik. Fotografen verschicken ihre Bilder von wichtigen Ereignissen vom Notebook aus, via Satellit. Wir schreiben das Jahr 2004. John F. Kerry kandidiert gegen Amtsinhaber George W. Bush um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten.

Die Kampagnen der beiden Widersacher werden als mediales Großereignis inszeniert, rasend schnell gehen digitale Bilder ihrer Auftritte um die Welt - visuelle Massenware. Zwischen all den High-Tech-Linsen und Laptops sieht David Burnetts Speed Graphic aus wie von einem anderen Stern: Ein Ziehharmonika-Balgen verbindet die fünf Kilo schwere lederbezogene Box mit dem Objektivhalter, allerlei Schrauben und Hebel dienen verschiedenen Einstellungen, scharfgestellt wird über Kopf auf einer Mattscheibe an der Rückseite. Die Laufbodenkamera ist für Planfilme ausgelegt - einzelne Bögen Filmmaterial von der Größe eines Notizzettels. Jeweils zwei Filme passen in ein Magazin und werden bei völliger Dunkelheit von Hand geladen.

Es ist eine umständliche Kamera. Ein Bild alle fünf Sekunden statt acht in der Sekunde. Burnett liebt diese Langsamkeit. "Ich habe wiederentdeckt, was ich einst so liebte. Ich konnte den Augenblick aufspüren, der eine ganze Geschichte erzählt", berichtet er über seine ersten Erfahrungen mit der betagten Kamera.

Alles außer Bush

Wahlkampf in Amerika, das ist vor allem eine große Show. Auch bei Kerry. Große Gesten, viel Händeschütteln, Reden halten, Footbälle werfen, Kinder streicheln, Volksnähe und Kompetenz ausstrahlen. Millionen-Budgets und Wahlkampfberater sorgen für die nötige glanzvolle Inszenierung. Nichts wird dem Zufall überlassen.

John F. Kerry, Senator aus Massachusetts, setzt im Duell mit George W. Bush - dem selbsternannten Kriegspräsidenten - auf sein Image als realer Kriegsheld. Schlank, groß gewachsen und eloquent begeistert Kerry seine Anhänger. Der aristokratischen Erscheinung des 1,93 Meter großen Kandidaten, der stets perfekt gekleidet auftritt, haftet allerdings auch etwas Unnahbares an: Kritiker werfen Kerry Arroganz und Mangel an Volksnähe vor. Beliebt ist er dagegen für seine Glaubwürdigkeit und seinen Erfahrungsschatz: Neben seiner Tätigkeit als Rechts- und Staatsanwalt engagierte sich Kerry schon früh in der Politik.

Jetzt tourt der Vietnam-Veteran durch die Bundesstaaten und macht Werbung für sich und seinen Vizepräsidenten John Edwards, spricht auf Parteitagen, füllt Stadien und Schulkantinen, steigt auf Podien und Stühle. Kerry ist einer, der begeistern kann. Sein Programm: alles außer Bush. Am Ende wird er verlieren - wegen Ohio.

Kleine Momente und große Bewunderung

In dieser großen, bis ins Detail durchgeplanten Show von Stärke und Kompetenz sucht Burnett jene kleinen Momente, die mehr erzählen. Auch um den Hals des Mitbegründers von Contact Press Images hängt eine Digitalkamera, für die Standardbilder. Aber die raren Augenblicke, die die ganze Geschichte erzählen, spürt er mit der 55 Jahre alten Speed Graphic auf und bannt sie auf mittelempfindlichen Schwarzweißfilm.

Seine ersten Bilder aus der Speed Graphic schickt er verschiedenen Magazinen mit dem Hinweis "Ich weiß, dass Ihr das vermutlich nicht abdrucken könnt. Aber ich will, dass Ihr wisst, was ich gerade so treibe." Kurz darauf begleitet er für das "Time Magazine" seinen ersten Wahlkampf mit drei der schweren Kameras, weitere folgen. Wenn er einen niedrigauflösenden Scan eines seiner Großformatbilder an einen Bildredakteur schickt, findet sich bald ein Käufer: "Stern", "Time", "Le Monde" und andere drucken Burnetts Bilder ab. Seine Reise in die fotografische Vergangenheit ist ein voller Erfolg der Langsamkeit, die ihm radikal andere Bilder beschert.

"Man braucht ein Weile, um es hinzukriegen", sagt Burnett über das Warten. "Und eine ganze Weile, um es gut hinzukriegen." Vor allem aber schaffe es Wertschätzung für frühere Fotografengenerationen: "Die haben täglich mit dieser Ausrüstung gearbeitet und auf einem Minimum an Filmmaterial die historischen Bilder geschaffen, die wir heute bewundern."