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Ein Bild und seine Geschichte: Der Todeskampf der kleinen Omayra

Wenn ein Bild den Betrachter verstört, ist es entweder geschmacklos oder wichtig. Ein solches Foto aus dem Jahr 1985 zeigt Omayra Sánchez aus Armero in Kolumbien. Nach einem Vulkanausbruch ist die 13-Jährige in einer Pfütze unter Trümmern gefangen. Der Fotograf Frank Fournier trägt ihren Todeskampf in die Welt.

Von Philipp Gülland

Ruhig wirkt sie, fast gelassen. Omayras krauses kurzes Haar ist feucht. Sie trägt kleine Ohrringe. An einer Holzstange hält die Dreizehnjährige sich fest, ihre Hand ist aufgequollen, weißlich. Das Wasser, in dem sie festsitzt, weicht ihre Haut auf. Wie bei jemandem, der zu lange badet. Omayra Sánchez ist seit fast drei Tagen in einer Pfütze zwischen Trümmern gefangen. Sackleinenfetzen, Folienreste und Trümmerteile treiben neben ihr auf der Wasseroberfläche. Das Mädchen schaut direkt in die Kamera des Fotografen - ein Blick, der an Ikonenbilder aus der Kirche denken lässt.

"Beklemmende Stille"

Es ist der 16. November 1985. Vor wenigen Tagen ist der Vulkan Nevado Del Ruiz ausgebrochen. Der Eruption folgte ein Erdrutsch. In Armero, unweit der kolumbianischen Hauptstadt Bogota, fallen 24.000 Menschen den Naturgewalten zum Opfer. Die Katastrophe bricht über Kolumbien herein, als das südamerikanische Land ohnehin schon von politischen Unruhen gebeutelt wird. Hilfe für die Menschen in der verwüsteten Region kommt nur schleppend in Gang.

Frank Fournier, Fotograf der amerikanischen Bildagentur Contact Press Images, trifft etwa zwei Tage nach dem Vulkanausbruch in Bogota ein. "Das Gebiet, in das ich musste, war sehr entlegen", erinnert er sich später. "Nach fünf Stunden Fahrt bin ich noch zweieinhalb Stunden gelaufen." In der Morgendämmerung etwa drei Tage nach dem Vulkanausbruch sei er in Armero angekommen, berichtet Fournier.

Ein Bauer habe ihm von dem Mädchen erzählt, das Hilfe bräuchte, und ihn dann zu ihr geführt. "Da war sie fast allein, nur wenige Leute in der Nähe und Retter, die etwas weiter weg jemand Anderem halfen", blickt der Fotograf zurück. Überall seien Menschen gefangen gewesen, Hunderte. Die Rettungskräfte hätten Schwierigkeiten gehabt, sie zu erreichen. "Ich konnte ihre Hilferufe hören und dann immer wieder Stille - eine beklemmende Stille."

Mut und Machtlosigkeit

Omayra Sánchez ist eine dieser Eingeschlossenen. Fournier bleibt bei dem Mädchen. Niemand habe ihr helfen können, erklärt der Fotojournalist rückblickend: "Die Retter kamen immer wieder bei ihr vorbei. Auch Bauern versuchten sie zu trösten, leisteten ihr Gesellschaft und beteten mit ihr."

Frank Fournier tut das Einzige, was ihm bleibt: Er trägt Omayras Geschichte in die Welt. "Als ich meine Bilder machte, fühlte ich mich absolut machtlos angesichts dieses kleinen Mädchens, das mit Mut und Würde seinem Tod entgegentrat", verrät der Fotograf. "Sie konnte spüren, dass ihr Leben sie verließ." Nach über sechzig Stunden im Wasser fordern Unterkühlung und Erschöpfung ihren Tribut, Omayra wird immer schwächer. Sie sinkt immer mehr in einen Dämmerzustand, halluziniert. "Sie fragte mich, ob ich sie zur Schule bringen könnte und machte sich Sorgen, dass sie zu spät käme", berichtet Fournier. "Ich fühlte, dass ich berichten musste, was dieses Mädchen durchmacht". Drei Stunden nach dem Eintreffen des Fotografen stirbt Omayra Sánchez - ihr Kampf ist vorbei.

Verstörung und Verantwortung

Technik trägt Omayras Geschichte um die Welt, bringt sie in die Abendnachrichten und auf Titelblätter. Technik hätte das Mädchen retten können, doch die dringend benötigten Werkzeuge gelangen nicht nach Armero. Kolumbiens Regierung ist mit dem politischen Chaos im Land zu beschäftigt. Bittere Ironie. Fournier erinnert sich: "Die Leute fragten mich: Warum hast Du ihr nicht geholfen? Warum hast Du sie nicht befreit?" Aber es war unmöglich.

Es habe einen Aufschrei gegeben und lange Debatten darüber, ob Fotojournalisten wie Geier seien, berichtet der Fotograf. "Besser so eine Reaktion, als gar keine", sagt Fournier. Ihm sei sehr bewusst, was er tue und welche Verantwortung er trage, so Fournier. "Ich versuche, meine Arbeit so ehrlich und glaubwürdig wie möglich zu machen." Verstörende Bilder sind Teil dieser Glaubwürdigkeit - und zugleich ein ethischer Drahtseilakt.

"Die Leute finden das Bild immer noch verstörend. Das zeigt die Kraft des kleinen Mädchens. Ich hatte Glück, dass ich die Brücke zwischen ihr und der Welt schlagen konnte. Das ist die Magie der Sache", resümiert Fournier über sein mit dem World Press Award ausgezeichnetes Foto. Die Frage nach der Macht der Medien sei heute wichtiger denn je. Denn wirtschaftliche Erwägungen übten immer mehr Druck auf den Journalismus aus. Mehr Macht - mehr Verantwortung.

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