Ein Bild und seine Geschichte Schnelle Autos, später Ruhm


Er ist jung, er ist reich, er ist ein Techniknarr. Besonders Autos und Fotografie haben es ihm angetan. 1912 schießt Jacques-Henri Lartigue jenes Bild, das ihn ein halbes Jahrhundert später zur Legende macht. Zunächst hält der junge Franzose "Grand Prix de l´ACF" aber für misslungen.
Von Philipp Gülland

Beschaulich liegt die französische Landstraße unter der trägen Mittagshitze des 26. Junis 1912, als sich von Ferne ein Donnern und Grollen in die vorher von Grillenzirpen und Bienensummen dominierte Geräuschkulisse schleicht. Das Grollen schwillt und wächst, bis schließlich unter infernalischem Getöse eine stählerne Höllenmaschine auf Rädern vorbeibraust. Im Schatten der Alleebäume stehen staunende Franzosen, sie können sich nicht satt sehen an diesen Wundern der Technik.

Frankreich ist die automobile Weltmacht seiner Zeit. Über 200 Hersteller buhlen um die Gunst der Kunden. Autorennen sind ein beliebter Zeitvertreib der Belle Époque, jener blumig-seichten Jahre vor dem ersten Weltkrieg. Im Schatten der Alleebäume steht auch Jacques-Henri Lartigue, 18 Jahre alt, mit seiner Leica Reflex und verbindet seine beiden großen Leidenschaften: Autos und Fotografie.

Schnell entwickelt Lartigue seinen ganz eigenen fotografischen Blick. Zwischen kindlicher Sorglosigkeit, bewusster Gestaltung und Akribie entsteht eine faszinierend leichtfüßige, klare Bildsprache. John Szarkowski, in den 60ern Direktor des Museum of Modern Art, urteilt: "Diese Bilder sind Beobachtungen eines Genies: frisch in der Auffassung, poetisch in der Anmutung und grafisch in der Umsetzung."

Mit dem Dampfer gen Weltruhm

Jener Sommertag des Jahres 1912 ist schon lange vergangen. Das bald legendäre Bild mit der Ica Reflex, deren horizontal ablaufender Verschluss die Räder des vorbeischießenden Rennwagens zu Ellipsen verzerrt, lange geschossen und vergessen. Lartigue hielt es damals für misslungen, da der Wagen nur halb zu sehen war. 1962 reist der noch unbekannte Franzose, ein Lebemann und leidlicher Maler, bekannt mit Picasso und Cocteau, in die USA. Fotografisch ist er noch immer durch und durch Amateur: Aus reiner Liebe zur Sache erkundet er mit der Kamera seine Welt, ohne jede Künstler-Allüre.

In New York angekommen treffen Lartigue und seine Frau Florette auf den Fotografie-Agenten Charles Rado. Florette Lartigue erinnert sich später: "Im Laufe der Unterhaltung kam das Gespräch auf die Fotografie, und Jacques meinte, er selbst fotografiere seit seiner Kindheit." Rado lässt sich die eigentlich gegen Langeweile an Bord des Frachters mitgenommenen Bilder zeigen und erkennt sofort ihr Potential. Er verspricht, die Aufnahmen bekannt zu machen.

Mit rührender Unbekümmertheit ins Museum

Noch am selben Tag bietet Charles Rado die Bilder der Illustrierten Life an, kurz danach zeigt er sie John Szarkowski, der gerade Direktor des renommierten New Yorker Museum of Modern Art geworden ist. "Was ich damals für das Gesamtwerk hielt, bestand aus zwei größeren Kladden und einem Stapel von 52 Einzelbildern. Die Kladden enthielten alle möglichen Aufnahmen: kleine gelbliche Kontakte, größere Abzüge, Vergrößerungen auf verschiedensten Papieren. Die Abzüge waren in dem Bemühen eingeklebt, möglichst jeden Quadratzentimeter der Seite auszunutzen und verweigerten sich mit rührender Unbekümmertheit jedem mir bekannten Gestaltungsprinzip."

Blickt Szarkowski auf seinen ersten Kontakt mit der Neuentdeckung zurück. "Ihre Wirkung - wie bei einem guten Sportler - zogen sie aus sparsamsten Mitteln, Eleganz und selbstverständlicher Genauigkeit. Mir schien, als blickte ich auf das frühe, unentdeckte Werk von Cartier-Bressons Papa." Begeistert von dem Material widmet der junge Museumsdirektor dem unbekannten 68-jährigen Amateurfotografen eine Einzelausstellung - auch um sich selbst mit einer kleinen Sensation einführen zu können. Die gewagte Rechnung geht auf: So wird 1963 der Amateur Lartigue zur Legende, und das misslungene Bild zur Ikone.


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