VG-Wort Pixel

stern-Kolumne Winnemuth Der 95-Jahres-Plan


Eine Malerin, die im Greisenalter ihren Durchbruch erlebte, zeigt: Es ist nie zu spät im Leben, seinen Träumen zu folgen. Man braucht nur stabilen Eigensinn.
Von Meike Winnemuth

Vor einigen Wochen veröffentlichte das "New York Times Magazine" eine wunderschöne Fotostrecke unter dem Titel "Alte Meister". Es waren Porträts von Leuten in ihren Achtzigern und Neunzigern, unter ihnen ein 85-jähriger Ameisen-Experte, ein 86-jähriger Ölinvestor, der 85-jährige Architekt Frank Gehry, die 92-jährige Schauspielerin Betty White, die 81-jährige Richterin am obersten US-Gericht Ruth Bader Ginsburg. Warum sie immer noch tun, was sie ihr Leben lang getan haben – darum ging es in den begleitenden Fragen. Was das Gute am Altern sei, wie ihr Rat an Jüngere laute (ein Dokumentarfilmer, 84: "Heiraten Sie reich") – und warum keiner von ihnen auf die Idee gekommen sei, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen.

In einem Fall gab es lange Zeit gar keine Lorbeeren. Die 99-jährige Malerin Carmen Herrera, deren minimalistische Werke im New Yorker Museum of Modern Art und in der Londoner Tate Gallery hängen, hat ihr erstes Bild mit 89 verkauft. Mit 89! Als sie 94 war, erschien ein Artikel über sie mit der Überschrift "The Hot New Thing In Painting", englische Kritiker feierten sie als Entdeckung des Jahrzehnts – zu einem Zeitpunkt, als sie schon gut 70 Jahre malte. Was sie gedacht habe, als sie zum ersten Mal etwas verkauft hat? "Verdammt noch mal, das wird auch langsam Zeit." Aber sie sagt auch: "Ohne kommerziellen Erfolg kann man tun, was man will. Das verschafft einem die Freiheit, in Ruhe zu arbeiten, ohne vom Kunstmarkt korrumpiert zu werden." Das Foto zeigt ein zartes Vögelchen von Frau mit akkuratem silbergrauem Bob und konzentriertem Blick hinter einer großen Brille, mit knochigen Fingern bearbeitet sie sorgfältig ein geometrisches Farbfeld. Bis heute malt sie jeden Tag.

Es ist erst dann vorbei, wenn es vorbei ist

Mich rühren solche Geschichten immer sehr. Mich beeindrucken Menschen, die tun, was sie wollen, auch wenn niemand sonst will, was sie tun. Mit Eigensinn und der unbeirrbaren Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein, nämlich dem einzigen, der für sie denkbar ist. "Ich male, weil ich muss", sagt Carmen Herrera. "Es ist meine Liebe zur geraden Linie, die mich weitermachen lässt." Die Liebe zur geraden Linie! Wie klar und wie schön.

Die meisten Leute würden vermutlich von sich behaupten, dass sie eine solche Liebe nicht gefunden haben und dass es schlicht zu spät für sie sei. Doch wie Herrera und die anderen Alten Meister zeigen, ist es erst dann vorbei, wenn es vorbei ist. Irgendwo las ich mal von einer spielerischen Methode, sich selbst über die Länge des eigenen Lebens klar zu werden, und über die Erlaubnis, dieses Leben mit Plänen oder auch nur Träumen zu füllen: dem 95-Jahres-Plan. Man schreibt Jahreszahlen untereinander (in meinem Fall beginnend mit meiner Geburt 1960 und endend mit meinem angenommenen Tod 2055) und füllt die Jahre mit allem, was in ihnen passiert ist und was noch passieren wird oder sollte; es darf gern spinnert sein.

2017 Angkor Wat sehen, 2018 Roman schreiben, 2020 Haus am Meer bauen (2019 überlegen, welches Meer), 2023 Ukulele-Konzert geben, 2026 verwundert Beginn der Rentenzahlung registrieren, 2027 eine Gärtnerlehre beginnen. Und so weiter. Es ist erstaunlich, wie viel Zeit man plötzlich hat, selbst wenn man so wie ich schon mehr hinter sich hat als vor sich. Richtig spannend wurde es, die Jahre 2040 bis 2055 zu füllen. Was würde dann noch möglich sein? Wozu wäre ich körperlich und geistig in der Lage? Ah pah – 2041 neue Dahliensorte züchten und sie nach Carmen Herrera benennen, 2042 erster Fallschirmsprung, 2043 zehnten Roman schreiben, 2044 …

Spätestens dann werde ich meine eigene gerade Linie gefunden haben.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Diese Kolumne erschien in der vergangenen Woche, Heft Nr. 47.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker