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Das Würstchen in uns

Martin Parrs Kritiker werfen ihm vor, sich über seine Mitmenschen lustig zu machen. "Ich will, dass die Menschen lachen und weinen, wenn sie meine Bilder sehen", sagt der Fotograf. Auf geht's.

Eine Frau an der Strandpromenade von Weymouth

Aus dem Fokus ist diese Dame in einem Bild von der Strandpromenade im englischen Weymouth, das Parr 2000 aufgenommen hat.

Die Arbeiten von Martin Parr polarisieren. Die einen lieben seine Abbilder der schrecklich-schönen Wirklichkeit, die anderen werfen ihm vor, sich über seine Mitmenschen lustig zu machen, wenn er sie in peinlichen, doppeldeutigen, absurden oder auch intimen Momenten fotografiert. "Ich nehme es hin, dass jede Art der Fotografie voyeuristisch und ausbeuterisch ist. Offensichtlich kann ich mit meiner eigenen Schuld leben und es mit meinem Gewissen vereinbaren", so die lakonische Antwort des britischen Fotografen.

Das Kunst Haus Wien gehört definitiv zu seinen Bewunderern, denn es widmet dem Lichtbildner seine erste große Retrospektive in Österreich: "A Photografic Journey". Gezeigt werden die Fotoserien, die Parr berühmt gemacht haben: darunter "Last Resort" von 1985, "Bored Couples" von 1990 bis 1993, "Common Sense" von 1995 bis 1999 und "Luxury" von 2007 bis 2011. Mit "Last Resort", Bildern von britischen Strandurlaubern, war Parr 1985 der internationale Durchbruch gelungen. Sein unfassbar direkter Stil hat großen Einfluss genommen zum Beispiel auf die Modefotografie, aber auch auf das Erscheinungsbild von Magazinen wie "Vice".

"Cakes and Balls" in Wien

"Es gibt viele Kollegen, die es in den Krieg zieht. Ich habe nichts dagegen. Mich aber zieht es in den Supermarkt um die Ecke, weil ich die Wirklichkeit dort zeigen möchte", sagt Parr, der seine Kamera immer ganz bewusst auf das Unspektakuläre, das Alltägliche zu richten scheint, das in der Vergrößerung zum Monströsen anwächst und ungeschönt die Auswüchse der Konsumgesellschaft zeigt. Klar, dass er sich damit Feinde macht.

Die aktuellste Serie im Kunst Haus ist "Cakes and Balls", für die Parr und seine "Gepflogenheiten" aufs Korn genommen hat. Diese Fotos sind erstmals öffentlich zu sehen. 

"Martin Parr - A Photographic Journey" ist noch bis zum 2. November 2016 im Kunst Haus Wien zu sehen.


sal

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