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stern spezial Fotografie: Martin Parr

Das neue stern spezial Fotografie ist dem berühmten Fotografen Martin Parr gewidmet. Er hat diese nicht zu erlernende Begabung, im Alltag Situationen zu sehen, an denen andere achtlos vorübergehen. Manchmal erschließt sich erst beim zweiten Hingucken die Raffinesse seines Blicks und seiner Bildkomposition.

Kalter Regen in Bristol, die Tropfen sind so fein wie Staub, und auf dem Weg zu Martin Parr fällt einem plötzlich die Frau an der Bushaltestelle auf, die ihrem Dackel ein Regencape mit Blumenmuster übergezogen hat und noch einen Schirm über ihn hält. Außerdem sieht man einen dicken Mann, der mit einem kaputten Regenschirm im Wind kämpft, auf dem Schirm ist das etwas verblichene Gesicht von Diana. Man sieht auch noch zwei Jungs in weiten Jeans, die so etwas wie ein Sandwich mit Salat essen, um ihre Münder hat sich eine tropfende Rosette aus Mayonnaise gebildet. Man sieht das alles, weil man vor dem Besuch bei Martin Parr fast alle seiner 20 Bücher angeschaut hat, und so was schult den Blick. Für das Ornamentale, für die Verzierungen, mit denen kleine Leute ihr Leben umranken, schmücken und mit denen sie demonstrieren.

Demonstrieren? Ja, sie sagen, seht her, ich bin wer, ich bin ein klein wenig anders als alle anderen, ich habe Blumentapeten und eine Teekanne in der Form des Big Ben. Und ich habe Unterhosen mit dem Union Jack drauf. Und ich liebe es, rosa gezuckerte Törtchen mit einem Schweinsgesicht und Äuglein aus Schokolade zu essen. Und wenn ich an den Strand fahre, soll hinterher jeder meinen hummerroten Sonnenbrand sehen. So ist das, wer wenig hat, zeigt das wenige umso greller, lustvoller und selbstbewusster. Aber vielleicht würde uns dieser Sozialexhibitionismus gar nicht mehr auffallen, vielleicht sind wir selbst ein Teil davon - so wie Martin Parr sagt, dass er ein Teil davon ist und deshalb diese Bilder, nur diese Bilder macht.

Sein altes Reihenhaus auf den Hügeln von Bristol ist so ein Allerweltshaus. Kleine Räume, steile Treppen, dicker Teppichboden, Blumentapeten, und wenn Martin Parr in der Küche steht und Kaffee in Becher gießt, hat man irgendwie das Gefühl, einen Lehrer zu Hause zu besuchen. Parr ist 52 und groß, beinahe schlaksig. Er hat dunkle Haare, einen Seitenscheitel, eine markante Nase und einen breiten Mund mit dünnen Lippen, die sich ständig ein wenig zu einem feinen Lächeln verziehen. Was irritiert, weil man nicht weiß, worüber er lächelt. Später auf der Straße im Zentrum von Bristol fällt einem Parr gar nicht mehr auf, er sieht aus wie jeder hier, was auch so eines seiner Geheimnisse sein kann, denn niemand käme auf die Idee, dass der Mann Fotograf ist. Einer der wichtigsten der Welt. Seine Bücher stehen in jeder Buchhandlung, die Monografie, die sein Landsmann Val Williams über ihn verfasst hat, legt der Phaidon Verlag gerade erstmals auf Deutsch vor, Parr ist Mitglied der renommierten Agentur Magnum, der Königsklasse, irgendwo auf der Welt sind immer Ausstellungen seiner Bilder zu sehen, er hat mehrfach Preise für seine Arbeiten bekommen, und er lehrt Fotografie am Polytechnikum Manchester.

Das sei nun alles nichts Großartiges, erklärt Parr, er habe der Fotografie nichts Neues dazuerfunden, "und es ist völlig sinnlos, aus mir einen Intellektuellen zu machen", sagt er und lächelt. Seine Technik, erzählt er dann, ist schnell erklärt: eine Kamera, Mittelformat 6x7, ein Ringblitz SB29, dazu eine Tasche voller Farbfilme, Amateurware Fuji 400 superior. Und ein Labor um die Ecke, eines, das nach den Ferien immer viel zu tun hat, weil jeder Urlauber seine Filme dort abgibt.

Parr lächelt. Sein Geheimnis ist sein Blick. Fürs Unscheinbare, Nebensächliche, Übersehene. Parr fotografiert das, was die meisten seiner Kollegen höchstens mit Widerwillen fotografieren würden. Supermärkte zum Beispiel. Volle, bunte Regale, Türme von Waschmittelkartons. Oder Ferienlager mit dicken Englõndern, die sich Sahnekuchen in den Mund schieben. Oder ein Brathähnchen auf einer Blumentischdecke. Seine Bilder sind die Stopptaste in unserem rasenden Alltagsfilm, sie dokumentieren und amüsieren. Und dass sie, wie manche finden, auch denunzieren, hat Parr viel Kritik eingebracht. Er mache die Menschen hässlich, er mache sich über Dicke lustig, er lasse die Menschen nicht in Ruhe, wenn sie in Ruhe gelassen werden wollen, heißt es.

Parr überlegt einen Moment und schiebt die Einwände sanft zur Seite: "Ich fotografiere das, was ich sehe, die Wirklichkeit. Was andere dann hineininterpretieren, was sie selbst fühlen, wenn sie die Bilder sehen, sagt etwas über die Betrachter, aber nicht über den Fotografen aus." Die Art, wie Parr das sagt, hat etwas chirurgisch Kühles. Ob er die Menschen liebt, wenn sie sich in Seebädern und Stehimbissen in ihrem Glück winden? Parr lächelt wieder, "lassen Sie es, es hat keinen Sinn, bei mir nach Interpretationen zu forschen. Ich habe keine. Ich bin ein Beobachter sozialer Kommunikation. Ich dokumentiere sie, nichts weiter."

Man muss sich Martin Parr anders nähern. Englischer und biografischer. Er ist, wie er sagt, ein Mittelstandskind. Geboren in Epsom, einer Kleinstadt südlich von London. Vater Beamter, Mutter Hausfrau, britische Eltern, wie sie im Buche stehen mit Vorlieben, wie sie auch im Buche stehen. "Birdwatching", sagt Parr, an den Wochenenden sei er jede Nacht aufgestanden und habe mit seinem Vater auf Wiesen und hinter Bõumen gelegen, Vögel mit dem Fernglas beobachtet und sauber aufgeschrieben, wie viele Amseln und Finken sie gesichtet hatten. Oft besuchte das Kind Martin seinen Großvater, einen Amateurfotografen, mit dem er, ja genau, wieder stundenlang auf Wiesen herumsaß und Bilder machte.

Danach saßen Opa und Enkel im eigenen Labor und entwickelten die Bilder von Häusern, Autos oder Landschaften. Es war eine irgendwie unaufgeregte Kindheit, die Familie glaubte an harte Arbeit, Anstand und die kleinen Freuden am Wochenende. Man könnte auch sagen, dass es eine langweilige Kindheit in kleinen englischen Städten war, die wenig Ausgänge zur Flucht in Subkulturen hatten.

Aber es war vor allem eine Kindheit des Hinschauens, des Beobachtens. Egal ob Vögel oder Menschen, Parr lernte das Lauern mit den Augen und den Blick für das Nebensächliche, denn das Hauptsächliche langweilte ihn. Wenn man sich seine Bilder anschaut, dann fällt zum Beispiel auf, wie selten Menschen darauf miteinander reden. Stumm oder abwesend gehen oder stehen sie nebeneinander, versonnen sitzen sie im Friseursalon. Es ist das Wortlose, was schon der kleine Parr beobachtete.

Nach der Schule ging er 1970 an die Polytechnische Universität in Manchester und studierte Fotografie, was ihn schnell langweilte, "weil sie glaubten, ein Fotograf müsse erst als Assistent arbeiten, und so lernten wir Studiotechnik, was mich nicht interessierte". Parr ging seinen eigenen Weg und zog nach zwei Jahren noch tiefer in die englische Provinz. Fünf Jahre lebte er in Hebden Bridge, einer kleinen Stadt in Yorkshire, und zog dann nach Leitrim, einem Nest im Nordwesten Irlands. Schnell wurde er in den Dörfern "der Fotograf": ein etwas wunderlicher, aber freundlicher Wanderer mit der Kamera, dem die Menschen vertrauten. Außerdem lernten sie, nicht mehr in die Kamera zu lachen oder zu posieren, wenn Parr in der Nähe war. Und er selbst lernte, sich zwischen den Menschen zu bewegen, Bilder zu machen, ohne dass es auffiel, und Motive zu finden, für die in der hektischen Fotografenwelt Londons keiner ein Auge hatte. Schlechtes Wetter zum Beispiel. Oder Vorhänge. Oder Essen. "Essen ist ein fundamentaler Ausdruck von Zivilisation und wird viel zu selten fotografiert", sagt der Fotoforscher Parr.

Damals in der Provinz machte er seine Bilder noch ausschließlich in Schwarzweiß, weil das Standard in der sozialen Fotografie war und weil Farben den Blick auf das Wesentliche verstellen würden, wie man unter Fotopuristen glaubte. Erst Anfang der 80er Jahre legte er die ersten Farbfilme ein. 1983 fuhr Parr in das Seebad New Brighton und fotografierte zum ersten Mal in dem Stil, der bis heute seine Arbeit ausmacht. Bizarre Momente aus der Freizeit, Menschen, die sich vor einem Bulldozer sonnen, rot verbrannte Haut, überfüllte Schwimmbäder, berstende Papierkörbe - Erholung als Hölle mit glücklich darin Schmorenden. Es war ein Porträt der britischen Arbeiterklasse mit einem völlig neuen Blick und ein neuer Stil der 80er Jahre. "Während sich im Kaufrausch der Mittelklasse der Individualismus der feinen Unterschiede als Sinnestäuschung entpuppt, demonstriert Parr an den Begierden des Proletariats den umgekehrten Mechanismus, die Atomisierung der Gemeinschaft + Gesten, Haltungen und Blicke reden nur von Einsamkeit", schrieb der Kunstkritiker Patrick Bahners.

Der Altmeister Henri Cartier-Bresson soll einmal gesagt haben, dass er am liebsten in England fotografiere, weil die Menschen dort ihre sozialen Rollen mit Begeisterung ausspielen, doch Martin Parr zuckt mit den Schultern, wenn man ihn danach fragt. "Nein, überall auf der Welt zeigen die Menschen ein öffentliches Verhalten. Nehmen Sie die Deutschen, die gehen gern auf Reisen und zeigen es, die Deutschen sind richtig demonstrierende Reisende." Längst hat Parr seine Heimat England fotografisch abgegrast, danach hat ihn Japan beeindruckt, und zurzeit fährt er viel durch Mexiko. Thema? Mehrere, Parklücken zum Beispiel. Auf der ganzen Welt, sagt Parr, suchen Autofahrer nach der einen freien Parklücke, wie er auch, wenn er in Bristol nach Hause kommt. Und diese Lücken hat er fotografiert. In Düsseldorf, in Tokio, in Mexiko - vor ihm liegt ein ganzer Stapel von Fotos mit Parklücken, daraus wird er ein Buch machen.

Es wird ein weiteres Beispiel seines Sinns für fotografischen Nonsens sein. Parr hat auch schon Bücher aus banalen Postkarten ("Die aus der ehemaligen DDR waren wunderbar langweilig") und eines mit Selbstporträts an etlichen Orten der Welt gemacht. Und er hat die Beerdigung seiner eigenen Mutter fotografiert, was manche wieder ein bisschen taktlos fanden. "Jeder sollte das machen. Das fotografieren, was man sonst nicht fotografiert. Die eigenen Kinder nicht immer lachend, sondern auch mal weinend. Das eigene Zimmer. Kirchen und der Eiffelturm sehen auch in 30 Jahren noch so aus, die Kinder und das eigene Zimmer nicht."

Parrs Ansichten sind so skurril wie logisch, und gerade diese Einfachheit führte 1994 in der renommierten Agentur Magnum mit Mitgliedern wie Sebastiao Salgado oder James Nachtwey zu einer hitzigen Debatte. Sollten sie wirklich diesen Clown aufnehmen? Oder sind seine Bilder die Zukunft der Sozialreportage? Mit nur einer Stimme Mehrheit wurde der Brite akzeptiert, obwohl der Gründer Henri Cartier-Bresson böse gebrummt haben soll, dieser Parr komme "von einem anderen Sonnensystem". Seitdem haben die beiden kaum ein Wort miteinander gesprochen. Vielleicht weil Parrs Welt-Bilder darüber, wie elend es sich im Glück lebt, dem ehrwürdigen Reporter-Ethos der Magnum-Gemeinde widersprechen? "Wenn Sie meinen", sagt Martin Parr und lächelt.

Jochen Siemens