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"Die Welt des Tourismus": Vorhölle Pauschalurlaub

Ob Skiurlaub am Badestrand oder künstliches Tropenparadies in Ostdeutschland - über 30 Künstler setzen sich in der Schirn Kunsthalle Frankfurt mit dem Phänomen Massentourismus und seinen Schattenseiten auseinander.

Von Alexander Jürgs

Wo geht's hier denn hin? In der Eingangshalle der Frankfurter Kunsthalle Schirn rattert eine Anzeigetafel, wie man sie von den Flughäfen der Welt kennt. Doch wo normalerweise Buchstaben Destinationen bilden, wo Abflug-Gates erscheinen und die Hinweise "Cancelled" oder "Delayed" für Frust bei den Reisenden sorgen, bleibt hier alles schwarz. Eine Reise ins Nirgendwo? Ein Hinweis darauf, dass die Welt immer gleichförmiger, globalisierter geworden ist, dass es letztlich also völlig egal ist, wie unser Reiseziel heißt? "Mandi III", so nennt sich diese Anzeigetafel, ist eine Arbeit des belgischen Künstlers Kris Martin, die in eine Ausstellung führt, die sich der Welt des Tourismus widmet.

Am Ende des 18. Jahrhundert hatten sich erste, mutige Abenteurer wie Johann Wolfgang von Goethe oder Alexander von Humboldt zu aufwändigen Lust- und Entdeckungsreisen aufgemacht. Heute ist der Tourismus längst zum Massenphänomen und Motor der Globalisierung geworden. Wie sich das Reisen gewandelt hat und wie zeitgenössische Künstler auf den Tourismus blicken, das will Schirn-Kurator Matthias Ulrich nun mit einer Ausstellung zeigen. 32 Künstler hat er eingeladen, darunter große Namen wie Thomas Struth, Fischli & Weiss oder Martin Parr, auffällig viele junge Künstler aus Asien und einige, noch wenig bekannte Newcomer.

"Fake Holidays"

Postkarten, kitschige Souvenirs, Landschaftsansichten im Weitwinkel und ein silberpolierter VW-Bully: Die typischen Insignien und Zeichen, die wir mit dem Reisen verbinden, finden sich allesamt unter den Werken. Michael Elmgreen und Ingar Dragset schicken in ihrer Installation eine vergessene Reisetasche aufs Endloslaufband, Damien Roach beklebt eine Wand mit maßlos überkolorierten Postkarten und Eva Grubinger schafft Warteschlangen im Ausstellungsraum.

Fotografie und Video nehmen - angesichts des Themas nicht verwunderlich - einen großen Raum in der Schau ein. Hier ist vor allem Skurriles bestimmend. Der Wiener Fotograf Reiner Riedler legt in seiner Serie "Fake Holidays" die Künstlichkeit der touristischen Erlebnisräume offen: In einer ausgemusterten Fabrikhalle in Ostdeutschland, die in eine Palmenlandschaft mit Strand verwandelt wurde, machen es sich die Besucher im Liegestuhl bequem - Wolkenhimmel und Wirklichkeit bleiben ausgesperrt. In Florida spielen Freizeitparkbesucher bei brütender Hitze und in Badekleidung Skilift, in der Türkei protzt eine Hotelanlage mit einem Nachbau des Kremls direkt neben dem Swimmingpool. Der Tourismus macht sich die Welt, so wie sie ihm gefällt.

Was ist wichtiger: das Erlebnis oder das Souvenir dazu? Urkomisch sind die Bilder, die Magnum-Fotograf Martin Parr am Schweizer Matterhorn geschossen hat. Da blicken und deuten Senioren auf ein mächtiges Bergpanorama, während das Abbild dieser Berge sich bereits auf ihren, im Souvenirgeschäft erworbenen Mützen befindet. Was wichtiger ist, der Blick auf die Berge, das Foto davon oder das Andenken aus dem Kiosk, kann hier niemand mehr entscheiden. Und auf die Idee, diese Berge wirklich selbst zu erklimmen, kommt sowieso niemand mehr.

Schmunzeln muss man auch über die Fotografien von Thomas Struth, die dieser in der Galleria dell' Accademia in Florenz gemacht hat. Struth zeigt Touristen, die gebannt vor Michelangelos David-Skulptur (die selbst nicht im Bild ist) stehen. Mit großen Augen, aber eben auch in den unmöglichsten Shorts, T-Shirts, Sandalen und mit Videokameras vor dem Bauch, bestaunen die Museumsgäste das Werk. Wo große Kultur gefeiert wird, ist es um den Geschmack nicht automatisch gut bestellt.

Vorhölle Pauschalurlaub

Den radikalsten und spöttischsten Blick auf die Niederungen des Massentourismus wirft Franz Ackermann. Seine Installation "From Eden to Lima" erscheint wie die Vorhölle: Zwischen Katalogen für Pauschalreisen, künstlichen Palmenstümpfen und poppigen Gemälden hat Ackermann Fernseher aufgetürmt, auf denen Videos von Cluburlauben und All-Inclusive-Reisen berichten. Eine Welt aus heruntergekommenen Hotels, Alkoholexzessen und nervig blinkenden Werbetafeln erscheint dort, in der selbst ihr Becken schwingende, karibische Schönheiten der müden Masse keine Regung mehr entlocken können. Größer als in diesen Hotelburgen kann Tristesse nicht mehr sein - Ackermann zeigt sie auf schonungslose Weise.

Ist Tourismus also nicht mehr als ein riesengroßes Übel? Kurator Ulrich widerspricht dieser These vehement und zitiert zum Beweis Hans Magnus Enzensberger, der den Tourismus als "Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit" und als Akt der Subversion bezeichnet hat. Wenn die Menschen sich massenhaft nach der Fremde sehnen, ist das ein Beleg dafür, dass sie mit der Realität unzufrieden sind. Wer reist, glaubt noch an eine bessere Welt. Diese Sehnsucht des Reisenden lässt sich auch in vielen Werken der Ausstellung entdecken: Die Fotomontage des koreanischen Künstlers Ho-Yeol Ryu, die eine unüberschaubare Armada von Flugzeugen in den Himmel aufsteigen lässt, ist solch ein Sinnbild für Fernweh. Die Künstlerin Yin Xiuzhen aus Peking dokumentiert ihre Reiselust, in dem sie "Portable Cities" schafft: mit viel Mühe genähte und modellierte Miniaturausgaben von Metropolen wie Hongkong, New York oder Frankfurt, die in einem Reisekoffer Platz finden.

Die Sehnsucht der Flüchtenden

Sehnsucht spürt man auch in den Fotos der französischen Fotografin Yto Barrada. Ihre Bilder zeigen Rückenansichten von Menschen, deren Blick in die Ferne schweift, Kinder, die vor dem Werbeplakat einer Fähre spielen oder ein Hotelzimmer in schummrigem Licht. Doch diese Fotografien erzählen nicht von Touristen, sondern von den unzähligen Flüchtlingen, die von Tanger aus versuchen, über die Straße von Gibraltar illegal nach Spanien einzureisen. In Barradas eindringlichen Bildern wird Migration so zum Spiegel und zur Schattenseite des Tourismus.

"All-Inclusive. Die Welt des Tourismus", bis 4. Mai in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt, Informationen unter www.schirn.de