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Arbeit im Wandel der Zeit: Zwischen Vorhölle und kreativem Arbeitsplatz – wie das Großraumbüro entstand

Das Großraumbüro spaltet die Gemüter: Die einen empfinden es als notwendig, für die anderen ist es der pure Horror. Über die Geschichte des Büros – und wie sehr kulturelle, technologische, aber auch soziale Faktoren diesen Ort verändert haben.

Historische Aufnahme, Großraumbüro in den dreißiger Jahren

Ein Großraumbüro in den 1930er Jahren.

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Die einen sitzen gemeinsam mit den Kollegen in einem Raum, die anderen können sich nicht vorstellen, das Büro mit einem anderen Menschen zu teilen: Der Arbeitsplatz ist zum Streitthema geworden. Spätestens seit klar ist, dass die Großraumbüros zwar billiger fürs Unternehmen, aber nicht immer nützlicher sind.

Es stellt sich die Frage: Wie sind wir hier eigentlich hergekommen? 

Die Anfänge des Büros finden sich schon im alten Rom. Im sogenannten Tabularium wurden Schriftsätze aufbewahrt, heute würde man es wohl Staatsarchiv nennen. Dort lagerten mit Wachs überzogene Täfelchen aus Holz, Elfenbein oder Metall, außerdem Pergamentrollen und Tafeln aus Bronze. Solch ein Tabularium befand sich nicht nur im großen Rom, sondern auch am Rande des Imperiums. So verfügte auch das Kastell Niederberg am obergermanischen Limes (heute ein Stadtteil von Koblenz) über eine dieser Schreibstuben. 

Das Tabularium hatte noch wenig mit den heutigen Büros zu tun, das Skriptrium hingegen schon eher. Diese seit der Spätantike aufkommenden Schreibstuben befanden sich meist in Klöstern. Dort wurden Texte handschriftlich vervielfältigt. Im Mittelalter saßen dort Mönche in ersten, abgetrennten Kabinen oder in größeren Räumen. Dass 1494 von Sandra Bottecelli erschaffene Gemälde des heiligen Augustinus in Klausur zeigt einen schreibenden Mann in einer dreiwandigen Nische, die von einem Vorhang geschlossen werden kann. Nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern auch ein sichtbares Zeichen von Prestige und Macht - so zwei Forscher der Swinburne Universität in einem Beitrag auf "The Conversation".

Saint Augustin dans son cabinet de travail

Das Gemälde "St. Augustin dans son cabinet de travail" von Sandra Bottecelli wurde 1494 fertiggestellt. 

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Doch solch Räumen waren im Mittelalter selten. Wer aus beruflichen Gründen schreiben musste, tat dies zu Hause. Büros als Arbeitsraum waren abseits von Klöstern noch nicht erfunden. Laut dem kanadischen Architekt Witold Rybczynski änderte sich dies im 17. Jahrhundert. Anwälte, Beamte und andere schreibende Berufe begannen, Büros zu unterhalten. Diese Entwicklung startete in Städten wie Amsterdam, London oder Paris. Damit wurde die Funktionalität der Gebäude divers: Das Büro, das ausschließlich zum Arbeiten da war. Und das Heim, ein Ort, der mit Privatsphäre und Komfort einhergingen. In London zählen die Old Admiralty Buildings zu den ersten zweckgebundenen Bauten. Ab 1726 lagerten dort die Schriften der Royal Navi. Ein Besprechungsraum, der Admiralty Board Room, ist bis heute in Benutzung. Auch Firmen folgten diesem Trend. Sir Charles Trevelyan, Sekretär im britischen Finanzministerium zwischen 1840 und 1850, schrieb dazu: "Für die geistige Arbeit sind getrennte Räume notwendig, damit eine Person, die mit dem Kopf arbeitet, nicht unterbrochen wird."

Die Bürogebäude hingegen sollten zwar zweckmäßig sein - übernahmen aber sehr schnell eine weitere Funktion: Sie sollten die Macht, manchmal auch den Reichtum, des dort Arbeitenden verdeutlichen. So zeigten die großen Bankdynastien der Rothschilds oder der Barings ihr Vermögen durch prachtvolle Bauten.

Die Entstehung des Großraumbüros

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts kam das Großraumbüro auf. Frank Lloyd Wright entwarf 1906 das Larkin Administration Building - das erste moderne Bürogebäude überhaupt. Die neue Zentrale sollte das Höchstmaß an Effizienz, Produktivität und Zusammenarbeit mit sich bringen. Im Jahr 1936 entwarf Wright für SC Johnson Wax das erste Großraumbüro-Gebäude der Welt. Hier saßen nun rund 250 einfache Angestellte in einem Raum zusammen. Allerdings unter besseren Bedingungen als in der Vergangenheit: Helleres Licht, Isolierung, hochwertigere Materialen - doch das alles nicht ohne Hintergedanke: Die Arbeit änderte sich - und auch die Büros wurden auf maximale Produktivität getrimmt. Was an den Fließbändern durch die industrielle Revolution geschehen war, sollte sich nun auch bei Bürojobs fortsetzen. 

Das Hauptquartier von Johnson Wax in Wisconsion, USA.

Der US-amerikanische Architekt Frank Lloyd Wright entwickelte in den 1930er Jahren dieses luftige Großraumbüro für Johnson Wax in Wisconsin.

In den 1960er Jahren war es eine deutsche Idee, deren Begriff heute noch präsent ist: Das offene Büro kennen die USA und Großbritannien als "Bürolandschaft". Diese Fläche sollte die Interaktion zwischen Kollegen ankurbeln. Und das Großraumbüro war beliebt. Die beiden Deutschen Eberhard und Wolfgang Schnelle haben hier Pionierarbeit geleistet, als sie die "starren und ineffektiven Strukturen großer, bürokratischer Organisationen aufbrechen" wollten. Offene Flächen, locker gestellte Möbel und der Einsatz von Trennwänden und Pflanzen mutet auch wieder sehr modern an. Dieser Durchbruch entstand nicht im hippen New York, sondern in Gütersloh. Dort gestalteten die beiden Möbelfabrikanten das Verlagshaus von Bertelsmann (zu dem auch der stern gehört) um. 

In den USA waren immer noch die langen Gemeinschaftsschreibtische angesagt. Robert Probst, Kunstprofessor in Colorado, arbeitete für den Möbelbauer Herman Miller und schrieb abfällig: "Das heutige Büro ist wie Brachland. Es zehrt an der Vitalität, blockiert Talente und verhindert Leistung." Diese damaligen Bürolandschaften waren wie Fließbandarbeitsplätze konzipiert. Dem gegenüber stellte Probst sein "Action Office". Probst spendierte den Schreibtischarbeitern aufklappbare Seitenwände für ein wenig Privatsphäre. Diese Trennwände waren noch weit entfernt von den heutigen Arbeitskabinen, die es in einigen Call-Centern gibt. 

Laut "Quartz" setzte sich das Konstrukt durch. In den 1970er und 1980er Jahren bauten immer mehr Firmen in den USA ihre Büros in diesem Stil um. Und genau das wurde dem "Action Office" auch zum Verhängnis: Manager stopften immer mehr Schreibtische in einen Raum^. Am Ende ähnelten die Büros den Würfelfarmen, die heute vor allem in den USA stehen.

Die darauffolgenden Jahrzehnte waren für das "Action Büro" der Killer: Durch Fusionen und Übernahmen standen schnell massenhaft dieser Schreibtisch-Inselchen leer. Statt Freiheit und Modernität wurde diese Büroform zum Zeichen der Ersetzbarkeit von Mitarbeitern. Allerdings: Eine Abkehr des Großraumbüros - ob nun unterteilt oder nicht - gab es nicht. 

Das Großraumbüro heute

Vielmehr erlebte das Großraumbüro einen Aufschwung. Firmen konzipierten ihre Flächen offen und weit, mit etwas Grünpflanzen und hier und da einer kleinen Sitzecke. Man wollte alles vereinen: Die Interaktion der Mitarbeiter, aber auch die Kostenreduktion durch geringere Fläche. Die Universität Harvard machte den Traum schnell zunichte: Mitarbeiter in großen Büros kommunizieren weniger persönlich miteinander, Gespräche werden in Chats und Mails ausgelagert, fanden die Forscher der Uni heraus. 

Die Frage ist: Wie viel Nähe brauchen Mitarbeiter zum Büro, zu den Kollegen? Untersuchungen legen nahe, dass wir ein miteinander brauchen und auch das Zusammensein. Inzwischen geht es nämlich längst nicht mehr nur um übergroße Arbeitsräume. Das Internet bringt eine neue Zeitenwende: das Homeoffice. Mitarbeiter sollen so Privates und Beruf besser kombinieren können. Und die Firmen können sich teure Arbeitsplätze sparen. Also eine gute Entwicklung für beide Seiten?

Nicht unbedingt. Längst haben große Firmen wie Yahoo oder IBM ihre Mitarbeiter wieder in die Firmenzentrale beordert. Das Homeoffice, dass eigentlich die Mitarbeiter freier und zufriedener machen sollte, hat sie zumindest zum Teil vom Arbeitgeber abgekoppelt. 

Der aktuellste Trend sind Working-Spaces, also Büroräume, die Mitarbeiter anhand der Funktionalität auswählen. Ein Team arbeitet gemeinsam an einem Projekt? Dafür gibt es offene Räume und große Tische. Ein Mitarbeiter muss in Ruhe telefonieren und sich konzentrieren? Abgeschlossene, kleine Kabinen bieten ihm den Rückzugsraum. Und erinnern am Ende an die kleinen Nischen der Mönche im Mittelalter.