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Arbeitsplatz: Die große Stille - warum Arbeiten im Großraum ein Kommunikationskiller ist

Sind Großraumbüros nun fortschrittlich oder nicht? Zumindest müssten sie die Kommunikation zwischen Mitarbeitern verbessern: Kürzere Wege, direktere Absprache - prima. Eine Studie der Harvard University kommt zu ganz anderen Ergebnissen.

Arbeiten im Großraumbüro

Arbeiten im Großraumbüro: Die Kommunikation nimmt ab

Das leise Klackern auf den Tastaturen surrt durch den Raum, viele Mitarbeiter tragen große , während sie arbeiten. Wenn gesprochen wird, dann ganz leise. Und wenn jemand telefoniert, geht er besser aus dem Raum - oder er sprengt die meditative Stille. 

So sehr diese Szenerie an ein Wartezimmer beim Arzt erinnert - so funktionieren viele in Deutschland. Statt quirliger Arbeitsatmosphäre herrscht Grabesstille. Leidet darunter die Produktivität? Oder die Kreativität? Das wollten Forscher der renommierten Harvard Universität wissen und machten den Versuch: Sie schauten sich die Arbeitsweise von 152 Angestellten zweier US-Konzerne genauer an. Die saßen bisher in kleinen Büros und zogen in Großraumbüros. 15 Tage vor dem Umzug und 15 Tage danach beobachteten die Forscher die Mitarbeiter und prüften genau deren Kommunikation: Wann wurde wie miteinander gesprochen? Sprach man direkt miteinander - oder nutzte man Chats oder Emails? Dafür wurden die Probanden mit portablen Mikrofonen ausgestattet. Und auch der Email-Verkehr wurde ausgewertet. Das Ergebnis? Erschreckend!

Wenn keiner mehr spricht

Denn die Kommunikation zwischen den Kollegen kam quasi zum Erliegen. "Entgegen der landläufigen Meinung verringerte sich das Volumen der verbalen Kommunikation signifikant um rund 70 Prozent, zeitgleich stieg elektronische Interaktion untereinander", so die Forscher in einer Zusammenfassung. Während Mitarbeiter, die in geschlossenen Büros arbeiteten, sonst 5,7 Stunden täglich miteinander sprachen, ging dieser Wert im Großraumbüro auf 1,7 Stunden zurück. Im Gegenzug nahm die Nutzung von Emails und Chats zu - von 20 auf 50 Prozent. 

Die Forscher erklären das mit nicht mehr vorhandenen Rückzugsräumen. Also suchen Mitarbeiter neue Wege, um sich vertrauensvoll auszutauschen und Privatsphäre zurückzuerobern. Doch das kann auch deutlich negative Auswirkungen haben: Sie setzen sich ihre Köpfhörer auf, schotten sich ab, tun vorsätzlich beschäftigt, um nicht genervt zu werden - und führen wichtige Gespräche nur noch auf elektronischem Wege. "Kurz gesagt: Anstatt eine zunehmend lebhafte Arbeitsatmosphäre von Angesicht zu Angesicht zu fördern, schien die offene Architektur eine natürliche menschliche Reaktion auszulösen, um sich sozial von Amtsträgern zurückzuziehen und stattdessen über E-Mails und Chats zu interagieren", so die Harvard-Forscher. 

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Großraumbüro - warum wir Grenzen und Mauern brauchen

Abschottung als Abwehr: Die fehlenden privaten Räume im Arbeitsalltag in Großraumbüros werden eben nicht hingenommen - sondern durch Chats und Mails kompensiert. "Organisationswissenschaftler, insbesondere Sozialpsychologen und Umweltpsychologen, haben gezeigt, dass das Entfernen von räumlichen Grenzen die Zusammenarbeit und die kollektive Intelligenz verringern kann", schreiben die Studienautoren. Grenzen, also Mauern, können also nicht nur einengen und teilen, sondern die Zusammenarbeit sogar stärken. "Räumliche Grenzen spielen auf mehreren Analyseebenen schon seit langem eine Rolle. Sie helfen den Menschen, ihre Umwelt zu verstehen, indem sie sie modularisieren: Wer zusieht und wer nicht, wer Informationen hat und wer nicht, wer dazu gehört und wer nicht, wer was kontrolliert und wer nicht, wem man antwortet und wem man nicht folgt." Menschen würden räumliche Grenzen benötigen, auch um Überlastung, Ablenkung oder Befangenheit zu reduzieren. Abgrenzung könne die Interaktion innerhalb einer Gruppe erhöhen. 

Großraumbüro