HOME

Ein Bild und seine Geschichte: Wenn Harald Schmidt fotografieren würde

Das Sonnenbad, ein alltägliches Urlaubsritual, millionenfach praktiziert, gesellschaftlich akzeptiert und doch grotesk. Man muss nur tabulos genug hinschauen. So wie Martin Parr. In satten Farben nimmt das enfant terrible der britischen Fotografie seine Mitmenschen in den Fokus.

Von Philipp Gülland

Sonnenbaden muss eine ernstzunehmende Angelegenheit sein: Die Frau auf dem Liegestuhl zumindest ist gut ausgerüstet: Die Augen schützt sie mit einer blauen Plastikklammer, Goldkettchen, Ohrringe und Lippenstift sorgen für den nötigen Chic, und schmale Lippen demonstrieren Entschlossenheit. Ob sie das blaue Frotteetuch wohl schon am frühen Morgen ausgelegt hat, um ihren Claim auf der Sonnenterrasse abzustecken? Es ist eine skurrile Szene, die sich da unter spanischer Sonne abspielt. Eine Szene ganz nach Martin Parrs Geschmack.

"Mich fasziniert der gewöhnliche Alltag", sagt der Bildnehmer. Die Fotografie sei seine Jugendliebe, ebenso das Sammeln: Vogelnester, Fossilien und skurrile Momente. Mit seinen Eltern sei er oft Vögel beobachten gegangen, erinnert er sich: Aber "wenn ich auf diese Ausflüge mitgekommen bin, habe ich natürlich die Vogelfreunde beobachtet."

Zwischen Trick, Hohn oder Genie

Parr beobachtet seine Mitmenschen gnadenlos genau und mit greller Ironie. Seine Bilder geben oft Anlass zu polemischen Auseinandersetzungen zwischen Trick, Hohn oder Genie. Auf alle Fälle verbreitet Parr mit leichter Hand diesen unterkühlten und schneidenden, typisch englischen Humor. Er seziert die Widersprüche, Schwächen, Lächerlichkeiten und Gemeinheiten der Situationen, die er fotografiert. Die Leichtigkeit, mit der er die intimen Codes oder die Klischees des Alltags erfasst und knackt, macht ihn zu einem äußerst kritischen Beobachter.

"Martin ist technisch nicht besonders interessiert, aber er hat unglaublich wache Auge. Wenn man mit ihm eine Straße entlang geht, nimmt er einfach alles in sich auf", berichtet ein Freund und Kollege über den unauffälligen Querkopf mit den auffälligen Bildern.

Dieser schneidende Blick auf die Ambivalenzen des Alltags zeigt sich auch in den Bildern vom spanischen Badestrand Benidorm: Sie sind Feier und Entblößung des Massentourismus zugleich. Die einen lieben sie wegen der Wahrhaftigkeit, in der Hinz und Kunz nicht eben werbeträchtig mit Falten, kleinen oder größeren Bäuchen und mehr oder weniger ungelenk erscheinen. Die anderen hassen diese Bilder und werfen Parr Zynismus vor. Der Künstler erregt solche Kontroversen gern, er will unterhalten und findet politisch korrekte Fotografie einfach langweilig. Parr polarisiert: Es ist nahezu unmöglich, seine grellbunt-ironischen Bilder einfach nur zur Kenntnis zu nehmen. Sie sind zu eigenwillig, provozieren eine klare Meinung.

Gegenentwurf zum Mainstream

Parr selbst sieht sich als "vollkommen britischer Fotograf, der Komödie und Ironie liebt". Seine Bilder seien ein Gegenentwurf zum Mainstream. "Wir sind umgeben von Propagandabildern. Selbst klugen Menschen scheint das nicht weiter aufzufallen. Sogar Familienalben werden sorgfältig arrangiert, so dass Dysfunktionalitäten nicht auffallen, nicht zugelassen werden." Er dagegen wolle die Welt zeigen, wie sie ist.

"Ich suche mir einfach Dinge, von denen ich denke, dass es sich lohnt, sie zu betrachten. Zum Beispiel die Dinge die wir essen, die Läden in denen wir einkaufen oder unsere Reiseziele." Dort Martin Parr reiche Beute. Die Skurrilitäten und kleinen Schwächen des Alltags seziert er mit einem Augenzwinkern - schwarzem Humor und blauer Plastikklammer.