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RENTNERPARADIES SUN CITY: Im Falten-Reich

50.000 Pensionäre leben in Sun City/Arizona, der größten Rentnerkommune der Welt. Obwohl man sich auch hier gern mal auf jugendlich trimmt - wer unter 55 ist, wird hier nicht aufgenommen.

Von Peter Pursche und Peter Granser von PhotoNet, Wiesbaden (Fotos)

Bisweilen macht die Stadt ihrem Namen zu viel Ehre. Dann treibt die Sonne das Thermometer bis an die 50-Grad-Marke. An solchen Tagen sind die Menschen in Sun City Gefangene ihrer Häuser. Wer keinen Herzschlag riskieren will, bleibt in seinen vier Wänden, temperiert gehalten von der Klimaanlage. Wer jetzt unbedingt einkaufen muss, vertraut sein Leben einer geschlossenen Kühlkette an: erst die eigene, dann die Klimaanlage des Autos, dann die des Supermarktes und wieder zurück nach Hause.

Joel Greene, der sich hier 1996 einen Bungalow kaufte, sagt: »Wenn an so einem extrem heißen Tag der Strom ausfiele, wie ja vergangenes Jahr in Kalifornien geschehen - die halbe Stadt würde auf dem Friedhof landen.« Dann fügt er hinzu: »Verrückt, wo wir doch alle wegen der Sonne hergezogen sind.«

Sun City ist ein Paralleluniversum, zwar auf unserem Planeten gelegen, nämlich im amerikanischen Bundesstaat Arizona, nicht weit von der Hauptstadt Phoenix, aber trotzdem Teil eines ganz anderen Kosmos. Es ist eine Welt der karierten Nylonhosen, der sanften Pastelltöne, der rasierklingenscharfen Rasenkanten, der Bedächtigkeit und des unbedingten Willens zum Positiven. Es ist ein Planet, auf dem man nach Kräften versucht, den Tod zu ignorieren, während man ihm doch schon so nahe ist und nicht vergessen darf, rechtzeitig die Batterien des Hörgeräts zu wechseln.

Sun City ist eine Rentnerstadt, die größte Seniorenkolonie der USA, ein Querschnitt durch den alt gewordenen Mittelstand des Landes. Böse Zungen bezeichnen die Stadt als In-Kontinent. Knapp 50.000 Pensionäre wohnen hier unter dem ewig blauen Himmel, zugewandert aus allen Staaten der USA und aus mehr als 50 Ländern der Welt. Sie wollen das letzte Drittel des Lebens wie auf einer trockenen Kreuzfahrt verbringen.

Gegen den Jugendwahn der restlichen Welt setzt man in dieser Kommune auf die Arroganz des Alters. Wer jünger ist als 55, darf hier nicht wohnen, Spielplätze und Schulen gibt es in dieser Stadt nicht. Kinder und Jugendliche haben einen Status wie Außerirdische. Sie dürfen Oma und Opa zwar besuchen, aber nicht zu lange, Kindergeschrei stört die heilige Ruhe. »Keiner will daran erinnert werden, dass die Welt da draußen lange nicht so alt ist wie wir hier«, sagt Joel Greene, 68, »manchen ist es sogar peinlich, dass die eigenen Kinder jünger sind als man selbst.«

Er steht am Pool des »Lakeview«-Freizeit-Centers, wischt sich einen Rest Ton von den Händen. Eben hat er noch in seiner Keramikgruppe an einer abstrakten Skulptur modelliert, die überhaupt nicht zu den putzigen Trinkbechern, Messerbänkchen und niedlichen Kätzchen der anderen Kursteilnehmer passt. »Die verstehen nicht im Ansatz, was ich mache, aber alle finden es great.« Dann lacht er und fügt hinzu: »That's the spirit of Sun City.«

Es gibt sechs solcher Freizeitzentren in der Rentnerstadt mit Swimmingpool, Tennisplätzen, Bowlingbahnen, Squashhallen, Tischtennis- und Billardtischen. Außerdem Werkstätten mit Profi-Einrichtungen für Silberschmieden, Edelsteinbearbeitung, Schreinern, Porzellanmalerei, Schneidern. Dazu jeweils Auditorien für Konzerte, Tanzveranstaltungen, Vorträge und Gymnastik sowie Clubräume. Für 130 Dollar pro Jahr kann jeder Sun-City-Einwohner in jedem Zentrum an allen Aktivitäten teilnehmen. Nur das Material kostet extra.

Für die Generation Golf stehen kostenfrei zehn 18-Loch-Plätze zur Verfügung; außerdem gibt es drei Country-Clubs - die nehmen Eintritt -, einen Baseballplatz, ein Amphitheater für 7000 Zuschauer, einen Schießstand außerhalb der Stadt, 28 Kirchen, 23 Banken, fünf Einkaufszentren, zwei Krankenhäuser, 200 Ärzte, Legionen von Optikern und Fußpflegern, eine eigene freiwillige Bürgerwehr und über 300 Vereine, in denen sich unter anderem Republikaner, Modelleisenbahner, Macintosh-User und ehemalige CIA-Agenten treffen.

Joel Greene ist Nachfahre russischer Juden und war bis zu seiner Pensionierung Lehrer und Drogenberater bei der New Yorker Polizei im Stadtteil Chinatown. Jeden Tag ist er mit dem Fahrrad über die Brooklyn Bridge zur Arbeit und wieder nach Hause gefahren. Er sagt, dass er »every shit of the world« gesehen hat. Demnächst will er seinen Sohn in Brooklyn mal wieder besuchen. »Dann freue ich mich über jeden meiner ehemaligen Schüler, der sein Gehirn noch beisammen hat.«

Was verschlug Joel nach Sun City? »Ich war mit einer 17 Jahre jüngeren Frau zusammen, weißt du, so eine komplett hormongesteuerte Beziehung. Als ihre Mutter pensioniert wurde, kaufte sie sich hier ein Haus. Ich half beim Umzug.« Die heile Welt von Sun City hat Joel Greene damals schwer beeindruckt. Weil hier alles Negative aus dem Sichtfeld verbannt war. Keine Kriminalität, kein Schmutz, nur freundliche Leute, Lächeln und Sonnenschein. »Du weißt, das ist alles oberflächlich, aber du brauchst ja nicht darüber nachzudenken.«

Für seinen Bungalow hat er 80.000 Dollar bezahlt, das war keine Hürde, seine Pension reicht für seine Bedürfnisse. Er habe sich in Sun City geistig zur Ruhe gesetzt, sagt Joel. Zweimal die Woche besucht er den Töpferkurs, zweimal geht er ins Kino, er schwimmt bisweilen, guckt viel Fernsehen, und hin und wieder besucht er eine Freundin, die außerhalb wohnt. »Engeren Kontakt zu anderen Bewohnern habe ich nicht. Aber wenn ich einsam bin, kann ich mir irgendjemanden schnappen und belangloses Zeug reden.«

Im Erschaffen künstlicher Welten sind Amerikaner unschlagbar, und in Sun City waren die Meister am Werk. In der lebensfeindlichen Wüste Arizonas ließen sie das Gras der Golfplätze so grün werden wie in Irland. Der Rasen hängt am Tropf eines unterirdischen Sprinklersystems, das jede Nacht Hunderttausende Liter Wasser versprüht. Auch die Mülltonnen sind in den Untergrund verbannt - vor jedem Haus sind sie in den Boden eingelassen.

Die überall wachsenden Orangenbäume sind in Kugelform geschnitten, ihre Stämme sind weiß gestrichen, heruntergefallene Früchte werden binnen Stundenfrist von einer freiwilligen Putztruppe entsorgt. Hier und da entdeckt man Steine, die sich bei näherem Hinsehen als Lautsprecher entpuppen. Die Steingärten vor den Bungalows, bisweilen mit Plastiktieren und Kakteen aufgelockert, werden von ihren Besitzern regelmäßig gesaugt. Kein Stück Papier, kein Graffito, kein Laub - es ist nicht sauber, sondern rein.

Ab und zu summt ein Auto mit 20 Stundenkilometern vorbei oder ein Golfkart, auf das viele Bewohner aus Altersgründen umgestiegen sind. Da niemand zu Fuß geht, wirkt die gesamte Stadt zu jedem Zeitpunkt wie ausgestorben. Man wähnt sich in den Kulissen eines Science-Fiction-Films, in einer Stadt, in der die Jugend und die Natur durch ein geheimnisvolles Virus ausgerottet wurden, um einer schönen, neuen Kunst-Welt Platz zu machen.

Wenn irgendetwas nicht in diese geleckte Kulisse passt, dann ist es Will Rowlings Hinterhof. Pflanzen im Wildwuchs, Brennholzstapel, riesige Tierskulpturen, geheimnisvolle Apparate, verwunschene Ecken, schließlich eine 20 Meter lange mexikanische 3-D-Straßenszene, die sich - im Maßstab leicht verkleinert - wie ein Fries die Gartenmauer entlangzieht. Es ist ein geheimer Zaubergarten, der sich nur ganz wenigen öffnet.

Will Rowling, heute 86, arbeitete als Modellbauer bei diversen Autokonzernen und in Orlando bei Disney World. »Ich habe Skulpturen, Modelle und Apparate von allem gebaut, was Sie sich vorstellen können. Aus jedem Material.« Gegenwärtig bastelt er an einer Bauchrednerpuppe. Wenn er an Band- und Kreissäge arbeitet, vergisst man glatt, dass er lediglich Hell und Dunkel unterscheiden kann, und das nur bis zu einem Meter Entfernung. Will ist fast blind. »Ich brauche heute vier Stunden für eine Sache, die ich früher in 15 Minuten erledigt habe.« Vor kurzem hat er unter den besorgten Blicken seiner Nachbarn das Dach neu gedeckt.

Jeden Nachmittag besucht Witwer Will seine Freundin Alice Wappel, die ebenfalls beinahe blind ist und gerade noch die eigenen Füße erkennen kann, wenn sie sie bewegt. Vor vier Jahren lernten sich die beiden bei einer Tanzveranstaltung kennen. Alice, Mutter von sechs Kindern, war mit ihrem Mann vor 20 Jahren nach Sun City gezogen. Zwei Jahre nach seinem Tod ist sie wieder tanzen gegangen. Seitdem schaut Will regelmäßig vorbei. Alice kocht ihm was Warmes, Freitag, Samstag und Sonntag gehen sie tanzen. Ballroom Dance. Gemeinsam waren sie auf Südsee-Kreuzfahrt, haben Italien, Alaska, Australien besucht.

Alice und Will treten regelmäßig als Komiker-Duo in den Freizeitzentren auf. Meistens er als Frau, sie als Charlie Chaplin mit Zylinder. Und bald mit ihrer neuen Nummer, an der sie gerade arbeiten: er als Bauchredner mit seiner Puppe, sie als Roboter, der von ihm immer wieder aufgezogen werden muss. Überflüssig zu erwähnen, dass Alice ihre Bühnenkostüme selbst näht. Übers Zusammenziehen haben die beiden schon öfter geredet und sind immer wieder zum selben Ergebnis gekommen: »Man hat doch mit der Zeit so seine Macken entwickelt, die einem nicht mehr auszutreiben sind. Sich einmal am Tag treffen ist gut. Mehr ist vielleicht gar nicht gut.«

Es war der Bauunternehmer Del E. Webb, der die Vision einer großen Rentnerstadt in die Tat umgesetzt hat. Er ließ 1958 die Bedürfnisse von Pensionären untersuchen. Sunshine, activities, companionship - Sonne, Aktivitäten, Geselligkeit hieß das Ergebnis. Del Webb kaufte 36 Quadratkilometer Wüste vor den Toren von Phoenix, ließ die Reißbrettsiedlung bauen, wie sie heute da steht, und verkaufte seine Häuser den Leuten nicht als Immobilie, sondern als Way of Life. Sein Werbeslogan: »Die Häuser sind aus Beton, Stahl und Holz, aber die Gemeinde besteht aus Menschen.« Im Handumdrehen waren sie verkauft.

Gwen und Paul Cornell, die zu den Pionieren dieser ersten Jahre gehören, sind immer noch beseelt von der kibbuzartigen Aufbruchzeit. Jeder hilft dem anderen, so gut er kann, war damals die Devise, und viel davon hat sich bis heute erhalten in der »City of Volunteers«, der Stadt der Freiwilligen. Jeder Dritte packt mit an bei einer Gemeinschaftsaufgabe, sei es die Bürgerwehr, die dem Sheriff hilft, oder die »Prides«, die Gruppe, die die heruntergefallenen Apfelsinen und jedes Knäuel Papier aufsammelt. Fast jeden Morgen steht Gwen früh auf, um mit den »Prides« auf Müll-Streife zu fahren. Und Paul bringt dreimal die Woche mit dem Rotkreuzwagen gebrechliche Sun-City-Bewohner zu ihren Ärzten. Beide unterstützen obendrein ein Projekt, in dem mexikanische Einwanderer Englisch lernen.

»Wer weiß, ob uns später jemand zum Arzt fährt«, sagen die Cornells. »Jetzt zieht hier langsam die Woodstock-Generation ein, und damit steht die Ich-Generation vor der Tür. Und die sind wie Kinder und wollen vor allem spielen.«