stern FOTOGRAFIE Tim Walker: Träumend an die Spitze


Mit seinen 35 Jahren gilt der Brite Tim Walker schon jetzt als zukünftiger Starfotograf einer Modewelt, deren flirrenden Stilen und hektischen Wechseln er sich hartnäckig verweigert.

Die Straße im Londoner Osten heißt French Place, und selbst der Taxifahrer muss in seinem Stadtplan blättern, um sie zu finden. Und eigentlich ist French Place auch keine Straße, sondern eine kleine Sackgasse, vorn ein Imbiss mit fetttrüben Fenstern, links und rechts ein paar kleine Fabrikhäuser und hinten am Ende eine alte Halle, in der ein Bagger rumort. Wer hier wohnt, denkt man, kann gar nicht anders, als sich seine Bilder im Kopf zu inszenieren, wer hier aus dem Fenster schaut, muss sich mit Wolllust der Fantasie bedienen, um eine schönere Welt vor Augen zu haben.

Tim Walker wohnt hier, und man muss höllisch aufpassen, um nicht auszurutschen, wenn man ihm auf den steilen Holztreppen seines alten Hauses folgt. Und es irritiert einen, dass jedes Stockwerk seines Hauses auffällig unfotografisch aussieht - keine Haufen Kameras in den Ecken, keine Stative, Kabel, Lichter, noch nicht einmal große Kartons mit Abzügen liegen herum. An den Wänden hängen alte, irgendwo herausgeschnittene Fotografien, nirgendwo sind Stapel von Fotobüchern zu sehen, man zweifelt einen Moment, bei dem richtigen Mann zu sein.

Aber genau darin liegt schon etwas, was Tim Walker, den Fotografen, ausmacht: Er hat, was er macht, im Kopf, malt es sich tagelang still aus und lässt dann vor seiner Kamera eine Welt entstehen. Tim Walkers Modefotografien sind Weltenbilder, die es lange nicht gegeben hat. Mit seinen 35 Jahren gilt der Brite schon jetzt als zukünftiger Starfotograf einer Modewelt, deren flirrenden Stilen und hektischen Wechseln er sich hartnäckig verweigert. Im Gegenteil, Walker schafft es mit seinen Bildern, eine alte, opulente Schule der Modefotografie wiederzubeleben, die in den vergangenen Jahren oft zwischen kühlem Minimalismus, Heroin-Chic und zynischen Selbstzitaten zerrieben wurde.

Noch zählt Walker nicht zu den ganz Großen, noch sitzen Fotografen wie Steven Meisel oder Nick Knight an den Hebeln der fotografischen Trends, aber die Ausgaben der englischen und italienischen "Vogue" mit Walker-Covern und -Strecken werden immer unübersehbarer, weil sie unverwechselbar sind. Für ihn gilt das eher nicht. Wenn man ein wenig das Personal der Fotowelt kennt, dann sieht Tim Walker wie sein eigener Assistent aus. Jeans, Pullover, eine Kaffeetasse vor sich und ein schmales, noch irgendwie jungenhaftes Gesicht.

Seine Sätze sind nicht, wie sonst im Modezirkus, übertrieben gezuckert und sein Lachen nicht schaumig, sondern sparsam. Er weiß, dass ihn viele noch für ein "Talent" halten, nur die mit ihm arbeiten, wissen, dass Walker ein Könner ist. In einem Regal hat er dicke Kladden liegen, Notizbücher, in die er Bilder aus Zeitschriften hineinklebt, in denen er zeichnet, entwirft oder in kleiner Schrift Ideen aufschreibt. So was macht Tim Walker nicht nebenbei, sondern konzentriert, beinahe jede Notiz und jeden Schnipsel, den er sammelt, verarbeitet er auch. Irgendwo in seinen Bildern, als kleines Detail hier oder da.

Schaut man dann länger auf seine Fotos, entdeckt man etwas in der Modefotografie ziemlich Seltenes: Naivität. Wie einen Kindertraum baut Walker manche seiner Bilder so akribisch zusammen, dass sie aussehen wie eine Szene aus "Alice im Wunderland" oder "Harry Potter", visuelle Metaphern, die im Kopf des Betrachters die Erinnerungen an die Zeit der Kinderbücher, die unter der Decke gelesen wurden, wiedererwecken.

Ganz, könnte man glauben, hat Walker diese Zeit nie verlassen. Geboren 1970 im Süden Englands, wuchs er in Devon auf dem Lande auf, seine Mutter schrieb Kochbücher, sein Vater arbeitete als Kaufmann in der Tabakindustrie. "Ich mochte die Fotografie, ich mochte es, mit einer Kamera übers Land zu gehen und die Menschen, die ich kannte, zu fotografieren. Für mich war fotografieren wie etwas zu sammeln, wenn ich eine Kamera hatte, gab es einen Grund, irgendwo hinzugehen", sagt er.

Doch schon bald reichten ihm die fotografischen Fundstücke wie Bauern auf dem Feld oder Kinder, die im Heu toben, nicht mehr, "ich fing an, im Garten meiner Mutter Bilder zu arrangieren, ich stellte mir irgendetwas vor und versuchte, es zu bauen". Aber nicht einfach so, "nein, ich war ein Perfektionist, wenn ich einen Apfel brauchte, dann konnte ich stundenlang nach dem einen perfekten Apfel suchen. Genauso bei Kleidern oder bei Blumen. Ich wollte ja nicht Blumen, sondern Blumen für ein Bild."

Walker steht auf und holt aus einem Schrank eine dicke schwarze Mappe: "Das war mein Buch, mit dem ich mich später bei der 'Vogue' vorstellte." Später, das war nach seinem Studium am Exeter Art College in Oxford und nach seinen ersten Versuchen als freier Fotograf 1995, seiner ersten Auszeichnung mit dem "Young Photographer of the Year Award" der Zeitung "The Independent" und seiner Zeit als Assistent der Fotografen-Legende Richard Avedon in New York.

Nach all diesen Erfahrungen hätte Walker genug neue Bilder gehabt, aber in seiner ersten Mappe sieht man die Aufnahmen aus seiner Jugend, die Bauern auf dem Feld eben und die tobenden Kinder im Stroh, "das war meine Bildsprache, und die 'Vogue'-Leute haben mir sofort einen Auftrag gegeben". Nun waren die Erfahrungen mit Avedon so unwichtig nicht, bis heute sieht man auf vielen Bildern Walkers seinen Einfluss, aber gleichwohl erinnert sich Walker eher höflich gemischt an den Amerikaner. "Er hatte ja viele Assistenten, einen für dies, einen für das, ich war der, der das Licht setzte."

Walker erzählt das ein wenig mit schmalen Worten, ja, Avedon war ein Herrscher, und alle anderen waren Sklaven. Einmal, Walker hatte das Licht nicht schnell genug eingestellt, sei der Mann durchgedreht, "er hat alles fallen lassen und mich angeschrien, ich hab den Krach noch heute im Ohr", sagt Walker und verzieht das Gesicht. Mag sein, dass Avedon seinem Assi damals nichts zutraute, er übersah aber dabei, wie Walker in Avedons Studio alles in sich aufnahm, was seine Augen greifen konnten, seitenweise schrieb er alles in seinen Kladden auf.

Heute ist Walkers Handwerk in der Fotografie hoch begehrt. Beinahe regelmäßig arbeitet er für die amerikanische, britische, italienische und japanische "Vogue", er fotografierte Werbekampagnen für die Modefirmen Levi's, Jigsaw und Victoria’s Secret - und es ist bemerkenswert, wie wenig diese Welt aus Geld, Glamour und Getue auf ihn abfärbt. "Es ist schwer, standhaft zu bleiben, und schwer, sich durchzusetzen", sagt er. Oft hätten Moderedakteure und Werbekunden gemault, dass ihr Produkt nicht prominent genug im Bild sei, "aber ich versuche mit der Konsequenz meiner Inszenierungen dagegenzuhalten".

Die Poesie mancher seiner Bilder - Laternen-leuchtende Kleider in einem Baum, ein Kinderzeltplatz in einer Bibliothek oder nur ein paar Rosen in einem Kleiderbügel - bezeugen eine ganz eigene Sprache. Walkers Aufnahmen lassen andere Fotostrecken, wenn auch technisch hochklassig, wie routinierte Studioarbeit erscheinen. Er arbeitet selten mit Starmodels, seine Ideen im Kopf sind seine Stars.

Einmal, und Walker erzählt auch das nur in wenigen Worten, klingelte sein Telefon, und ein Redakteur teilte ihm mit, dass Madonna von ihm fotografiert werden wolle. Zu Hause, mit ihren Kindern. Madonna, immer trendsicher, hatte gespürt, dass Walker der Fotograf en vogue ist. Nun ist bekannt, dass viele seiner Kollegen in Ohnmacht fallen würden, wenn Madonna bei ihnen anfragen würde, oder sich die Beine ausrissen, damit sie es täte. Walker hingegen interessierte vor allem, dass "sie im ehemaligen Haus des Fotografen Cecil Beaton wohnt, und da wollte ich unbedingt hin". Er fotografierte einen Nachmittag lang, es war "anstrengend", wie er sagt. Es war Ego Madonna gegen Fantasie Walker, Stilwille gegen Freigeist. Madonna sprach viel, und Walker träumte in Cecil Beatons Haus herum, einem der größten Inszenierer der Fotogeschichte.

Und er fand Gleichgesinnte. "Mit ihren Kindern", erinnert er sich, "konnte ich am besten. Die haben immer sofort verstanden, was für ein Bild ich machen wollte."

Jochen Siemens print

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