HOME

Magazine: Modefotografie strebt nach Höherem

Lange galten Modebilder im Bereich der Fotografie als künstlerisch minderwertig. Doch neue Magazine wie "Sleek" vermählen Kunst und Mode und bilden damit die Speerspitze einer neuen Strömung.

Wie ein Lappen liegt das Designershirt auf den Pflastersteinen. Viel wichtiger auf dem Bild scheint ein nacktes Paar. Eigentlich bildet Jan Welters' Fotoserie "Public Lovesong" eine Modestrecke, doch locker könnten die Aufnahmen auch in einer Galerie für zeitgenössische Kunst ausgestellt sein. Stattdessen sind die Bilder in einem Hochglanzmagazin platziert. "Sleek" - verteilte Auflage 20.000 Stück - vermählt Kunst und Mode und bildet zusammen mit anderen, kürzlich herausgekommenen Titeln die Speerspitze einer neuen Strömung.

Lange galten Modebilder im Bereich der Fotografie - schon allein wegen ihrer kommerziellen Bindung - als künstlerisch minderwertig. Der bekannte Fotograf Edward Steichen stieß nie in den Olymp vor, in dem sich sein Kollege Alfred Stieglitz zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewegte. Im Gegensatz zu Stieglitz arbeitete Steichen auch für die Modeszene. Und viel später noch fielen selbst Stars der Modefotografie wie Helmut Newton oder Richard Avedon im Urteil von Kunstkennern gegenüber Namen wie Cindy Sherman oder William Eggleston ab. Lediglich Diane Arbus gelang der Sprung von der Magazin- zur Kunstfotografie.

Mode als visuelle Disziplin

Mittlerweile ist vieles anders. "Drei große visuelle Disziplinen haben heute eine große Bedeutung", sagt der Gründer und Herausgeber von "Sleek", Lothar Eckstein. "Designer-Mode, Fotografie und visuelle Kunst." Diese beeinflussten sich gegenseitig. "Die Trennlinien verschwinden." Neben ungewöhnlich inszenierter Mode findet man in der aktuellen Ausgabe Fotos des Kunst-Provokateurs Santiago Sierra oder Bilder der viel gelobten Malerin Elizabeth Peyton. Lothar Eckstein, früher Vorstand von Unternehmen in der Medienbranche, hat "Sleek" aus eigenen Mitteln finanziert. "Es ist sehr viel sinnvoller, Unternehmen in Krisen zu gründen als in wirtschaftlichen Hoch-Phasen", meint der 40-Jährige.

LeadAward für "Qvest"

Auf das Segment, das er erschließen will, zielen auch andere neuere Titel. "Qvest" etwa gibt sich optisch ähnlich anspruchsvoll, bringt aber im Gegensatz zu dem ganz visuell ausgerichteten "Sleek" auch längere Texte. "Qvest" wurde am Dienstagabend in Berlin zum zweiten Mal in Folge mit dem LeadAward der LeadAcademy für Mediendesign und Medienmarketing ausgezeichnet.

Eine Fülle neuer Zeitschriften

Die Zeitschrift "Deutsch" bietet einen Mix aus Luxusmode, Kunst und Lifestyle; auch Themen wie "Glücksbringer" Schokolade gehören dazu. Das Magazin "Zoo" - mit Rockstar Bryan Adams als Verleger - hat sich programmatisch den Hinweis auf Berlin in den Titel geschrieben und behandelt Design, Architektur, Mode und Lifestyle. Der Mode huldigt auch das Edel-Blatt "Achtung". Gemein ist ihnen allen die aufwendige Machart, ein relativ hoher Verkaufspreis sowie eine sparsame Distribution. Mancherorts ist es fast unmöglich, die Spezialblätter zu Kauf aufzutreiben.

Eigene Galerie für Modefotos

Für die künstlerische Modefotografie gibt es inzwischen in Hamburg sogar eine eigene Galerie. Die frühere MTV-Redakteurin Natalie Viaux gründete sie, nachdem sie sich selbst auf die mühsame Suche nach einem Foto aus der italienischen Vogue gemacht hatte. In ihrer "Galerie Viaux" stellt sie auch junge Avantgardisten der Branche aus - bei ihren Vernissagen ist es mittlerweile gerappelt voll. "Deutsche Galerien haben Modefotos bisher fast nicht im Programm gehabt, höchstens mal ein bisschen Newton oder Horst", sagt sie. Und: "Vielleicht ist es der Wunsch nach der Bannung des Moments, der mich umtreibt."

Viaux glaubt, dass sich die Modefotografie trotz des aktuellen Interesses noch nicht völlig vom "Underdog"-Status befreit hat. "Andererseits entwickelt sie sich gerade zur Zeit enorm schnell heraus aus der Nische." Die Zahl der "visuell Getriebenen", wie Lothar Eckstein es nennt, wächst. Ein Beispiel hierfür ist auch das Haus der Fotografie, das der Modefotograf und Sammler F.C.Gundlach im vergangenen Jahr in Hamburg eröffnet hat. "Modefotografie", sagt Natalie Viaux, "profitiert natürlich von der größeren Wertschätzung, die allgemein der Fotografie zuteil wird."

Stefanie Schütte, DPA / DPA