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Ein Bild und seine Geschichte: Familienglück fürs Weiße Haus

Intimität fürs Volk. Nicht erst McCain und Obama wissen um die Macht der Familienbilder. 1961 besuchte Richard Avedon den frisch gewählten US-Präsidenten John F. Kennedy, der vor 45 Jahren ermordet wurde. Dem gefeierten Modefotografen gelang eines der intimsten Bilder seiner Karriere.

Von Philipp Gülland

Caroline Kennedy, gerade drei Jahre alt, trägt eine Schleife im Haar. Weiße Spitze säumt ihr helles Kleidchen. Mit offenen, fast gleichmütigen Augen bringt sie ihr pausbackiges, stubsnasiges Kindergesicht ganz nah an den Kopf des kleinen Bruders und drückt ihm einen Kuss auf die Schläfe. Der Säugling schläft, der Mund ist zum Atmen geöffnet, seine linke Hand ballt sich zu einer winzigen Faust: John F. Kennedy Jr. ist gerademal ein paar Wochen alt. Schemenhaft sind im Hintergrund die elterlichen Schlafzimmermöbel zu erkennen. Ein kostbarer ruhiger und glücklicher Augenblick nach der gewonnen Wahl des Vaters John Fitzgerald Kennedy und seiner Amtseinführung am 20. Januar 1961. 1036 Tage wird er im Amt sein. Dann wird der charismatische US-Präsident Opfer bei einem Attentat ermordet.

Zeuge dieses intimen Augenblicks zwischen Geschwistern ist Richard Avedon, der hinter seiner Kamera steht und den Auslöser drückt. Avedon, der legendäre Modefotograf und Porträtist, Avedon, dessen kühn inszenierte Modearbeiten ihn schon früh zur Legende machten. Für "Harpers Bazaar" soll er die Kennedys porträtieren, als Teil einer Essay-Serie mit dem Titel "Observations" - Beobachtungen.

Kurz nach seiner Amtseinführung Anfang 1961 bekommt der jüngste Präsident der Vereinigten Staaten auf dem Familienanwesen in Palm Beach, Florida, Besuch. Die junge Familie posiert für formale Porträts. Doch Avedon macht auch ein paar ungezwungenere Bilder, darunter der Geschwisterkuss.

Auch wenn Avedon Requisiten immer ablehnte, ist er doch ein Meister der subtilen Regie. Er schafft für seine Bilder Rahmenhandlungen. So stellt sich die Frage: War Avedon nur Beobachter des intimen Augenblicks zwischen Caroline und John? Oder auch sein Dramaturg? Sind Carolines eigenartig zusammengepressten Lippen verräterische Zeichen einer bewussten Inszenierung oder nur Zufall? "Jedes Foto ist präzise", sagt Avedon, "keines zeigt die Wahrheit". Natürlich stellt die Bildserie über die glückliche Präsidentenfamilie erstklassige Öffentlichkeitsarbeit dar, dessen wird sich auch John F. Kennedy bewusst gewesen sein. Ein gewisser Grad an Inszenierung erscheint also nicht abwegig.

Vom Botenjungen zum Kronzeugen

Als Avedon die Kennedys porträtiert, ist er schon seit fünfzehn Jahren im Geschäft. Nach Anfängen als Laufjunge in einem großen New Yorker Fotostudio und dem Studium am Design Laboratory beliefert er zunächst den "New Yorker" mit Porträts. Engagements für "Harpers Bazaar" und "Vogue" folgen. Seine Bilder revolutionieren die Modefotografie. Er raubt dem Genre das Steife, geht mit seinen Models auf die Straße statt ins Studio und lässt sie wie im Spielfilm agieren. 1959 ensteht seine berühmte Modeaufnahme "Dovima with Elephants", die ein Mannequin in Abendrobe vor angeketteten Elefanten zeigt.

Als Modefotograf und Dokumentarist erfindet sich der 1923 geborene New Yorker immer wieder neu. Den lebendigen Modeinszenierungen folgen bahnbrechend schlichte Porträts: klar, kühl und doch eigenartig intim. Avedons wacher Blick konserviert ein halbes Jahrhundert US-Geschichte: Präsidenten, Filmstars, Models, die Reichen und die Schönen. Sein Erfolg als Modefotograf wurde mit Fred Astaire und Audrey Hepburn in "Funny Face" verfilmt, Marilyn Monroe nannte ihn ihren Lieblingsfotografen. Doch auch einfache Leute, Farmer, Landstreicher und Wanderarbeiter bannt er auf Film - wie in seinem Bildband "In the American West".

Große Nähe

Die schiere Bandbreite seines Schaffens macht ihn zum Kronzeugen des 20. Jahrhunderts in Amerika. Eines bleibt bei aller Vielschichtigkeit seines Werkes jedoch konstant: die minimalistische Intensität seiner Bilder. "Ich behandle Prominente genauso wie alle anderen Leute. Ich versuche, eine Bindung aufzubauen zu den Personen, die ich porträtiere. Ich verwickele mein Gegenüber in Gespräche - so entstehen Bilder von großer Nähe", hat Avedon einmal das "Geheimnis" seiner intimen Bilder beschrieben. Und ergänzt dann: "Man muss fühlen, was man sieht, das ist entscheidend."