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Freizeit Selfie-Kontrolle

Fotokamera und Handy blieben für den Urlaub außer Benutzung
Fotokamera und Handy blieben für den Urlaub außer Benutzung
Noch nie wurden so viele Fotos aufgenommen wie heute. Können wir noch verreisen, ohne den Urlaub für das Publikum zu Hause zu inszenieren? Unsere Autorin fuhr eine Woche ohne Kamera auf eine Karibikinsel - und war erstaunt, in welchen Momenten sie das Fotografieren vermisst hat.

Christoph Kolumbus war deutlich cooler als ich. Er entdeckte die Bahamas 1492, ich erst 2015. Und im 15. Jahrhundert war die Inselgruppe in der Karibik noch ein echter Geheimtipp. Kolumbus notierte über Fernandina am 16. Oktober in sein Logbuch: »Die Einwohner sind sehr munter. Die Frauen tragen als Schürze ein klein Stück Baumwollenzeug, welches kaum ihre Natur bedeckt. Diese Insel ist sehr grün, eben und fruchtbar, und ich zweifle nicht, dass die Einwohner das ganze Jahr hindurch Buchweizen säen und ernten können.« Der große Entdecker klingt regelrecht begeistert von den Bahamas. Was Kolumbus und ich außerdem gemeinsam haben: Abenteuergeist, ein Notizbuch und die Tatsache, dass wir beide keine Fotos von unserer Reise machen können.

Reise-Experiment ohne Fotokamera

Irgendwie bin ich nämlich in ein perfides Psycho-Experiment hineingeraten: Schaffe ich es als Selfie-Queen und Hardcore-Nutzerin von Instagram, eine Woche lang kein einziges Foto zu machen? Kann ich die permanente Selbstinszenierung über schicke Fotofilter und soziale Medien, die fester Teil unseres Lebens ist, einfach abschalten wie eine Kompaktkamera? Oder werde ich unter schweren Entzugserschei­nungen leiden? Wie verändert sich eine Reise, wenn man sie nicht die ganze Zeit mit Selfies und Sonnenuntergängen, Luftsprüngen und Füßen im Sand für das Publikum zu Hause dokumentiert? Und: Was wird von der Reise bleiben? »Ohne Fotografie ist der Moment für immer verloren, so als ob es ihn nie gegeben ­hätte«, hat der Starfotograf Richard Avedon mal gesagt. Hat er Recht?

Dass das Experiment in der Karibik stattfindet, macht es nicht besser, sondern schlimmer. Die Bahamas sind ein Archipel aus etwa 700 meist unbewohnten und atemberaubenden Inselchen. Die bekanntesten sind Grand ­Bahamas, New Providence, Abaco, Eleuthera und Exuma, mein Reiseziel, wo nur ein paar tausend Menschen leben. Es gibt dort Traumstrände, bunte Häuser, exotisches Essen und schwimmende Schweine – Motive, die mir auf Insta­gram unzählige Likes garantieren würden. Aber das Fotoalbum bleibt leer.

Der Foto-Phantomschmerz sitzt tief

Montag. Von Miami aus braucht man eine gute Flugstunde nach Exuma. Mein Flug heißt US4387 – »Sie überfliegen die schönsten Inseln der Welt und das türkiseste Wasser, das sie je gesehen haben« wäre ein passenderer Name. Ich leide nicht unter Flugangst, aber nach einer Viertelstunde bin ich nervlich sehr angespannt. Der Blick aus dem Flugzeugfenster fühlt sich wie eine schmerzhafte Strafe für jedes belanglose Cappuccino-Stillleben und jedes doofe Selfie, das ich je aufgenommen ­habe, an. Alle anderen Passagiere fotografieren, die junge Spanierin auf dem Sitz ­neben mir provoziert mich, indem sie die Welt gleich doppelt aufnimmt – in der einen Hand hält sie ein iPhone, in der anderen einen Fotoapparat. Ich könnte heulen und bin schockiert, wie tief der Foto-Phantomschmerz sitzt. Ich habe die Bahamas noch nicht einmal betreten und zweifle ernsthaft da­ran, dass ich die nächsten Ta­ge überstehen werde. In mei­ner Hosentasche ­spüre ich mein Smartphone, ein Griff, und ich könnte ein Foto machen. Man hat das Ge­fühl, größere Fische im klaren Wasser erkennen zu können! Aber ich bleibe stark. Nach 15 Minuten will ich das Experiment nicht abbrechen. Statt­dessen überlege ich mir allen Erns­tes, was ich zu dem Foto, das ich nicht machen darf, auf ­Instagram schreiben und ­welche Hashtags ich erfinden wür­de. Und welche mei­ner Follower das Bild wohl liken würden. Moderne Selbstgespräche.
Im Hotel gebe ich mein Han­dy und die integrierte Kamera bei der Rezeptionistin Sunday ab, die mich erstaunt anschaut – kommt wohl nicht oft vor, dass jemand dieses wich­tigste aller Urlaubswerkzeuge freiwillig aus der Hand gibt. Ich starre fasziniert auf ihre Augenbrauen, die sie lila gefärbt hat. Wie ungerecht, dass in dem Moment, in dem ich meine Kamera abgebe, plötzlich alle und alles so fotografierenswürdig erscheinen.

Als ich einen Dorfbummel durch George Town unternehme, fallen mir zunächst die farbenfrohen Häuser und die unzähligen Bahamas-Flaggen auf. Sogar die Mülltonnen wurden in den Landesfarben Türkis, Gelb und Schwarz bemalt. In George Town ist wetterfeste Farbe äußerst populär: Der Dorfplatz wurde mit türkis gestrichenen Reifen dekoriert, in Tranee’s Beauty Salon hat jemand die Preise und die ­Te­le­fonnummer in Rosa aufs Fenster gepinselt, vor einem Café stehen blaue Tische, auf denen kleine Sträuße mit pinken Drillingsblumen plat­ziert wurden. Fensterläden und Türen sind oft in hellem Mintgrün gestrichen. George Town ist das absolute Instagram-Paradies! Die genau richtige Mischung aus zuckrigen Farben, ­heiler Welt und Shabby Chic. Das Fotofasten führt bei mir zu einer Übersprungshandlung: Alles, was ich gerne fotografieren würde, kaufe ich nun einfach. Ein T-Shirt mit Bahamasflaggen-Aufdruck und mehrere Strohtaschen, Gurkenlimonade in einer neongrünen Dose und blaue Tortilla-Chips, deren Verpackung nahelegt, dass sie aus blauem Mais bestehen. Das gefällt mir. Normalerweise hätte ich die kuriosen Lebensmittel nur fotografiert, nun weiß ich, dass ­Gurkenlimo super und blaue Chips furchtbar schmecken.

Die Welt in der Tasche

Wieso tut es so weh, keine Fotos zu machen? Die Tatsache, dass ich nicht auf den Auslöser drücken kann, spüre ich fast körperlich, ein Stich in der Nähe des Herzens. Wenn wir etwas Schönes und Interessantes zum ersten Mal sehen, dann haben wir den Drang, es festzuhalten. Wir erobern die Sache, indem wir ein Foto – ein Abbild – auf- und mitnehmen, das wir uns immer wieder ansehen können, selbst wenn wir längst weitergereist sind. Wir haben die Welt wortwörtlich in der Tasche.

Das erste Foto meines Lebens habe ich im Alter von sechs Jahren mit der neuen Polaroid-Kamera meiner Eltern aufgenommen. Ich fotografierte den dichten, pink blühenden Rosenstock in unserem Innenhof. Auf den weißen Rand des Polaroids notierte meine Mutter das Datum: 17. Juli. An diesem Tag fuhren wir mit dem Auto nach Italien, ich saß auf der Rückbank und schaute mir das Foto immer wieder an. Von da an war ich begeisterte Fotografin. In meiner Jugend fotografierte ich in einem Ur­laub etwa zwei Filme mit 36 Fotos, der Platz auf den Negativfilmen war limitiert, und man musste sich gut überlegen, wann man auf den Auslöser drückt. Kürzlich verbrachte ich einen langen, grauen Tag an der Nordsee und machte 110 Fotos. Wenn ich im Café sitze, kann es vorkommen, dass ich 15 Fotos aufnehme, bis mir das Arrangement aus Blumen, Kaffeetasse, Magazin, Tisch und Sonnenbrille gefällt. Ich kann mich nicht erinnern, in letzter Zeit mal länger als vier Stunden kein Foto gemacht zu haben (außer in der Nacht). Mit meiner Fotoverrücktheit bin ich nicht alleine. Laut einer Forsa-Umfrage fotografieren 93 Prozent der Deutschen im Ur­laub – »Landschaft und Na­tur« (72 Prozent) stehen dabei übrigens stärker im Fokus als »Mitreisende« (41 Prozent) und Tiere (18 Prozent). Auf In­stagram werden pro Tag rund 60 Millionen Fotos hoch­geladen, auf Facebook rund 350 Millionen. Wir sind nicht mehr weit entfernt von der Welt des dystopischen Romans »The Circle«, in dem die Heldin nahezu rund um die Uhr eine kleine Kamera trägt und ihr Leben live ins Netz überträgt – »to go transparent«, nennt das der Autor Dave Eggers.

Skizzen statt Selfies

Dienstag. Das Wassertaxi nach Stocking Island ist gelb und hat einen verrosteten ­Tacho. Der junge Kapitän trägt Badehose und achtet während der Fahrt gar nicht richtig aufs Meer, weil er an seinem Smartphone rumfummelt, um Musik auszuwählen – Rihanna. Ich frage ihn, ob ich vielleicht mal fahren darf, und er lässt mich tatsächlich ans Steuer: Die Tatsache, dass ich kein Touri-Beweisfoto mache, lässt mich in seinen Augen offenbar noch cooler wir­ken. Ich versuche, mir die spektakuläre Farbe des Meeres einzuprägen. Als würde man das Dunkelgrün aus dem Wassermalkasten mit Blue Curaçao mischen, ein bisschen Wasser hin­zufügen und Eiswürfel daraus machen: Kristallsmaragdgrün. Ich habe diese Farbe noch nie gesehen!

Dann legt das Boot an und ich springe von Bord, auf der winzigen Insel befinden sich nur ein gutes Dutzend Menschen, es gibt einen Strand mit Bänken, ein paar Hängematten zwischen Palmen, eine auf Holzstelzen gebaute Strandhütte – eine Bar, die mit Hunderten Shirts dekoriert ist. Weil ich es mir auf Dauer nicht leisten kann, alles, was ich gut finde, zu kaufen, beginne ich, exzessiv in mein Notizbuch zu schreiben und kleine Skizzen anzufertigen. Ich sitze wie Hemingways kleine Schwester an der Bar und kritzle in die schwarze Kladde – mühsam. Offenbar ist es in Zeiten, in denen jeder alles fotografiert, so exzentrisch, mit einem Notizbuch herumzusitzen, dass ich alle Aufmerksamkeit auf mich ziehe. »Are you from the Bahamas?«, will der Besitzer der Privatinsel von mir wissen, eine französische Staatsanwältin erzählt, dass sie auch gerne mal ein Buch schreiben würde, ein großer Typ in Bade­hose, Treco, rät mir, dass ich unbedingt den »Conch Burger« bestellen soll, eine lokale Spe­zialität aus dem Fleisch einer Meeresschnecke, die köstlich schmeckt und die kaugummiartige Konsistenz von Calamari hat. Offenbar bin ich im Paradies gelandet, meine Klamotten und Wertsachen lege ich wie alle anderen einfach auf eine Bank und gehe ins Wasser, jeder vertraut hier jedem. Treco stellt sich als richtiger Inseljunge und guter Guide heraus und bringt mir bei, wie man die Conch-Muscheln hochtaucht, wie man mit einer Unterwasserarmbrust Fische fängt, und erklärt, wann man vor Haien flüchten sollte (wenn sie einen Zickzackkurs schwimmen). Wir machen Handstände und ein Wettschwimmen, Sommerspaß. Dann glitscht ein riesiger, platter, grauer Fisch an meinem Bein vorbei – ein Stachelrochen. Stachelrochen kenne ich aus Hemingways Klassiker »Der ­alte Mann und das Meer«, weil der alte Mann beim Schwimmen auf einen Stachelrochen tritt, der ihn sticht und ihm »unerträgliche Schmerzen bereitet«. Treco aber behauptet, die Bahamas-Stachelrochen seien zahm, und zwingt mich, ei­nen zu streicheln. Erstaunlich weich. Nach einer Weile fragt Treco mich, wieso ich keine Fotos mache: »You have to make your friends jealous!« Als ich ihm von meinem Projekt erzähle, bietet er an, beim Schummeln zu helfen: Er könne ja ein Foto von mir aufnehmen und es mir nach dem Urlaub schicken. Ein verlockendes Angebot. Das Foto wäre jedoch kein Schnappschuss, sondern ein übermächtiges Sym­bolbild für die Reise – und müsste deshalb absolut perfekt werden. Dieser eine Moment würde außerdem alle anderen guten Momente, die unfotografiert bleiben, überlagern. Ich lehne ab. Nach nur einem Tag, denke ich begeistert, habe ich den Entzug von der Fotosucht abgeschlossen. Wie naiv.

Die besten Fotos sind die, die nie gemacht wurden

Am Abend habe ich nicht das Gefühl, etwas verpasst oder verloren zu haben. Immer, wenn wirklich etwas passiert, wenn man die Hände voll hat, wenn man zwischen zwei Booten balanciert und dem alten Fischer einen Fisch abkauft, wenn man zusammen Rotwein trinkt und den Strand entlangrennt, macht man keine Fo­tos. In magischen Momenten geht man auf und greift nicht zur Kamera. Sitzt man im Café und wartet gelangweilt auf eine Freundin, fotografiert man halt den Milchschaum. »Man weiß selten, was Glück ist, aber man weiß meis­tens, was Glück war«, schrieb die französische Schriftstellerin Françoise Sagan über das seltsame Phänomen, dass man in Momenten, in de­nen man wirklich glücklich ist, meist gar nicht realisiert, wie viel Glück man gerade hat. Vielleicht verhält sich das mit dem Fotografieren ja ähnlich: Die besten Momente werden nicht abgebildet, weil man Besseres zu tun hat, als die Tastensperre des Smartphones zu lösen. Das würde aber bedeuten, dass die Fotorealität meines Instagram-Accounts, die ich mit Filtern und der Wahl des Bildausschnitts sorgsam gestalte, nicht nur punktuell von der Realität ab­weicht, sondern in hohem Maße. Und die wahren Highlights fehlen. Die besten Fotos sind die, die nie gemacht wurden.

Der Kampf um die besten Schnappschüsse

Mittwoch. An einem entlegenen Strand von Exuma beobachte ich Schweine, die faul im Meer dümpeln. Dieses Motiv bietet sich weltweit nur am »Pig Beach« auf der Insel Big ­Major Cay. Dabei handelt es sich nicht um eine Laune der Natur. Wie genau die Schweine auf die Insel kamen, ist allerdings ungeklärt. Der Guide erzählt, der Inselbesitzer hätte die Schwei­­ne 1991 nach einem schweren Tropensturm importiert, weil er fürchtete, zu verhungern – Sparschweine für schlechte Zeiten. Die Schweine blieben aber am Leben, gewöhnten sich an die Umgebung und wurden zur Touristenattraktion. Als unser Boot sich dem menschenleeren Sandstrand nähert, trippeln drei Schweine ins Meer und schwimmen auf uns zu. Ein Ferkel im Meer zu sehen ist so, als würde man einen Flamingo auf einer Skipiste sehen. Es ist surreal, lachhaft, fehlerhaft. Ich gucke forschend, ob sie sich anders verhalten als un­sere heimischen Schweine, irgendwie karibischer vielleicht, aber nein, es sind schlichtweg Schweine, Bunte Bentheimer, rosa mit schwarzen Flecken, sehr lang, kräftig, etwa 200 Kilo schwer. Die Meerschweine sind eben nur sehr sauber. Noch bevor wir ankern, springen die ers­ten Touristen von Bord, das Wasser spritzt, sie stürmen mit ihren Canons, den iPhones und Sam­sungs und Selfie-Stangen und Unterwasserkameras los. Ich halte mich abseits, denn noch schlimmer, als kein Foto von diesem Tag zu haben, ist für mich die Vorstellung, mit ­meinem verbrannten Rücken in einer unvorteilhaften Pose im Badeanzug die Fotos der Mitreisenden zu photobomben und mich unter #pigbeach auf Instagram wiederzufinden. Dann lieber in Würde fotolos! Das ist aber gar nicht so einfach, denn auf jedes Schwein kommen mehrere Fotojäger, es entbrennt eine Wasserschlacht. Es werden Gruppen-, Einzel-, Bade- und Daumenhochfotos gemacht. Zwei Selfie-Stangen verheddern sich. Es sieht so aus, als würden die beiden Männer gegeneinander kämp­fen. Die armen Schweine.

Zurück auf dem Boot muss ich lachen, weil eine Möwe auf dem Rücken eines Schweins steht und beide dem Horizont ­entgegenschauen. In den Reihen hinter mir höre ich Gestöhne: »Ohgott, meine Haare!« Die Mitreisenden sind niedergeschmettert, weil sie nicht so gut aussehen, wie sie sich fühlen, weil die Haut zu weiß, zu rot, zu dellig ist, die Haare zottelig vom Salzwasser. Sicher ist Fotografieren für uns auch so wichtig, weil wir uns so unserer Selbst vergewissern können. Aber ist es hilfreich, permanent in den Spiegel zu blicken? In einem Auf­­satz mit dem wunderbaren Titel »Why Heidegger did not travel« lese ich, dass die Existenzialisten noch glaubten, dass man auf Reisen die Chance auf eine unverfälschte Selbsterfahrung hat. Während man im Alltag in beruflichen und allerlei anderen sozialen Rollen feststecke, biete das Unterwegssein eine Pause davon. Tatsächlich ist es inzwischen aber so, dass wir im Urlaub durch den permanenten Kon­takt zu unseren Freunden und Followern unsere sozialen Rollen nie verlassen. Wir bleiben, wer wir sind. Statt in uns reinzuhorchen, wie viel Spaß wir haben, wenn wir mit einem Schwein schwimmen, horchen wir nach außen: Wie finden das die anderen?
Als ich im Hotel ankomme, merke ich, dass in meinem Beutel eine Cola-Dose ausgelaufen ist, alle Seiten meines Notizbuchs kleben zusammen. Ich werde panisch und trenne die Seiten einzeln heraus und verteile sie auf dem Bett zum Trocknen. Ich misstraue meinem Gedächt­nis, weil ich ahne, dass ich mich zwei Wochen nach der Reise nicht einmal an die Farbe des Wassertaxis erinnern werde (War es wirklich gelb?). Vielleicht braucht man Fotos nicht zur Selbstinszenierung, aber als outgesourctes Gedächtnis ist ein Fotoalbum doch nützlich.

Einzigartige Momente vergehen zu schnell

Donnerstag. Der Urlaub fühlt sich für mich ein bisschen so an wie eine Zeitreise ins Jahr 1838 (Die Fotografie wurde offiziell 1839 erfunden). Ich gewöhne mich an das fotolose Dasein, aber in manchen Momenten spüre ich trotz­dem noch einen Stich. Immer wenn es zu schnell geht, würde ich gerne ein Foto machen und mir alles in Ruhe ansehen. Treco zeigt mir zum Beispiel mit seinem Jeep die Insel, wir rauschen an der kleinsten Kirche der Welt vorbei: ein klitzekleines weißes Haus mit einem Kreuz auf dem Dach. Wir fahren nach Forbes Hill, wo die Superreichen wohnen, und ­gerade als Treco erzählt, dass Oprah Winfrey hier eine Villa besitzt, sehe ich Oprah in einem roten bauchfreien Top in ihrem Garten stehen und mit fünf Orangen jonglieren. Wir fahren an Palmen vorbei, die rote und gelbe Hula-Röckchen tragen. Okay, das mit Oprah war geschwindelt, aber es hätte ja sein können, und was, wenn man dann keine Kamera zur Hand hat? Schlimm ist es auch, wenn ich einen Moment wirklich einzigartig finde – der hellblaue Himmel, auf dem kurz vor der Dämmerung rosa Zuckerwattestreifen auftauchen, die wie Kommas ­aussehen. Oder der Gecko, der den Kopf fragend schief legt, als ein Tourist ihm einen Selfie-Stick hinhält.

Freitag. Als ich mein Handy zurückbekomme, bin ich ratlos, was ich nun fotografieren soll. Wer eine Woche lang widersteht, die schönste Insel der Welt zu fotografieren, kann nicht nahtlos mit Alltagsfundstücken weitermachen.

Ernüchterung: Die Erinnerung verblasst

Nach der Landung in Deutschland checke ich erst einmal, ob schlimme Fotos von mir un­ter dem Hashtag #pigbeach kursieren. ­Negativ! Glück gehabt! Dann möchte ich meinen Freunden von meinem Trip erzählen – und schei­tere. »Wie war’s auf den Bahamas?«, fragen sie, strecken die Hand nach meinem Telefon aus und sagen: »Zeig mal.« Während Diaabende früher als endlose Egotrips der Urlauber galten, schnappen sich die Leute heute schnell Smartphone, Laptop oder Digitalkamera und klicken und wischen sich durch das Album. Weil ich keinen Bilderrausch anbieten kann, verlieren die Leute schnell das Interesse. Dann merke ich, dass mir meine Freunde eher zuhören, wenn ich ihnen parallel ein Foto von Treco auf Facebook zeige, nach »Pig Beach« google oder sie zwinge, das Video »Timber« von Pitbull und Ke$ha, das an meinem Strand gedreht wurde, anzusehen. Die Leute wollen keine Geschichten hören, sondern die Trauminsel mit eigenen Augen sehen.

Nach einigen Tagen merke ich, wie meine Erinnerung verblasst, meine zuckrigen Notizblätter kräuseln sich und ich werde ausgesprochen unleidig bei dem Gedanken, dass ich kein Selfie mit Strandschwein gemacht habe. Um ein Foto von mir am »Pig Beach« zu ­bekommen, müsste ich jetzt etwa 1700 Euro investieren. Das Foto, ein Statussymbol. So überraschend ich es fand, dass mir der Fotoverzicht zunächst gar nicht so viel ausmachte, so überraschend kommt nun der emotionale Zusammenbruch. Nachdem mich zehn Menschen gefragt haben, ob ich wirklich keine Fotos gemacht habe, und ich wahrheitsgemäß verneine, breche ich in Tränen aus. Meine Reaktion ist natürlich lächerlich, schließlich habe ich nicht das einzige Foto meiner Eltern verloren oder so, aber es fühlt sich trotzdem ziemlich bitter an. Ich versuche, mich damit zu trösten, dass man die meisten Bilder eh nicht anschaut. Laut Facebook werden mehr als achtzig Prozent der 240 Milliarden Fotos, die in dem Netzwerk gespeichert sind, »nur selten angesehen«.

Immer nur ein Foto

Kolumbus sah getrocknete Tabakblätter, fremdartige Bäume und exotische Fische. Der Abenteurer konnte seinen Zeitgenossen die ­ferne Fremde einfach noch mit Worten beschreiben – und wurde dafür gefeiert. Im Laufe der Zeit gewöhnten sich die Menschen an Reiseberichte und wurden anspruchsvoller. Irgendwann musste man dann ein Aquarell aus der Ferne mitbringen, später ein Foto, ein Souvenir. Und heute braucht man ein Selfie, um den jederzeit verfügbaren Welthintergrund zu individualisieren, einen originellen Winkel, ein lus­tiges Schild oder eine jonglierende Oprah Winfrey, um sein Publikum noch zu überraschen. Wer aber damit beschäftigt ist, das perfekte Selfie zu machen, ist egozentrischer, kaum ansprechbar, erlebt weniger und amüsiert sich nie ungestört, weil die Aufnahme immer den Flow unterbricht – das habe ich auf meiner Reise gemerkt. Zwei Wochen hadere ich mit mir, inwiefern ich in Zukunft mein Fotoverhalten ändern könnte – ich kann ja nicht einfach weiter gedankenlos in der Welt herumfotografieren. Meine Lösung: immer nur ein Foto. Was einen auf Reisen aufhält, ist ja nicht der schnelle Schnappschuss, sondern die Selfie-Optimierung, die 56 Bilder, die man macht, bis man sich selbst gefällt. Wenn man aber nur ein Foto macht, dann muss man auch beknackte Bilder posten. Bislang geht diese Strategie für mich auf. Wer Mut zur Wahrheit und zur Lücke zeigt, wird ­belohnt: Ein nicht unbedingt idealer Schnappschuss bekam kürzlich 28 mehr Likes als mein ­bisheriges Topmotiv mit inszeniertem Strahlelächeln.

Ganz ohne Dokumentation ging es dann natürlich doch nicht. Ich habe das von den NEON-Kollegen auferlegte Fotoverbot umgangen, indem ich meine Erlebnisse mit einem Kohlebleistift in mein Skizzenbuch gekritzelt habe. Ich weiß, ziemlich schlecht – aber so kann ich mich hoffentlich noch ein bisschen länger an den Urlaub erinnern:


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