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Annie-Leibovitz-Ausstellung: Als die Queen sauer wurde

In London gastiert derzeit eine große Ausstellung von Annie Leibovitz. Dort sind alle bekannten Werke der Fotografin zu sehen, von der schwangeren Demi Moore bis zu Brad Pitt auf einem großen Bett. Und dann war da noch die Geschichte mit Queen Elizabeth II.

Von Cornelia Fuchs, London

Klein wirkt Annie Leibovitz vor der Phalanx von Kameras, Mikrofonen und Blitzlichtern. Sie ist heute in London, um ihre Ausstellung den Medien vorzustellen. Seit dem 16. Oktober zeigt die National Portrait Gallery die Fotografien von Annie Leibovitz. Im Februar reisen die Bilder weiter nach Berlin in die C/O Galerie in die Oranienburger Straße.

Es heißt, Annie Leibovitz lässt sich nicht gerne fotografieren. Von dieser Scheu merkt man an diesem Morgen nichts. "Ich bin hier für Euch", sagt Leibovitz und lächelt in das Rattern der Kamera-Motoren und Knattern der Blitzlichter. Später, vor einem Bild des weißhaarigen Richard Avedon, spricht Annie Leibovitz davon, dass das Alter interessanter ist, als allgemein angenommen wird. Weil es einen ruhiger werden lässt.

Direkt am Anfang der Ausstellung in London sind die vier Bilder der Queen zu sehen, die in Großbritannien für große Aufregung gesorgt haben. Leibovitz soll die Queen gefragt haben, ob sie die Tiara abnehmen könne - was für ein Fauxpas! Und dann war da noch der Trailer für einen BBC-Film über das Leben der königlichen Familie, der die Queen zeigte, wie sie mit energischen Schritten einen Flur entlangeilte, auf dem Weg zu den Porträtaufnahmen. Der Trailer ließ diese Szene so aussehen, als ob die Queen vor den Kameras von Leibovitz flüchte. "Dabei war es genau umgekehrt", sagt Leibovitz. "Die Königin war zu spät, und sie stürmte in die Räume, in denen ich sie fotografieren wollte."

Die Queen war verärgert

Der Mann, der damals den Trailer falsch zusammenstellte, verlor seinen Job ebenso wie der Programmverantwortliche der BBC. Es gab große Diskussionen um journalistische Ethik, und was Medienmenschen wie die Dokumentarfilmer und auch Annie Leibovitz mit der Königin anstellen bei solchen Drehterminen. Leibovitz sagt, man solle bedenken, dass die Königin eine über 80-jährige Dame sei, die für diese Porträts einen etwa 40 Kilogramm schweren Pelzumhang trägt. "Sie wird wahrscheinlich nicht mehr viele dieser Auftritte haben."

Und was war mit der Tiara? "Ich hatte einen sehr genauen Plan für den Ablauf der Porträts. Und war etwas überrascht, als die Queen mit der Tiara auf dem Kopf in den Raum kam", sagt Leibovitz. Sie fragte, ob die Königin die Tiara abziehen könne - das sei alles etwas zu schick für das geplante Foto. Die Königin sagte nur: "Was glauben sie denn, was das hier ist?" - und zeigte auf den Samt-Mantel und das reich bestickte Kleid, die feinen Handschuhe und den königlichen Pelzbesatz. "Ich dachte, das sei der typisch britische Humor der Königin", sagte Leibovitz. Erst später habe sie erfahren, dass Queen Elizabeth II. leicht verärgert war über die Ansprüche der amerikanischen Fotografin. Über all das kann Leibovitz heute lachen.

Die persönlichste Ausstellung

Es ist die persönlichste Ausstellung von Annie Leibovitz, die zur Zeit in London zu sehen ist. In jedem Raum findet man die Fotos, für die sie berühmt ist. Die nackte, schwangere Demi Moore, den langhaarigen Brad Pitt auf einem großen Bett, Chris Rock, Jim Carrey und den Tänzer Michail Barischnikow in einer fast zärtlichen Hebefigur mit seinem Tanzpartner Rob Besserer am Strand.

Doch die wirklich interessanten Bilder sind die Familienporträts von Annie Leibovitz. Die Bilder ihrer neugeborenen Töchter, sie selbst als Schwangere, Mutter und Vater in Badeanzügen in ihrem Ferienhaus. "In der Rückschau merkte ich, dass diese Bilder einen Kreis bilden - Geburt und Tod, Familie und Freunde."

Das erschütterndste und zugleich liebevollste Bild ist das Porträt ihrer toten Freundin Susan Sontag. In Bildern erzählt Annie Leibovitz die Krankheit von Sontag, von der ersten Diagnose bis zum Totenbett. Sie beschönt nichts. Im Gegensatz zu den großen Bildern der Berühmtheiten, die direkt gegenüber hängen, hat sie diese Porträts klein gehalten. Der Betrachter muss nahe herantreten. Diese Nähe, sagt Leibovitz, sei bei Auftragsarbeiten unmöglich: "Bei meiner Familie ist es so, als ob keine Kamera da sei. Und da ist diese Liebe." Dann erzählt Leibovitz noch, dass ihre Mutter auf Bildern nie lächeln mochte, etwas, das sie jahrelang ebenso gemacht habe.

Erst mit der Geburt ihrer ersten Tochter habe sie das Lachen wiederentdeckt. "Dann haben sich diese Muskeln wieder bewegt", sagt sie und zieht ihre Lippen in die Höhe. Es sind die Bilder ihrer Töchter, die eine große Zärtlichkeit ausstrahlen zwischen all den Glanz-Fotos in den Räumen der National Portrait Gallery. Leibovitz war 51 Jahre alt, als sie das erste Mal schwanger wurde. "Ich habe mich früher verrückt gemacht", sagt Leibovitz. "Aber eine gewisse Entspanntheit kommt mit dem Alter." Und dann muss noch etwas anfügen: "Doch wenn ich früher nicht so besessen gewesen wäre, dann stände ich wohl jetzt nicht hier!"