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stern spezial Fotografie: Peter Beard - Der wilde Mann

Er begann als Tier- und Modefotograf in Kenia und wurde zum gefeierten Fotokünstler. Seine Aufnahmen verwandelt der exzentrische Amerikaner zu üppigen Tagebuch-Collagen.

Von Jochen Siemens

Mit dem Satz »Gestern hat einer bei Sotheby's für 10.000 Dollar eines deiner Elefantenbilder ersteigert«, den seine Frau sagt, als sie vom Telefon zurückkommt, beginnt dieser unwirkliche Vormittag in New York City, 57. Straße, 2. Stock. Es gibt viele Foto- und Kunstsammler, die für viel Geld Bilder von Peter Beard ersteigern oder kaufen - und einen echten Beard in der Sammlung zu haben hat einen Hauch von Abenteuer und Wildheit. Da sparen die Leute auch nicht mit guten Geschichten, bei welcher Gelegenheit sie diesen oder jenen Beard aufgetrieben haben.

Peter Beard nimmt die 10.000 Dollar gelassen zur Kenntnis, es ist elf Uhr morgens, und er weiß noch nicht, in welche Richtung ihn der heutige Tag treiben wird. Um die Hüften hat er eine Art Wickelrock, Relikt seiner langen Jahre in Kenia. Im Mund eine »American Spirit«. Mit seinen verbeulten nackten Füßen läuft er durch die Zimmer seiner Wohnung, wühlt hier in einem Haufen zusammengeschobener Fotos, sucht dort in der eigenwilligen Unordnung nach Kontaktabzügen, die überall herumliegen: »Nehmen wir diese? Nein, die gefallen mir nicht. Nein, nehmen wir die ?!«

Er hält ein völlig unscharfes Foto einer rennenden Löwin in die Luft. An einigen Bildern sind die Ecken abgerissen, manche sind mit blauer Tinte beschmiert, andere mit roter Farbe und mit Blut. Viele kleben zusammen, man hat Mühe, sie wieder auseinander zu bekommen, ohne sie zu beschädigen.

Peter Hill Beard, 63, lacht, wenn man ihn fragt, ob ein Fotograf so mit seinen Bildern umgehen solle: »Wer sich Fotograf nennt und denkt, das sei etwas Außergewöhnliches, ist ein Dummkopf. Fotografie ist nichts Besonderes, man schaut durch einen Kasten und drückt drauf. Ja und?« Er spaziert mit den nackten Füßen durch einen weiteren Haufen Bilder, eines bleibt an seinem Fuß kleben. Zeit zum Essen, sagt er, am Nachmittag müsse er noch ein paar Bilder machen, »junge Schauspielerinnen, ich tue denen einen Gefallen«. Die Hose hat Löcher, die Sandalen sind breit gelaufen und zu groß. Doch nichts vermag die Akkuratesse seines Gesichtes zu stören.

Beards Bild-Schöpfungen sind Geburten seiner Gedanken, Erinnerungen, Fantasien, wilde und wüste Montagen, immer wieder umrahmt von satten Pinselstrichen grüner oder blauer Tinte oder eben roten Blutes. »Blut ist ein ganz besondrer Saft«, zitiert er immer mal wieder Goethes Vers auf Deutsch. Die Geschichten, wie Beard mit Blut vom Schlachter oder auch tiefgefroren vom Schlachthof seine Fotocollagen wollüstig beschmiert, sind Teil seiner Legende. Einen garantiert abwaschbaren Bodenbelag haben sich manche Galerien vorausschauend legen lassen, um nach den kreativen Happenings von Peter Beard wieder sauber machen zu können. Manches Mal, wenn kein Tierblut zur Verfügung stand, hat er sich selbst in die Arme und Hände geritzt.

Es ist nicht leicht, sich mit Peter Beard ruhig hinzusetzen, ihm Fragen zu stellen und dann auf Antworten zu hoffen. Er springt auf, schweift ab, widersetzt sich vehement auch der geringsten Ordnung, die man in das Gespräch bringen will. Seine Biografie, so viel wird schnell klar, spielt vor einem illustren Hintergrund. Er wurde 1938 in New York geboren und ist Nachkomme einer der mächtigsten amerikanischen Familien, sein Urgroßvater war Gründer der Nordamerikanischen Eisenbahn, sein Großvater Erfinder des Tuxedo, des Abendanzugs.

Über seinen Vater spricht Beard nur in knappen Worten, »er hat nichts Aufregendes getan, außer sein Geld zu bestaunen«. Seine Mutter habe am »Fehlen von Bildung und richtiger Erziehung« in der Familie gelitten und an der amerikanischen »Krankheit des Konformismus«. Beards Kindheit: die Geschichte eines typischen schwarzen Schafes in einer wohlhabenden Familie. Ein paar Monate Medizinstudium. Dann die Flucht in die Kunst, er wurde zum Darling des New Yorker Jet-sets.

Bald aber - nach einer Begegnung mit Karen Blixen, der legendären dänischen Schriftstellerin und Kenia-Siedlerin - war es Afrika, das seine Heimat wurde. Rastlos suchte der junge Beard in dem Schwarzen Kontinent nach einem Sinn für sein Leben, leise ahnend, als Nichtsnutz zu enden. Mit 17 war er zum ersten Mal dort gewesen, und er kam immer wieder. Er baute sich in der Nachbarschaft der großen Karen Blixen eine kleine Hütten- und Zeltstadt, die »Hog Ranch«. 23 Jahre sollte er hier bleiben, »halb Tarzan, halb Lord Byron«, wie jemand sagte.

Natürlich bekommt man von Beard auch keine richtige Antwort, wenn man ihn nach Afrika fragt, sondern Monologe über Vorzeit, Frühgeschichte, Evolution, Stolz und Stärke der Tiere, den entwurzelten Menschen, die Apokalypse... eine gesprochene Collage, die Worte so zusammenfügt wie seine Bilder. Der dem Jet-set entflohene Bonvivant Beard fand in der afrikanischen Savanne gleichzeitig ein Abbild und eine Gegenwelt zur New Yorker Gesellschaft, Herdentiere, ums Überleben kämpfend, zum Aussterben verurteilt.

Peter Beards berühmteste Fotos - verfolgte, dahinsiechende und abgeschlachtete Elefanten, die er in seinem Buch »The End of the Game« veröffentlichte - wurden zu einem einzigartigen fotografischen Dokument: einer Naturtragödie unter der Regie des Menschen, der versuchte, die Elefanten in enge Reservate zu pferchen. »Sie waren zu viele, sie starben an ihrer eigenen Überpopulation«, sagt Beard.

Aber Beard wurde nicht zu dem Ankläger, den Tierschützer gern in ihm gesehen hätten. Er ließ sich auf das Abenteuer der Savanne ein, kommentarlos und beinahe brutal fotografierte er einen Alltag, der nicht in prächtige Coffeetable-Bücher der Upper Class passte: von Krokodilen abgerissene Beine eines Jungen - »Er sollte doch nicht baden gehen«, schrieb Beard darunter -, zerfetzte Tiere, angreifende Löwen.

Beard landete als gelegentlicher Raufbold auch immer wieder in afrikanischen Gefängnissen, dann wieder beherbergte er auf seiner Ranch illustre New Yorker wie die Kennedys und Rockefellers, Truman Capote kam vorbei, und zwischen den Nächten im Alkohol und den Tagen ohne Uhrzeit fotografierte er afrikanische Teenager, nackt und schön. Eine ging mit seinen Fotos nach New York und wurde Model: die berühmte Iman, heute verheiratet mit David Bowie.

Doch bei aller Regellosigkeit und Anarchie, in der er sich treiben lässt, schafft sich Beard eine Konstante, er führt Tagebuch. Dazu gibt es ein Foto, das mehr über Beard aussagt als viele Sätze: der Fotograf mit den Beinen bis zur Hüfte im zahnigen Maul eines toten Krokodils, seelenruhig schreibend. Dieses Tagebuch, das Beard sein Leben lang füllt, ist für seinen Galeristen Peter Tunney der Spiegel eines Menschen, »der im Inneren weint«.