Teil 1 Erst mal einen Bordeaux


Teil 1 der Weinschule muss von Frankreich handeln und dort natürlich von Bordeaux. Ein "kleiner" Wein macht den Anfang.

Wein ist sinnlich, man kann ihn sehen, riechen, schmecken, sogar hören. Und doch empfindet ihn jeder auf eigene Weise. Auch wenn alle das Gleiche im Glas haben, jeder schmeckt und riecht immer etwas anderes. Deshalb Regel Nr. 1: keine Regeln! Jeder darf sagen, was ihm in den Sinn kommt.

Beginnen wir mit Château de Camarsac, dem ersten Bordeaux der Weinschule. Es ist ein "kleiner" Wein aus der Kategorie Bordeaux Supérieur AC (appellation controlée), jung zu trinken, nicht zu intensiv im Geschmack. Wir werden uns kommende Woche mit dem nächsten Bordeaux steigern.

Ist der Camarsac eingeschenkt, hat er 16 bis 19 Grad Temperatur? Dann kann's losgehen. Das Glas zu schwenken sieht immer etwas affig aus. Hilft aber! Denn dabei überzieht der Wein das Glas, und sein Aroma reichert sich im Kelch an. Das spüren wir, wenn wir es ruhig und lange erschnuppern. So können alle Moleküle an unseren Riechsensoren vorbeisegeln und ihre Botschaft übermitteln. Uns erinnert der Duft des Camarsac an Früchte. Sind es schwarze Johannisbeeren - oder Brombeeren? Was meinen Sie? Vielleicht denken Sie an Pflaumen oder Sauerkirschen. Ein interessanter Wein bietet immer Gesprächsstoff und ist nur in Gesellschaft richtig inspirierend. Klar sind alle Wahrnehmungen nur Assoziationen, der Winzer hat ja keine Beeren in den Wein getan. Solche Eindrücke sind gespeichertes Geschmackswissen, im Laufe des Lebens erworben.

Kleiner Test: Schließen Sie die Augen und denken Sie an Himbeeren. Obwohl keine Früchte da sind, können Sie sich ihr Aroma vorstellen - gespeichertes Geschmackswissen. Ob Ihnen beim Carmarsac Brombeeren, Keller oder Pumakäfig in den Sinn kommt, sagen Sie es und achten Sie auf die Reaktionen: "Keller? Riech ich nicht." "Ach Puma! Mir lag's auf der Zunge!" Jetzt wird es Zeit für den ersten Schluck. Nehmen Sie einen, aber schlucken ihn nicht! Den Wein spülen Sie im Mund nach rechts und links, nach vorn und hinten - schööön langsam, damit ihn die Zunge auf süß, sauer, bitter und salzig prüfen kann. Alles andere, also den unendlichen Kosmos an Aromen, riechen wir nur über die Nase. Jetzt dürfen Sie schlucken.

Bordeaux haut rein: Er schmeckt leicht bitter und zieht den Mund zusammen - das sind die Gerbstoffe aus Schalen und Kernen. Er schmeckt auch leicht sauer - das ist die Fruchtsäure der Trauben. Diese Mischung ist der Faustschlag, der geliebte Punch, für den roter Bordeaux berühmt ist. Deshalb nehmen Sie einen zweiten Schluck. Siehe da, es lohnt sich! Jetzt kommt der Nachgeschmack. Unser Atem hat die Weinaromen aufgenommen, und wenn er beim Ausatmen das Riechzentrum passiert, spüren wir intensiv: wieder Johannisbeeren und Brombeeren, aber jetzt auch etwas Waldboden, Herbstlaub und Holz. Beim Nachhall spüren wir, was der Wein draufhat. Dünne Exemplare verdünnisieren sich; intensive lassen sich dauerhaft nieder, wie der Camarsac. Was meinen Sie?

Probieren ist eine Sache, trinken eine andere. Deshalb holen Sie sich jetzt was zu essen. Es kann nämlich sein, dass Sie den Camarsac dann ganz anders einschätzen. Zunächst begnügen wir uns mit Erdnüssen oder Mandeln, später greifen wir zu altem Gouda. So richtig in Fahrt aber kommt der rote Musketier erst, wenn wir ihn zu gegrillten Lammkoteletts hinunterspülen. Dann wird aus dem Ringkämpfer mit seinen zupackenden Gerbstoffen ein rechter Friedensstifter, der das Lied von der Freundschaft singt. Hören Sie es auch?

Fabian & Cornelius Lange print

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