„Aber Großmutter, warum hast du so ein entsetzlich großes Maul?“, fragte Rotkäppchen. „Damit ich dich besser fressen kann!“, sagte der Wolf. Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rotkäppchen.“
So lautet der dramaturgische Höhepunkt in Grimms Märchen vom „Rotkäppchen“, dem unschuldigen und naiven Mädchen, das vom Untier gefressen wird. Und man ahnt gleich: Den besten Ruf hat der Wolf wohl nicht.
Tatsächlich läuft und frisst sich der Wolf seit Jahrhunderten durch die Kulturgeschichte des Menschen, manchmal als dummes, manchmal als hinterlistiges Wesen, meistens aber gierig und unersättlich.
Schon Odin wird in der Weltuntergangssage Ragnarök von einem Wolf – dem Fenriswolf – besiegt und ebenfalls verschlungen. So groß und mächtig ist die Bestie, dass ihr Unterkiefer die Erde berührt, der Oberkiefer den Himmel. Sie tötet den Göttervater. „Es wüten Feuer und Rauch, große Hitze steigt selbst zum Himmel auf.“
Jagdgefährte und spiritueller Partner
„der böse Wolf“, „der Wolf im Schafspelz“, „der einsame Wolf“ – seit es Menschen gibt, haben sie sich Geschichten über Wölfe erzählt. Das liegt vor allem daran, dass Wölfe relativ schnell in der Geschichte zu Begleitern der Menschen wurden. Für die steinzeitlichen Jäger und Sammler in weiten Teilen Eurasiens war der Wolf Jagdgefährte und spiritueller Partner.
Oberflächlich betrachtet waren sich Tiere und Menschen zu jener Zeit gar nicht so unähnlich. Sie waren aktive Jäger und Aasfresser, die in kooperativen und relativ geschlossenen Familiengruppen zusammenlebten. Die gezähmten Wölfe, die Hunde, wurden dann zu wichtigen Begleitern der Menschen bis zur Moderne.
Aus jenen Ursprüngen rührt auch ein Bild des Wolfes, das heute nur noch eine untergeordnete Rolle spielt: der Wolf als Krafttier und als spirituelles Wesen. So ranken sich auch unzählige Geschichten um Wölfe, die Menschenkinder aufziehen.
Der Wolf: Unkontrollierbar und triebhaft
Die Zwillinge Romulus und Remus, die Gründer der Stadt Rom, sollen als Babys in einem Fluss ertränkt werden. Allerdings findet eine Wölfin die Kinder, rettet und säugt sie. Rudyard Kipling nimmt Ende des 19. Jahrhundert das Bild der fürsorglichen Wölfe noch einmal auf und schreibt im „Dschungelbuch“ von einem Baby, das im Wald ausgesetzt wird. Auch hier tritt ein Rudel Wölfe als Retter und Familienersatz auf. Die Tiere ziehen das „Menschenkind“ Mogli groß.
Durchsetzen konnte sich dieses Bild vom weisen und sorgenden Wolf in West- und Mitteleuropa allerdings nicht. Wohl zu beeindruckend oder auch angsteinflößend war das Tier. Kaum ein anderes in der Region heimische Raubtier kommt dem Menschen gerade bei der Jagd so nahe. Luchse und Bären greifen seltener Nutztiere an. Wölfe jagen im Rudel, auch das mag Unbehagen auslösen. Und manchmal töten sie mehr Beute, als sie fressen können, dann bleiben Kadaver liegen. Dem Wolf haftet der Ruf an, er reiße verschwenderisch.
In Geschichten, Mythen, Büchern und Filmen überwiegt deshalb bis heute das dunkle Bild vom Wolf. Er steht für das Unkontrollierbare und Triebhafte. Der römische Dichter Ovid legte mit seiner Erzählung „Metamorphosen“ den Grundstein für den Mythos vom Werwolf. Ovid schildert, wie der gottlose König Lykaon von Zeus in einen Wolf verwandelt wird. Das Auftreten der Werwölfe ist immer ähnlich: Sie sind grauenhaft hässlich, laufen schnell und geduckt, haben gelbe Augen und struppiges Fell.
Aus der Zeit der Hexenverfolgung sind auch Werwolf-Prozesse bekannt, bei denen den Angeklagten die Verwandlung in einen Wolf, Kindermord und Kannibalismus vorgeworfen wurde. Später tauchen Werwölfe in Michael Jacksons berühmtem Musikvideo „Thriller“ und in Gestalt des Lehrers Lupin in „Harry Potter“ auf.
Das Märchen vom Rotkäppchen gibt es übrigens länger als dessen Niederlegung in Grimms Märchenbuch. Forscher haben die Erzählung bis in das Mittelalter zurückverfolgt. In zahlreichen Versionen der Geschichte taucht am Ende kein Jäger auf, um Rotkäppchen und ihre Großmutter aus dem Bauch des Wolfs zu befreien. Die beiden bleiben verschwunden. Und der böse Wolf – triumphiert.