Neues Jagdgesetz
Jagd auf Wölfe – warum das neue Probleme schaffen könnte

Ein Fadenkreuz zielt auf junge Wölfe (Montage)
40 Prozent der Jungwölfe will der Deutsche Jagdverband künftig töten. Der Zoologe Axel Gomille hält das für unsinnig und rechtswidrig
© stern-Montage: Nikolas Janitzki / stern; Fotos: Getty Images, Adobe Stock

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Das neue Jagdrecht macht’s möglich: Künftig wollen Jäger fast die Hälfte aller Jungwölfe töten. Dabei schützt das kein einziges Nutztier, sagt ein Experte. 

Den Wölfen in Deutschland geht es nun vermutlich bald an den Pelz. Nach der vom Bundestag im März beschlossenen Änderung des Bundesjagdgesetzes dürfen Wölfe künftig zwischen Juli und Oktober geschossen werden. „40 Prozent des jährlichen Zuwachses“ sollen erlegt werden, forderte der Deutsche Jagdverband bereits im Dezember. „Konkret bedeutet das, dass 40 Prozent der Wolfswelpen geschossen werden sollen“, sagt Axel Gomille. 

Der Zoologe und Buchautor („Deutschlands wilde Wölfe“) hält eine generelle Bejagung von Wölfen jedoch für unsinnig: „Das angebliche Ziel des neuen Gesetzes ist es, die Zahl der Nutztierrisse zu verringern. Mehrfach wurde in verschiedenen wissenschaftlichen Studien jedoch belegt, dass für das Ausmaß der Schäden nicht die Zahl der Wölfe entscheidend ist, sondern die Haltungsform der Nutztiere.“

„Die Jagd auf Wölfe schafft einige Probleme erst selbst“

Auch eine weitere Neuregelung sei aus Sicht des Wolfskenners vollkommen kontraproduktiv. Bisher durften nur Wölfe geschossen werden, die mehrfach Zäune zum Herdenschutz überwunden und Nutztiere gerissen haben. Nach dem neuen Gesetz dürfen Jäger nach einem Riss irgendeinen Wolf im Radius von 20 Kilometern um den Schadensort schießen. Das entspricht einem Kreis mit einem Durchmesser von 40 Kilometern, also einer Fläche von rund 1250 Quadratkilometern.

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© Axel Gomille

Zur Person

Der Zoologe und Fotograf Axel Gomille ist Deutschlands Wölfen seit knapp zwanzig Jahren auf der Spur. Dabei sind mehrere Bücher und TV-Dokumentationen entstanden, sein aktuelles Buch ist „Deutschlands wilde Wölfe“.

In diesem riesigen Gebiet können vier bis fünf verschiedene Wolfsterritorien liegen. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Jäger einen Wolf schießt, der mit dem Nutztierriss gar nichts zu tun hatte, ist also sehr hoch“, moniert Gomille. „So schafft die Jagd einige Probleme, die sie angeblich lösen will, erst selbst.“

Statt durch einen Abschuss künftige Nutztierrisse zu verhindern, könnte das genaue Gegenteil eintreten. „Ein Wolfsrudel ist eine Familie. Sie besteht aus den beiden Eltern und ihren Jungen der letzten ein bis zwei Jahre. Fällt eines der beiden erfahrenen Elterntiere aus, gerät das Rudel in eine Notlage. Dann steigt der Druck auf den verbleibenden Partner, auf Nutztiere umzusteigen, wenn sich dazu die Gelegenheit bietet.“ Sprich: Die Wölfin oder der Wolfsrüde wird sich eher an leichte Beute wie Schafe oder Ziegen machen, um die hungrigen Jungen zu versorgen. 

„Wölfe helfen sogar beim Herdenschutz“

Zudem fehlt dem Nachwuchs das Vorbild, wie er Wildtiere jagen kann, und auch bei ihm steigt die Chance, in Zukunft Nutztiere anzugreifen. „Das Beste für Weidetierhaltende sind Wölfe, die die Erfahrung gemacht haben, dass sich ein Angriff auf gut geschützte Nutztiere nicht lohnt. Da Wölfe territorial sind, halten sie fremde Artgenossen aus ihrem Revier fern. So helfen sie sogar beim Herdenschutz“, fasst Gomille zusammen. „Die meisten Wölfe sind gänzlich unauffällig.“ Der Anteil von Nutztieren im Nahrungsspektrum deutscher Wölfe ist gut untersucht und liegt bei etwa ein bis zwei Prozent – ihre Hauptbeute sind Wildtiere wie Rehe, Wildschweine und Rothirsche.

Wolf mit erbeutetem Reh
Wölfe jagen überwiegend Rehe, Hirsche und Wildschweine
© Axel Gomille

Daher sei die Lage auch weniger schlimm, als sie oft dargestellt werde, sagt der Biologe. „Die Anzahl der gerissenen Nutztiere in Deutschland ist von 5727 Tieren im Jahr 2023 auf rund 4300 im Jahr 2024 zurückgegangen – ein Rückgang um rund 25 Prozent. Und das ohne Jagd, sondern schlicht durch fachgerechten Herdenschutz.“

Eine generelle Jagd auf den Wolf setze hingegen völlig falsche Anreize. „Sie könnte Weidetierhaltern suggerieren, man bräuchte keinen Herdenschutz mehr, sondern könnte alle Probleme mit dem Gewehr lösen. Doch der einzige Weg, um in Koexistenz mit Wölfen eine dauerhafte Reduktion von Nutztierschäden zu erreichen, ist fachgerechter Herdenschutz.“

Zoologe hofft auf Anpassung der Regelung

Auch das Argument, eine Abschussquote würde den Steuerzahler entlasten, da weniger Entschädigungen für Nutztierrisse anfielen, möchte Gomille nicht gelten lassen. „Studien aus Sachsen-Anhalt zeigen, wie effizient Wölfe den Waldumbau und die Verjüngung des Waldes voranbringen.“ 

Die Wölfe reduzierten die Zahl wild lebender Huftiere im Untersuchungsgebiet, sagt der Zoologe. „Dadurch verringerten sich die Schäden durch Verbiss erheblich und es gab eine deutliche Zunahme der Pflanzenzahlen durch mehr Naturverjüngung.“ Dies habe dazu geführt, dass weniger Zäune um Schonungen aufgestellt werden mussten, um Wild von Anpflanzungen fernzuhalten. Auch die Kosten durch den Verlust von Jungbäumen seien erheblich gesunken. „Der finanzielle Nutzen für die Forstwirtschaft überschreitet die Schäden durch Nutztierrisse um ein Vielfaches.“

Selbst für die Landwirtschaft können Wölfe nützlich sein. Im Frühjahr und Sommer fallen immer wieder ganze Rotten an Wildschweinen über frischbestellte Felder her und vernichten einen großen Teil der Ernte. „Unter den heimischen Huftieren haben Wildschweine im Frühjahr als erste Nachwuchs. Sie machen rund 20 Prozent der Beute von Wölfen aus“, sagt Gomille. Rehe, die ebenfalls gern Kulturpflanzen fräßen, machten rund 50 Prozent im Nahrungsspektrum von Wölfen aus. Wölfe würden sogar bei der Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest helfen, indem sie kranke Wildschweine erbeuten, denn Wölfen mache das Virus nichts aus.

Die Vorgaben des Bundesjagdgesetzes können nun auf Ebene der einzelnen Bundesländer umgesetzt werden. „Daher könnten unsinnige Regelungen jetzt noch angepasst werden“, hofft der Biologe. „Es ist erschreckend, dass wissenschaftliche Erkenntnisse der Wolfsforschung und praktische Erfahrungen aus dem Herdenschutz bei dem Gesetz nicht berücksichtigt wurden.“ 

In manchen Regionen sind Wölfe noch eine Rarität

So ist der günstige Erhaltungszustand des Wolfs, der Voraussetzung für eine Bejagung ist, in Deutschland nur regional gegeben. Im Süden und Westen des Landes kommen Wölfe nach wie vor selten vor. Noch immer ist der Wolf eine geschützte Tierart. Wolfsfreie Zonen im Alpenraum und an den Küsten, die das Bundesgesetz ermöglicht, verstoßen gegen EU-Recht. „Es ist also fraglich, ob das Gesetz einer Überprüfung durch den Europäischen Gerichtshof und nationale Gerichte standhält“, kommentiert Gomille.

„Leider ist damit zu rechnen, dass es durch das neue Gesetz nur Verlierer geben wird: Die Weidetierhaltenden werden wahrscheinlich mehr Risse verzeichnen, weil sie weniger Herdenschutz anwenden. Deswegen werden mehr Nutztiere sterben. Und es werden Wölfe geschossen, die kein einziges Weidetier getötet haben und bisher völlig unauffällig waren.“ 

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