Zwei junge Männer auf der Rückbank eines Autos, Fahrtwind im Haar. Und dieses breitbeinige Grinsen: Was kostet die Welt? Gute Zeiten in Afghanistan, auch die gab es.
"Sie waren mal fünf Brüder" – so fängt die Geschichte an, die zu dem Foto gehört, erschienen im Sommer 2025. Ich möchte Sie Ihnen ans Herz legen, auch wenn die Lektüre rund 20 Minuten braucht. Es ist gut investierte Zeit in eine Recherche, die vor 31 Jahren begann.
1994 lernte der irische Fotograf Seamus Murphy in Kabul einen Mann kennen, der seine Söhne allein großzog. Seine Frau war nach der Geburt des jüngsten Kindes gestorben. Murphys erste Aufnahmen zeigen Sami Badeli mit seinen vier Söhnen. Der älteste Sohn fehlt schon damals, er war im Krieg gegen die Mudschaheddin gestorben. Das Gesicht des alten Mannes: zerklüftet wie der Hindukusch. In den folgenden Jahren verliert er noch zwei Söhne, einen im Kampf für die Mudschaheddin, einen im Kampf gegen die Taliban. Ein vierter, Farhuddin, verliert ein Bein bei einem Raketenangriff. Der fünfte bleibt heil.
Der erste Teil der Familiensaga der Badelis erschien 2012, mit einem Text von Jan Christoph Wiechmann im stern, eine preisgekrönte Reportage von beeindruckender Nähe, Murphy durfte sogar Farhuddins Frau unverschleiert fotografieren. Vater Badeli ist da schon lange tot, seine Söhne sagen: gestorben an den Taliban.
Die Fortsetzung der Familiengeschichte, die der stern in vergangenen Juni veröffentlichte, erzählt von der Trennung der Brüder, die in Kabul eine Schneiderwerkstatt betrieben, von der Flucht vor den Taliban. Der einbeinige Farhuddin landet mit seiner Familie in der Türkei. Der Bruder Farhad schafft es 2023 nach Deutschland – auch mithilfe des stern. Er findet Zuflucht im oberbayerischen Geretsried.
Eine Geschichte über Afghanistan, über Flucht – und über Deutschland
Jan Christoph Wiechmann erzählt diese Geschichte unaufgeregt, ohne Tremolo, dafür mit vielen klugen Beobachtungen und lebendigen Details. Es ist nicht bloß eine Geschichte über die Flucht, sondern auch eine Geschichte über das Ankommen – in einem "schönen, wenn auch merkwürdigen Land", wie Wiechmann schreibt, in einem Land, das Ankömmlinge wie Farhad Badeli verwundert zurücklässt: "Die Menschen helfen pflichtbewusst, aber ohne Lächeln. Sie haben eigene Wege für Fahrräder, die sie so verbissen verteidigen wie ihr Zuhause. Überall warnen Schilder vorm Betreten und vor Gefahren, aber dann lauern da keine Gefahren."
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Wiechmann beschreibt ein Land, in dem immer mehr Menschen das Gefühl zu haben scheinen, nun selbst Schutz suchen zu müssen. Vor den Fremden, den Flüchtlingen, den Afghanen insbesondere. Dabei träumt Farhad Badeli doch nur von einer Schneiderei in Geretsried. Am liebsten gemeinsam mit Farhuddin, der in der Türkei als Billiglöhner schuftet. Das Problem: Farhad, der seit 30 Jahren als Schneider arbeitet, müsste erst eine Ausbildung machen – zum Schneider.
"Das", schreibt Wiechmann, "hat er nicht verstanden".