Interview "Frauen missbrauchen anders als Männer"

Sexueller Missbrauch durch Frauen ist selten und dennoch Alltag. stern.de hat mit der Therapeutin Heidemarie Jung über das Phänomen gesprochen.

In Regensburg wurde eine Lehrerin wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines 13-jährigen Schüler zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Fälle von Missbrauch durch Frauen sind eher selten. In Australien etwa wurde vor Ende 2004 eine 37-Jährige verurteilt, die sich an einem 15-jährigen Kind vergangen hatte. Im baden-württembergischen Marbach wurde ebenfalls im vergangenen Jahr eine Hauptschullehrerin zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Sie hatte mehreren Schülern Drogen gegeben und einen 15-Jährigen sexuell missbraucht.

stern.de hat mit der Lüneburger Kinder- und- Jugendlichen-Psychotherapeutin Heidemarie Jung über das Phänomen sexuellen Missbrauchs durch Frauen gesprochen.

Frau Jung, Fälle sexuellen Missbrauchs durch Frauen scheinen selten zu sein. Wie hoch schätzen Sie ihren Anteil ein?

Nach meiner Erfahrung würde ich sagen, dass 16 bis 18 Prozent der Missbrauchsfälle durch Frauen begangen werden. Diese Zahl findet sich auch in der spärlichen Literatur zu diesem Thema wieder.

Sexueller Missbrauch durch Frauen wird nicht stark thematisiert?

Nein. Das hat damit zu tun, dass das gesamte Thema sexueller Missbrauch durch die Frauenbewegung öffentlich gemacht wurde. Jahrelang galt ausschließlich die Gleichung: Mann gleich Täter, Frau gleich Opfer. Dass auch Frauen die Täter sein können, dass konnte in dem stark ideologisch geprägten Weltbild der Frauenbewegung nicht sein. Langsam ändert sich das allerdings.

Was unterscheidet weibliche von männlichen Tätern?

Frauen missbrauchen anders als Männer. Von Ausnahmen abgesehen, fehlt bei ihnen die extreme Gewaltkomponente. Frauen versuchen "freundschaftliche" Beziehungen aufzubauen und diese dann sexuell auszunutzen. Sie sehen den Missbrauch auch eher als Beziehungstat denn als Sexualtat.

Gewalt ist für Frauen kein Thema?

Doch. Allerdings selten und hauptsächlich in verwahrlosten Milieus. Auch in Familien, in denen eine Kultur der Kinderpornografie "gepflegt" wird, kommt körperliche Gewalt vor. Besonders schlimm wird es, wenn sie von Vater und Mutter gleichzeitig missbraucht werden.

Wer sind die Opfer?

Jungen und Mädchen gleichermaßen. Auch die eigenen Kinder oder Enkel.

Erleben die Opfer den sexuellen Missbrauch durch Frauen anders als den durch Männer?

Das kommt drauf an. Wenn Jungen durch Männer missbraucht werden, fürchten sie etwa schwul zu werden oder kein Mann mehr sein zu können. Wenn Mädchen durch Frauen missbraucht werden, kommt es einer Totalkapitulation gleich. Gerade wenn es sich um eine enge Bezugsperson wie die Mutter handelt, verlieren sie jeglichen Halt in ihrem Leben.

Gilt das auch für Jungen?

Grundsätzlich ja. Allerdings sehen sich Jungen oft in der Rolle des Mannes, der sich nicht als Opfer versteht, sondern als Akteur und deswegen am Akt des Missbrauchs "Mitschuld" trägt. Natürlich spielt auch eine Rolle, dass Sex als solcher bei Jungen und Männern eine Art Männlichkeitsbeweis ist. Und viele romantisieren und verklären die Geschehnisse.

Interview: Niels Kruse

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