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Kopfwelten: Qualen bis in die Gene

Mindestens 100.000 Kinder sind jedes Jahr allein in Deutschland von Misshandlungen bedroht oder betroffen - von Prügel, Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch. Dass die Opfer noch lange später leiden, ist klar. Doch nun wurden Spuren der Gewalt sogar im Erbgut gefunden.

Von Frank Ochmann

Mehr als 100.000 Kinder in Deutschland sind jedes Jahr von Missbrauch betroffen oder bedroht

Mehr als 100.000 Kinder in Deutschland sind jedes Jahr von Missbrauch betroffen oder bedroht

Es gibt Verletzungen, die wachsen sich nicht einfach aus. Natürlich wissen wir das alle. Und es ist auch nicht wirklich verwunderlich, dass bleibende, nie ganz zu behebende Schäden gerade auch die Kleinsten und Schutzlosesten unter uns treffen können. Kinder also und Babys. Wie auch sollten sie sich gegen körperliche oder auch "nur" psychische Gewalt wehren können?

Schon seit längerem gibt es unter Experten den Verdacht, dass schwere Verletzungen der kindlichen Seele - auch solche durch körperliche Misshandlungen - nicht einfach früher oder später spurlos verschwinden, nur weil irgendwann das Elend vorbei ist, das sie hervorgerufen hat. Wir reden hier nicht nur von den spektakulären Einzelfällen, die immer wieder einmal grausam die Nachrichten beherrschen. Nimmt man die berüchtigte Dunkelziffer hinzu, reichen die Schätzungen der Sachverständigen von rund 100.000 Kindern unter sechs Jahren bis zu über einer halben Million, die bei uns vor ihrem familiären Umfeld geschützt werden müssten, weil schlimmstenfalls nicht nur das "Kindeswohl", wie es im Juristendeutsch heißt, sondern sogar das Leben der Kleinen in Gefahr ist.

Wie tief sitzt das Trauma?

Nach psychologischen Beobachtungen liegt der Verdacht nahe, dass Missbrauch im Kindes- und Jugendalter den Opfern nicht nur akut erheblichen Stress bereitet. Solche Schädigungen können auch die Art und Weise beeinträchtigen, wie ein Mensch auch noch später im Leben mit Stress jeglicher Art umgeht. Wie tief das früh erlittene Trauma tatsächlich sitzt, entdeckten jetzt Wissenschaftler um den Psychiater und Neurologen Michael J. Meaney von der McGill University in Montreal.

Das Team hatte Gelegenheit, auf die "Quebec Suicide Brain Bank" zuzugreifen, in der auf minus 80 Grad Celsius abgekühlte Hirnproben von Menschen aufbewahrt werden, die ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt haben und deren Geschichte nach standardisierten psychologischen Verfahren rekonstruiert werden konnte. Insgesamt wurden Proben von 24 verschiedenen Gehirnen aus der Gewebebank untersucht, wobei genau die Hälfte dieser Suizidopfer im Kindesalter misshandelt worden war. Diese Proben wurden nun mit anderen verglichen, die aus Gehirnen von ebenfalls plötzlich, aber nicht durch Selbsttötung Verstorbenen stammten. Somit gab es Daten aus einer "neutralen" Kontrollgruppe, von denen sich ein möglicher gemeinsamer Effekt des Suizids bei allen anderen Proben abheben konnte.

Um der Stressreaktion besondere Aufmerksamkeit zu schenken, untersuchte das Team um Meaney den "Glucocorticoid-Rezeptor". Der Zungenbrecher steht für eine chemische Andockstelle im Gehirn, über die Botenstoffe (nämlich Glucocorticoide genannte Hormone der Nebennierenrinde) aufgenommen werden und damit sehr vereinfacht gesagt zu einer "Abregung" des gestressten Menschen führen. Ist dieses körpereigene Signalsystem stark ausgeprägt, sind Menschen durch Aufregungen nicht so leicht aus der Bahn zu werfen.

Wie alle anderen Funktionsträger unseres Körpers sind auch diese Rezeptoren des Gehirns in unserem Erbgut angelegt. Doch reicht es nicht, die genetischen Pläne einfach nur in uns zu haben. Die so angelegten Empfangsstellen müssen auch wirklich "gebaut" werden. Anders gesagt: Die passenden Abschnitte im Erbgut müssen aktiviert werden, damit sie tun, was sie tun sollen. Misslingt das ganz oder werden zu wenige dieser Rezeptoren installiert, werden davon Betroffene besonders stressempfindlich und seelisch instabil - guter Nährboden für psychische Erkrankungen.

Eine derartige Unterentwicklung der Stressreaktion entdeckten die kanadischen Forscher nun tatsächlich im Erbgut, das von Suizidopfern stammte, die als Kinder misshandelt worden waren. Nur bei ihnen, nicht bei allen anderen Proben, wurde der genetische Abschnitt für die Glucocorticoid-Rezeptoren auffallend schwach aktiviert. Ganz ähnliche Störungen waren bereits im Laborexperiment bei Ratten beobachtet worden, denen man absichtlich die mütterliche Pflege verweigert hatte. Nun also zeigt sich dieser bleibende negative Effekt einer kindlichen Misshandlung bis tief hinunter ins Erbgut zum ersten Mal auch beim Menschen.

Was wird an die folgende Generation weitergegeben?

Das Bestürzende an diesen Befunden sind nicht die genetischen Einzelheiten, die Experten vielleicht nicht einmal verwundern. Was wirklich berührt und nicht nur Fachleute betrifft, ist die wachsende Gewissheit, dass nie wieder gut zu machen ist, was Kindern in den ersten Jahren an Brutalität angetan wird. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen und auch nicht in erster Linie darum, wer was und warum getan hat. Die unverzichtbare und unaufschiebbare Aufgabe der Gesellschaft - von uns also - muss es sein, jedes einzelne Baby und Kind vor einem Schicksal zu bewahren, dem es womöglich ein Leben lang nicht mehr entkommen kann. Schlimmer noch: das es vielleicht sogar mit seinem eigenen Erbgut auf die folgende Generation überträgt. Auch dafür, dass Erfahrungen genetisch weitergegeben werden können, gibt es inzwischen beunruhigende Belege aus dem Labor.

Es dürfen darum keine Entschuldigungen mehr gelten, wie wir sie schon so oft in grausamen Fällen von Missbrauch oder Vernachlässigung zu hören bekamen. Keinen noch so gut gemeinten Verweis auf das staatlich garantierte Erziehungsrecht der Eltern und auch keinen hilflosen Fingerzeig auf zu wenig Personal in den Behörden und leere Kassen der Kommunen. Weder ein falsches Freiheitsverständnis noch eine wirtschaftlich prekäre Lage können entschuldigen, dass das Leben von Kindern verpfuscht wird, bevor es auch nur richtig beginnen konnte. Das ist die wichtigste Lehre aus der neuen kanadischen Studie.

Literatur:

Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik an der Technischen Universität Dortmund 2006: KomDat - Jugendhilfe, Sonderausgabe 9. Jg.
Holt, S. et al. 2008: The impact of exposure to domestic violence on children and young people: A review of the literature, Child Abuse and Neglect 32, 797-810
Bundeskriminalamt (Hg.) 2007: Gewalt gegen Kinder, Gewalt von Kindern in Deutschland - Zusammenstellung von Daten aus der polizeilichen Kriminalstatistik 2007
McGowan, P. O. et al. 2009: Epigenetic regulation of the glutocorticoid receptor in human brain associates with childhood abuse, Nature Neuroscience, DOI: 10.1038/nn.2270
Ney, P. G. et al. 1994: The Worst Combinations of Child Abuse and Neglect, Child Abuse and Neglect 18, 705-714

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