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Sexueller Missbrauch: "Er hat meine Kindheit zerfetzt"

Sie wünschten sich Liebe und Geborgenheit. Doch sie wurden sexuell missbraucht. Während die Täter - meist aus dem engsten Familienkreis - zum Teil mit einer Bewährungsstrafe davonkamen, leiden die Opfer ein Leben lang. Sechs Frauen und ein Mann schildern, wie sie mit den traumatischen Belastungen zurechtkommen.

Von Anette Lache

Hamburg, 1981.
Tagsüber schmiert er ihr Butterbrote und geht mit ihr in Hagenbecks Tierpark. Tagsüber erklärt er ihr geduldig, warum ihre Katze Mäuse tötet, und schaut sich mit ihr im Kino den kleinen, schrumpeligen Außerirdischen E. T. an. Nachts kommt er in ihr Kinderzimmer. In ihr Kinderbett. Sie ist fünf. Beim ersten Mal.

Hamburg, 2008.
"Den Tagesvater habe ich geliebt, den Nachtvater gehasst", sagt sie über ihre zerrissenen Gefühle als Kind. Scarlett, heute 33, sitzt in einer Hamburger Kneipe und schiebt die Gabel in das Bauernfrühstück. Doch sie isst nicht. Es geht eben doch nicht: von einer Kindheit zu erzählen, die in Wirklichkeit keine war, und gleichzeitig den Magen mit Kartoffeln, Eiern, Speck und Gewürzgurke aufzufüllen. "Vielleicht später", sagt sie und schiebt den Teller erst einmal weg.

* Namen geändert

Sie redet von ihrem Peiniger, dem Stiefvater. "Ein ruhiger Typ, mit einem hohen Bildungsgrad. Die Art von Täter, die glaubt, mit einem Kind eine Beziehung eingehen zu können, und das für Liebe hält." Sie spricht von ihrer Mutter, die den Mann später sogar heiratete, wissend, was er mit ihrer Tochter nachts am Ende des Flurs im Kinderzimmer tat. Und von den Nachbarn im feinen Stadtteil, die ihre Schreie nicht hören wollten. Und von dem seelischen und körperlichen Missbrauch, der fast sieben Jahre dauerte. "Ich hatte immer nur Angst. Er tat mir weh, auf jede Art und Weise, auf die ein Mann einem Kind wehtun kann."

"Das machen doch alle"

Sie schweigt für zwei, drei Minuten, schaut durch die schmutzigen Scheiben des Lokals zu den Kastanienbäumen. Man ist fast dankbar für die Pause. Mehr als 2500 Mal wird es Nacht in dem Einfamilienhaus mit der weißen Fassade - ohne dass Scarlett Anlass zu der Hoffnung gehabt hätte, dass es aufhört. "Ich habe geschrien. Gebettelt. Bis er mir den Mund zuhielt. Alle Väter würden das mit ihren Töchtern machen, sagte er mir."

Die Richterin hielt am Ende des Prozesses gegen den Stiefvater im Jahr 1994 in der Urteilsbegründung fest: "Das Kind gab zumeist nach einiger Zeit resignierend den Kampf auf und lag einfach so da. Dabei drückte es häufig zum Trost die Hauskatze an sich." Die Katze war Scarletts einziger Halt: "Sie hat mich getröstet, mit ihr träumte ich mich in eine andere Welt. Ohne sie wäre ich tot."

Sechs Jahre und sechs Monate Gefängnis bekam der Mann für sein Verbrechen an einem Kind, das ihm nicht entkommen konnte. Als Scarlett mit zwölf ins Heim gekommen war, hatte er ihre Mutter verlassen. Wozu bleiben ohne den kindlichen Körper in greifbarer Nähe. Scarlett kann inzwischen über die Vergewaltigungen sprechen, an besseren Tagen zumindest. Auch wenn die Bilder immer noch da sind. "Der Trick ist, die Emotionen, den Ekel, die Angst, abzukoppeln von den Bildern. Dann ist es nur eine Erinnerung, die man anschaut wie ein Bild und wieder weglegen kann. Sie beherrscht einen nicht mehr, kann einen nicht mehr ständig quälen", sagt sie leise.

Die Wunden bleiben

Zwischen diesen Sätzen und dem sexuellen Missbrauch liegen Jahre des Verdrängens, der Sprachlosigkeit, der Psychotherapien und der Krankenhausaufenthalte wegen gynäkologischer Probleme. Vertrauen fasste Scarlett lange nur zu Tieren, später zu einigen wenigen Menschen. Es ist noch nicht lange her, da schlief die junge Frau häufig auf dem Boden. "Weil das Bett für mich ein unsicherer Ort war, auch viele Jahre nach dem Missbrauch."

Viele Opfer sexueller Gewalt durchleben einen Stress, den Fachleute mit den Belastungen der Opfer von Geiselnahmen oder der Überlebenden von Konzentrationslagern vergleichen. Der traumatische Stress schlägt eine seelische Wunde, die oftmals über Jahre offen bleibt. Schlafstörungen, Albträume, Depressionen, Ängste, Panikattacken und aggressives Verhalten bis hin zu Selbstverletzungen, zermürbenden Erinnerungen, immer wiederkehrenden Suizidgedanken und Essstörungen - das ist die Liste der möglichen Langzeitfolgen, die der Trauma-Experte Andreas Krüger, Kinder- und Jugendpsychiater vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, nennt. Zusammengefasst werden diese Symptome unter dem Begriff Posttraumatische Belastungsstörung. Viele der Betroffenen haben Schwierigkeiten, sich überhaupt auf Beziehungen einzulassen, sagt der Psychiater. Studien weisen zudem darauf hin, dass frühkindliche Traumatisierungen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, sozial zu scheitern, nicht in der Lage zu sein zu arbeiten. Auch das Risiko von Alkohol- oder Drogensucht steigt beträchtlich. Andreas Krüger: "Woran man arbeiten kann, ist die Wundheilung. Aber auch wenn sie gelingt, wird auf jeden Fall eine seelische Narbe bleiben."

Häufig können sich Opfer sexualisierter Gewalt erst nach einem jahrelangen Martyrium jemandem anvertrauen. Zu groß sind Scham- und Schuldgefühle. So katastrophal ist die Störung des inneren Gleichgewichts, dass die Kinder und Jugendlichen zunächst oft nur einen Ausweg sehen: ausblenden, verdrängen. Nicht selten drohen die Täter ihren Opfern mit Strafen und Konsequenzen: "Dann töte ich deinen Hund" oder "Deine Mutter wird dir nicht glauben, dann musst du ins Heim". Kinder sind leicht einzuschüchtern.

Eine Gemeinde in Schleswig-Holstein, Mitte der 90er Jahre.
Der Jugendliche in Cowboystiefeln pokert mit dem kleinen Mädchen, wenn er Gelegenheit hat, mit ihr allein zu sein. Verliert sie - also immer -, muss sie sich ausziehen, von ihm anschauen lassen. Nachts holt er sie zu sich ins Bett in seinem Zimmer mit den Mickey-Mouse-Aufklebern am Schrank und dem braunen Plüschteppich. Dann muss sie ihn mit Hand und Mund befriedigen, während ihre Geschwister einen Meter entfernt auf der Ausziehcouch schlafen. Sie ist sechs, er 15 und ihr Onkel. Mehr als vier Jahre lang ist sie sein Opfer. Immer wenn ihre Eltern sie an Wochenenden und in den Ferien in die "Obhut" der Großmutter und von Manfred*, dem Kinderschänder, gibt.

Körperliche Folgen

Nina* erzählt niemandem von ihrem Leid. Wem auch. Ihrer alkoholkranken Großmutter? Ihrer Mutter, die ihre Tage lieber mit Howard Carpendale verbringt und sich im Schlafzimmer ihre Welt schöner singt und tanzt, statt sich um ihre Kinder zu kümmern? Nina hält die sexuelle Gewalt aus, weil sie ihre Schwestern unbedingt beschützen will. Denn ihr Onkel will sich die Kleinen nehmen, wenn sie nicht willig ist. Damit droht er. Sie denkt, dass sie das verhindern kann, indem sie alles leise erträgt. Ein kindlicher Irrtum.

Hannover, 2008.
"Erst mit 18 habe ich erfahren, dass er mindestens zwei meiner Geschwister genauso missbraucht hat wie mich", erzählt Nina, heute 21. Sie gab sich die Schuld daran. Die Folge: Nervenzusammenbruch, Krankenhaus. Alles Verdrängte kam hoch. Wie Jauche aus der Grube. Der Onkel, der Geruch. Das Ekelgefühl. Bis heute quälen sie Albträume. "Dann fühle ich mich schlecht."

Wie stark sich Traumatisierungen auf Seele und Körper auswirken, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Studien belegen, was naheliegt: Je enger und vertrauter die Beziehung zwischen Opfer und Täter war, desto traumatischer wirkt meist der sexuelle Missbrauch. Je mehr ein Kind einem Erwachsenen vertraut hat und auf dessen emotionale Unterstützung angewiesen war, desto größer ist der Vertrauensverlust, der Verrat, die Enttäuschung, die gefühlsmäßige Zerrissenheit und Verwirrung des Kindes über die erlittene Gewalt.

Eine besondere Bedeutung für das Ausmaß der Folgen haben die Reaktionen der Eltern. Verleugnen Vater oder Mutter den Missbrauch, reagieren sie ablehnend oder gar bestrafend, entwickeln die Kinder ein schwereres Trauma. Es gibt Mütter, die ihre vom Lebensgefährten missbrauchten Töchter sogar beschimpfen: "Du bist die Schlampe, du hast ihn doch provoziert." Für die Kinder ist das ein weiterer Verrat.

Man schaut weg

Auch heute noch gilt Missbrauch als eines der Delikte, die am seltensten gemeldet werden und am schlechtesten kontrolliert sind. Spektakuläre Schicksale wie das der Österreicherin Elisabeth Fritzl im Kellerverlies ihres Vaters spülen zwar das Thema in die Öffentlichkeit. Aber in Wirklichkeit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel geändert - nach wie vor ist die Familie ein Ort, an dem ungestört solche Verbrechen geschehen, weggeschaut, verdrängt, vertuscht wird. In Deutschland werden laut Statistik des Bundeskriminalamts jedes Jahr rund 13 000 Mädchen und Jungen im Alter von einem bis 14 Jahren sexuell misshandelt, vergewaltigt, ausgebeutet für perverse Sexpraktiken und Kinderpornografie. Das sind die angezeigten Taten. Tatsächlich gehen Experten aber von jährlich 160.000 bis 240.000 Opfern aus. Diese Zahlen stammen aus der sogenannten Dunkelfeldforschung, für die auch Repräsentativbefragungen von Erwachsenen zu ihrer Kindheit gemacht werden.

Während Schläge und Vernachlässigung häufiger in sozial schwachen Familien geschehen, finden sexuelle Übergriffe auf Kinder in allen sozialen Schichten statt. Auch Ärzte, Unternehmer, Polizisten und Lehrer sind unter den Tätern, nicht selten gefüttert mit "Anregungen" aus der (Kinder-) Pornoindustrie. Alarmierender Erkenntnisstand der Wissenschaft ist, dass die Hemmschwelle für sexuellen Kindesmissbrauch durch regelmäßigen Konsum von kinderpornografischem Material im Internet schrittweise herabgesenkt wird. Irgendwann reichen die Bilder vielleicht nicht mehr, dann will der Täter selbst erleben, wie es ist, eine Vierjährige zu vergewaltigen. "In den vergangenen zehn Jahren hatten wir immer jüngere Opfer, selbst Babys werden brutal missbraucht. Die Täter sind immer öfter Frauen, und unter den Opfern finden sich vermehrt Jungen", sagt Vera Falck von "Dunkelziffer", einem Hamburger Verein, der sich seit Jahren um sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche kümmert. 1000 Notrufe gehen jährlich allein bei "Dunkelziffer" ein. Das sind drei pro Tag.

Die meisten der Kinderschänder haben keine sexuelle Präferenz ausschließlich für Kinder: Der Anteil der Pädophilen wird auf 20 Prozent geschätzt. In rund 80 Prozent der Missbrauchsfälle stammen die Täter aus dem Familien- und Freundeskreis oder dem näheren sozialen Umfeld.

Lückenhafte Erinnerungen

Eine Stadt in Süddeutschland, 1963. Ein kleines Mädchen liegt nackt auf einem Küchentisch in einer Villa am See. Am Fußende ist ihre Pflegemutter, an den Seiten und am Kopfende stehen ihre drei erwachsenen Stiefbrüder. Auf dem Tisch: ein Kochlöffel und ein Glas Wasser, aus dem sie trinken muss. Später wacht sie im Kohlenkeller auf. Immer noch nackt, ihr Körper geschunden, voller Hämatome.

Hamburg, 2008.
Susanne*, heute 53, sitzt am Tisch bei "Dunkelziffer". Vor ihr liegt ein abgegriffenes Schulheft, in das sie vor Jahren mit Kuli die schreckliche Szene aus der Küche gezeichnet hat und das sie seither mit sich herumträgt. Wie auch den Zettel, auf dem sie 1999 notiert hat: "Blaue Flecken, wo sind sie her? Ich kann niemand fragen; ich muss wieder trinken, versinken, Taumel, Schmerz."

Die Erinnerung an das, was zwischen Küche und Keller passiert ist, lässt Susannes Gehirn bis heute, 45 Jahre später, nicht zu. Die restlichen Puzzleteile fehlen. Das ist nicht ungewöhnlich: Manchmal bleibt bei Opfern diese Lücke, weil die Erinnerung für die Seele zu belastend wäre. Dafür sind die Wahnsinnsbilder aus Küche und Keller ständig präsent: "Es ist wie pausenloses Kopfkino. Küche - Keller - Küche - Keller … Diese Bilder beherrschen mein Leben", sagt sie. Die Folgen ihrer schweren Traumatisierung bringen sie immer wieder in die Psychiatrie. Seit ein paar Jahren kann sie nicht mehr als Innenausstatterin arbeiten. Und damit hat die Vereinsamung noch zugenommen.

Unvermittelt schiebt Susanne die Flügelärmel ihrer weißen Bluse hoch. Schwarze Fäden mit Knoten hängen in langen Reihen auf den Oberarmen. Sie ist genäht worden von den Ärzten. "Ich habe wieder geritzt", sagt sie. "Ich zerstöre mich inzwischen selbst."

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