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Sexueller Missbrauch: "Eine Narbe wird immer bleiben"

Hunderttausende Mädchen und Jungen werden in Deutschland jedes Jahr sexuell missbraucht. Andreas Krüger, Kinderpsychiater und Trauma-Spezialist, spricht im stern.de-Interview über das Leiden der Opfer und das Strafmaß für die Täter.

Viele Opfer leiden auch noch Jahre später unter Flashbacks

Viele Opfer leiden auch noch Jahre später unter Flashbacks

Herr Krüger, kommt sexueller Missbrauch in allen Schichten der Gesellschaft vor?

Ja. Und je besser die soziale Situation des Kindes ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Tat im Dunkeln bleibt. Wir gehen davon aus, dass in Deutschland jedes Jahr Hunderttausende Mädchen und Jungen Opfer sexueller Übergriffe sind.

Mit lebenslangen Folgen?

Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher eine Situation als traumatisch erlebt, entsteht traumatischer Stress und in dessen Folge eine seelische Wunde. Woran man arbeiten kann, ist die Wundheilung. Aber es wird auf jeden Fall eine seelische Narbe bleiben.

Welche konkreten psychischen und psychosomatischen Symptome können infolge eines solchen Traumas auftreten?

Die Langzeitfolgen reichen von Depressionen, Ängsten, Panikattacken, Schlafstörungen und aggressivem Verhalten bis hin zu Selbstverletzungen, zermürbenden Erinnerungen, immer wiederkehrenden Suizidgedanken, Essstörungen, Drogenkonsum. Viele der Betroffenen haben Schwierigkeiten, sich auf Beziehungen einzulassen und sexuelle Probleme - überhaupt etwas zu empfinden. Studien legen zudem nahe, dass frühkindliche Traumatisierungen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, sozial zu scheitern und im mittleren Lebensalter körperlich zu erkranken.

Viele der Opfer leiden auch Jahre später immer noch unter so genannten Flashbacks. Was ist darunter zu verstehen?

Es ist wie Kopfkino, sagen mir meine Patienten. Mit Horrorfilmen. Das Gehirn gaukelt dann dem Bewusstsein vor, die schrecklichen Erlebnisse aus der Vergangenheit fänden jetzt in diesem Augenblick wieder statt - und zwar mit aller Grausamkeit. In dieser Flashback-Situation ist der Mensch nur Schmerz. Das kann soweit gehen, dass es zu Kurzschlusshandlungen kommt: Der Betroffene - es kann auch ein jüngeres Kind sein - versucht, sich das Leben zu nehmen.

Haben auch Menschen, die als kleine Kinder missbraucht wurden, Erinnerungen an ihre schrecklichen Erlebnisse?

Bis zu einem Alter von etwa drei Jahren lässt unser Gehirn nicht zu, dass wir uns an Vorkommnisse vor dieser Zeit erinnern. Lediglich das Körpergedächtnis kann körperliche Verletzungen abspeichern, die dann das Kind, wenn es älter ist, in Form von nicht akut begründbaren Schmerzen belasten - wie etwa starke Unterleibsschmerzen.

Was sind mögliche erste Anzeichen für sexuellen Missbrauch oder versteckte Hilferufe?

Plötzliches Zurückziehen, Depressionen, Essstörungen, Selbstverletzungen, ein nicht altergemäßes, stark sexualisiertes Verhalten, Trennungsängste und auch regressives Verhalten - wenn etwa größere Kinder plötzlich wieder Daumenlutschen oder in der Babysprache sprechen. Auch erneutes Einkoten oder Bettnässen bei nicht mehr ganz kleinen Kindern sind mögliche Anzeichen. Aber man muss genau hinschauen, es kann auch etwas ganz anderes hinter solchen Verhaltensweisen stecken.

Warum dauert es oftmals lange, bis sich die Kinder jemandem anvertrauen?

Häufig passiert das aus der Angst heraus, nicht ernst genommen zu werden. Diese ist nicht unbegründet: Es gibt erschreckend viele Eltern, die ihren Kindern zunächst nicht glauben. Wir sehen bei uns in der Klinik immer wieder Eltern, die das beschämt zugeben. Viele Kinder und Jugendliche schweigen auch aus Scham oder werden vom Täter massiv unter Druck gesetzt. Oder ihr inneres Gleichgewicht ist derart massiv gestört, dass sie nur einen Ausweg finden: vergessen, verdrängen, ausblenden.

Viele Missbrauchsopfer machen sich Selbstvorwürfe...

Wir erleben bei fast allen, dass sie sich Vorwürfe machen, sich selbst die Schuld geben für das, was passiert ist. Zum einen ist da die Argumentationsschiene, die vom Kind selbst ausgeht: Ich hätte es verhindern müssen, ich hätte nicht die Türe öffnen dürfen, ich hätte mich anders anziehen müssen. Und ich hätte mich wehren müssen. Auch wenn das Kind das gar nicht konnte. Zum anderen sorgt in vielen Fällen auch der Täter dafür, dass sich das Kind schuldig fühlt, indem er ihm zum Beispiel vorwirft, eine "Schlampe" zu sein, ihn verführt zu haben.

Je näher der Täter dem Opfer steht, desto schlimmer?

Das Schlimmste, was einem Kind passieren kann, ist, wenn der Täter die Mutter oder der Vater ist. Das ist eine seelische Wunde, bei der man sich fragen muss: Ist sie überhaupt heilbar? Studien haben gezeigt, dass die traumatische Erfahrung für das Kind um so gravierender wird, je enger die Opfer-Täter-Beziehung war, je jünger das Opfer ist, je häufiger es zu sexuellen Misshandlungen kam beziehungsweise je länger dies andauerte. Auch körperliche Gewalt und die Androhung von Strafen verschlimmern die Folgen.

Wie lange dauert eine Therapie im günstigen und wie lange im ungünstigen Fall?

Nehmen wir den Fall eines Mädchens, das von einem Fremden einmalig missbraucht wird, es sofort der Mutter erzählt und diese das glaubt. Die beiden gehen umgehend zu einer Traumatherapeutin, der Täter wird gefasst und kommt ins Gefängnis. In so einem Fall kann es durchaus gelingen, in Wochen bis Monaten erfolgreich zu behandeln. Schwieriger wird es - und das ist leider häufiger der Fall - wenn der Missbrauch über einen längeren Zeitraum geschah, der Täter aus dem Nahfeld kommt und die Mutter davon wusste, also das Kind im Grunde verraten und verkauft hat. Das braucht oft viele Jahre Therapie.

Was wird gemacht in der Traumatherapie?

Die Traumatherapie verläuft in der Regel in drei Phasen. Der Patient erwirbt zunächst Strategien, mit den unkontrollierbaren Gefühlen, die immer wieder hochkommen, umzugehen. Ziel sind Stabilisierung und Distanzierung. Es geht darum, Raum für gute Momente zu schaffen, Ressourcen zu aktivieren, zu lernen, Kraft zu schöpfen. Die Konfrontation mit dem Trauma, das wäre Phase zwei, setzt voraus, dass der Patient stabil genug dafür ist. Durch die konfrontativen Techniken wird - vereinfacht gesagt - dem Gehirn möglich gemacht, die traumatische Erfahrung im Erleben zu begrenzen, ihr einen Anfang und ein Ende zu geben. Die Erlebnisse werden sozusagen in den Schrank mit den Kartons mit den Lebenserfahrungen hineinsortiert. Das heißt: Man kann auch diesen einen Karton mit dem fürchterlichen Erlebnis aufmachen und hineinschauen, ohne überwältigt zu werden. Man kann sich wieder abwenden, anderem zuwenden. Die Integration des Ereignisses in das aktuelle Leben heißt zudem, dass man akzeptiert, dass einem in der Vergangenheit Schreckliches widerfahren ist und dass man Trauer zulässt.

Was müsste in unserer Gesellschaft passieren?

Was jedem Kind, das Opfer wird, helfen würde, wäre, wenn mehr Menschen wüssten, was das mit der kleinen Seele anrichtet. Es werden 560 Millionen Euro gespendet in Deutschland, wenn es gilt, Tsunami-Opfern zu helfen. Es wird aber eher weg geschaut, wenn irgendwo ein Kind in der Nachbarschaft offenkundig Opfer von Missbrauch wurde. Wir brauchen eine Kultur des Hinhörens, des Hinschauens, des Mitgefühls diesen Kindern gegenüber. Außerdem müsste die kompetente Versorgung der Opfer weiter ausgebaut werden. Dazu gehört die Zusammenarbeit von Institutionen und Fachleuten, von der Polizei über die Schule und den Kinderarzt bis hin zum Traumatherapeuten. Es hilft nur bedingt, wenn Therapeuten im Elfenbeinturm sitzen. Es muss gemeinsam dafür gesorgt werden, dass eine optimale Versorgung stattfindet. In Hamburg wird das schon so gehandhabt.

Würden höhere Strafen mehr Täter abschrecken?

Ich wäre dafür, dass ein Täter abhängig vom Alter des Kindes bestraft wird. Man müsste das Strafmaß mindestens so hoch ansetzen, dass das Kind in Ruhe aufwachsen kann, bis es 18 ist. Oder aber die Strafe in der Form zu verändern, dass der Täter nach Abbüßen der Strafe nicht mehr in dieselbe Stadt ziehen darf. Denn die Seele der Kinder kann nur optimal heilen, wenn diese ganz sicher sein können, dass der Täter nie mehr in ihre Nähe kommt. Das Kindswohl müsste noch mehr im Mittelpunkt der Rechtssprechung stehen.

Kann eine Traumatherapie überhaupt funktionieren, wenn beispielsweise ein zehn Jahre altes Mädchen bei ihrer Mutter bleibt, von der sie weiß, dass diese die ganze Zeit vom sexuellen Missbrauch durch den Vater wusste?

In der Regel verlieren solche Kinder dann beide Eltern, weil auch das Nichteinschreiten ein Straftatbestand ist. Das ist tragisch, aber dieses "Großreinemachen" ist oftmals notwendig, um dem Kind einen vernünftigen Boden für eine gute Entwicklung zu geben. Wenn die Traumatherapie eingebettet ist in soziale Hilfsmaßnahmen, die das Kindswohl sichern, kann später vielleicht auch eine Annäherung zwischen Mutter und Kind möglich sein. Eine Heilung in der Umgebung, wo die Mutter Mittäterin war, weil Mitwisserin und Dulderin, ist aus meiner Sicht nach schwerem, andauerndem sexuellen Missbrauch unmöglich.

Literatur:

Andreas Krüger: Erste Hilfe für traumatisierte Kinder, Patmos 2007 Andreas Krüger; Luise Reddemann: Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie für Kinder und Jugendliche, Klett-Cotta 2007 Andreas Krüger, Akute psychische Traumatisierung bei Kindern und Jugendlichen, Klett-Cotta 2008

Interview: Anette Lache