HOME

Inzest: Für immer im Niemandsland

Ulrike Dierkes, Buchautorin aus Stuttgart, erfuhr mit elf Jahren, dass ihre Schwester vom eigenen Vater missbraucht worden war und dass sie, Ulrike, das Kind dieser Vergewaltigung ist. stern.de sprach mit der Autorin über die Folgen für die Inzestkinder von Amstetten und die angemessene Strafe für den Täter.

Von Ingrid Eißele

Drei der sieben Inzestkinder von Amstetten führten im oberen Stockwerk des Hauses ein beinahe normales Leben. Sie besuchten die Schule, trieben Sport, nahmen an Ausflügen teil. Jetzt erfahren sie, dass der Großvater auch der Vater ist. Was bedeutet so eine Nachricht für die beiden Mädchen und den Jungen, der erst zwölf ist?

Was wirklich passiert ist, verstehen die Kinder zunächst überhaupt nicht. Die sind erstmal schockiert von diesem Polizeiaufgebot und dem Medienrummel. Zu erfahren, dass der Opa im Gefängnis ist, genügt, damit ihre Welt zusammenbricht. Sie wissen doch gar nicht, was sie glauben sollen. Die ganze Wahrheit werden diese Kinder erst so nach und nach erfahren. Sie werden sie nur scheibchenweise an sich heranlassen können.

Ist es denkbar, dass die Kinder, die bei der Großmutter ein halbwegs intaktes Leben führten, ohne seelische Deformation davon kommen?

Wohl kaum. Es gibt allerdings Unterschiede in der Verarbeitung. Jeder Mensch ist anders. Manche Kinder entwickeln Selbstheilungskräfte. Ohne professionelle Hilfe wird es keines dieser Kinder schaffen, denn das ist ein langer Prozess. Der kann genauso lange dauern wie dieses Inzestverbrechen...

Sie meinen 24 Jahre...

Ja.

Von wem haben Sie erfahren, dass Sie ein Inzestkind sind?

Von meiner Großmutter, also von der Frau meines Vaters, die ich bis dahin für meine Mutter gehalten hatte.

Erinnern Sie sich an Ihre Reaktion?

Ich war wie betäubt, ich verstand überhaupt nichts. Das klang alles so absurd und komisch. Ich glaubte damals ja noch an den Storch. Wie sollte ich mir mit elf Jahren so eine Grausamkeit vorstellen können? Das können sich doch nicht mal Erwachsene richtig vorstellen.

Haben Sie danach erstmal verdrängt?

Das Nichtverstehen am Anfang wirkte wie ein Schutz. Mit der Pubertät kommen dann die Fragen, hunderttausend Fragen, jeden Tag eine neue, die nehmen immer mehr Raum ein. Ich wollte alles wissen, aber ich war zugleich schockiert und verzweifelt, ich konnte mich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Es ist nicht so, dass Gras über die Sache wächst, im Gegenteil. Man ist in einem Niemandsland.

Gab es Erwachsene, die Ihnen halfen?

Nein.

Wie gingen Sie damit um, dass in Ihrer Familie nichts mehr stimmte?

Zeitweise hatte ich Selbstmordgedanken, weil es so unerträglich war. Meine Strategie war zunächst, mir das schön zu malen. Ich wünschte mir, meine leibliche Mutter und mein Vater könnten als Paar zusammen sein und dann käme schon alles in Ordnung. Dass er gewalttätig war, erfuhr ich erst nach seinem Tod, als ich die Akten und Gerichtsprotokolle las und erfuhr, was da tagtäglich vor sich gegangen war. Da war ich dreißig. Bis dahin hatte ich mir eingeredet, dass die beiden sich geliebt hatten. Ich konnte die Wahrheit nur so ertragen.

Was hat Ihnen geholfen, damit fertig zu werden?

Ich habe schon mit elf Jahren angefangen zu schreiben, Gedichte und Tagebuch, später schrieb ich für die Schülerzeitung. Über das Schreiben konnte ich mit der Außenwelt kommunizieren. Das war wichtig, denn Inzest bedeutet Isolation, der Täter schottet sich und die Opfer ab, die Umgebung schaut weg, so war es auch bei mir. Das ist ein geschlossenes System. Durch das Schreiben konnte ich mich öffnen, mich selbstbestimmt darstellen. Mit 18 schrieb ich das als Geschichte einer Vater-Tochter-Liebe auf, das war natürlich Quatsch mit Soße, aber erst mit dreißig war ich in der Lage, meine Sichtweise zu korrigieren. Aus diesen Aufzeichnungen wurde 1995 mein erstes Buch. Es sollte zugleich der Schlussstrich unter dieses Drama sein.

Was Ihnen aber nicht gelang.

Ich dachte bis dahin, es gibt keinen anderen Menschen, der so eine Geschichte erlebt hat, und plötzlich kamen viele Leserinnen, die ähnliches erlebt hatten. Ich habe daraufhin den Verein Melina e.V. gegründet, der Inzestopfern und Inzestkindern hilft.

Wer sind die Mitglieder?

25 Inzestmütter und Inzestkinder mit ihren Familien.

Gibt es Schätzungen, wie viele Kinder aus Inzestbeziehungen hervor gehen?

Ein Großteil aller Missbrauchsfälle passieren innerhalb der Familie. Mir selbst sind im deutschsprachigen Raum etwa 500 Fälle von Inzestkindern allein aus den zwölf Jahren meiner Vereinsarbeit bekannt, viele dieser Kinder wurden zur Adoption freigegeben. Von vielen erfährt keiner etwas. Sie werden abgetrieben, kommen als Totgeburten zur Welt oder sterben kurz danach. Die Dunkelziffer ist hoch. Bei mir melden sich nur Inzestopfer und Inzestkinder, die die Kraft haben, manchmal erst zwanzig Jahre später. Erst vor ein paar Tagen schrieb ein Mädchen, sie sei von ihrem Vater schwanger. Ich weiß von Frauen, die fünf, sechs Kinder vom Bruder, Vater oder Großvater bekamen.

Das klingt unglaublich...

Ja, aber Amstetten ist nicht so ungewöhnlich wie man denkt. Ungewöhnlich ist das jahrzehntelange Einsperren im Keller, nicht aber die Vergewaltigung von Familienangehörigen und dass daraus Kinder entstehen. Das ist Alltag.

Was konkret lässt Sie das glauben?

Es gibt immer wieder Babys, die tot in einer Plastiktüte oder in der Mülltonne gefunden werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Teil dieser Kinder aus Vergewaltigungen in der Familie stammen. Das ist die naheliegende Erklärung. Denn die Zeiten, als ein uneheliches Kind eine Schande bedeutete, sind vorbei. Das einzige Tabu sind Kinder aus Inzestbeziehungen.

Welche Gefühle haben Sie heute für Ihren Vater?

Hass, Abscheu und Verachtung.

Das klingt so, als wäre das noch lange nicht verarbeitet.

Mein Vater ist tot. Würde er noch leben, würde ich ihm eine Rechnung schicken für all die Therapien, die ich machen musste, das waren bestimmt 150.000 Euro. Noch schlimmer ist es für jene Inzestkinder, die durch eine Erbkrankheit lebenslang behindert sind und noch nicht mal als Verbrechensopfer anerkannt werden.

Welche Strafe halten Sie für Josef F. für angemessen?

Er sollte auf jeden Fall eingesperrt werden und einmal in den Genuss des Gefühls kommen, wie es ist, in einer kleinen Zelle zu leben. Ich bin sicher, da kriegt dieser Mann Panik. Diese Täter werden ganz schnell weinerlich und hochempfindlich, wenn es um sie selbst geht.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrer Schwester, die Ihre Mutter ist?

Nein, ich sah sie zuletzt vor 18 Jahren, aber wir konnten keine gemeinsame Ebene finden. Ich erinnere sie an den Täter, sie kriegt Zustände, wenn sie mich sieht. Ich hätte sie schon als Mutter gebraucht. Aber sie kann mir keine Mutter sein.

...und keine Schwester.

Keine Mutter, keine Schwester. Kein Vater, kein Großvater. Das ist das Schicksal von Inzestkindern.

Themen in diesem Artikel