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Interview mit Steven Seagal: Das Phantom aus der Wüste

Der einstige Action-Star Steven Seagal lebt heute im Niemandsland von Arizona. Stern.de hat ihn dort in seiner Finka besucht.

Von Frank Siering, Los Angeles

So ein bisschen wirkt Steven Seagal wie ein Phantom. Irgendwie weiß jeder, dass es ihn gibt. Aber wo er lebt, was er treibt, wie es ihm geht, diese Fragen können nur ganz wenige beantworten.

Steven Seagal mag es so am liebsten. Sein gesamtes Leben gab es wüste Gerüchte um seine Existenz. Der Kampfsportler, Seagal besitzt den siebten Dan, wuchs in Japan auf. Dort betrieb er ­ zumindest offiziell viele Jahre lang ein Aikido-Dojo. Nebenbei, so die Legende, habe er als tibetanischer Freiheitskämpfer im Untergrund fungiert. Darauf angesprochen, zieht er die Augen ganz eng zusammen und bleibt still. Seagal beantwortet Fragen auf seine politischen Aktivitäten in Asien nicht.

Auch solche nicht, die ihn mit Undercover CIA-Agenten oder der Mafia in den USA in Verbindung bringen. Nur soviel sagt er: Der Polizei und den Hütern des Gesetzes stand er immer schon sehr nahe. Er hat nicht nur eine Ausbildung zum Hilfssheriff absolviert, auch hat er es geschafft, mit dieser Einstellung eine Karriere als TV- und Kinostar aus dem Boden zu stampfen.

Seagal spielte immer den draufhauenden Cop, den Helden, der keine Gnade kannte. Alte Schule. So wie Charles Bronson oder Clint Eastwood. Filme wie "Hard to Kill", "Das Brooklyn Massaker" oder "Alarmstufe: Rot" waren wahrlich keine Meisterwerke, aber fanden jahrelang ein Publikum.

Seagal als Cop in der Serie "True Justice"
Ende der 90er-Jahre schien die Kinokarriere von Seagal vorbei zu sein. Seine letzten Filme ("Fire Down Below", "The Patriot") floppten an der Kinokasse. Seagal wurde wieder zum Phantom und verschwand von der Bildfläche.

Bis jetzt. Wer dieser Tage durch Zufall am Donnerstagabend zum US-Spartensender AXN herüberzappt, der kann den einstigen "härtesten Cop aller Zeiten" neu entdecken. In der 13-teiligen Serie "True Justice" (läuft noch bis März) spielt er die Hauptrolle.

Etwas fülliger als früher, die Haare noch immer zum Pferdeschwanz gebunden, aber ganz offensichtlich stark ausgedünnt. Seagal spielt, was er immer gespielt hat. Den harten Bullen, der mit Verbrechern kurzen Prozess macht.

Der mittlerweile fast 60-jährige Amerikaner lebt heute in Arizona. Mitten in der Wüste, fernab von dem Trubel der Großstadt. stern.de besuchte den Altmeister in seiner Finka. Inmitten seiner vielen Gitarren, der Blues-Musiker Seagal sammelt alte Saiteninstrumente, in seiner sehr asiatisch anmutenden Zen-Villa sprach er einen Vormittag über vergangene Zeiten, Fehler, neue Aufgaben und berühmte Lehrer.

Sie wohnen ziemlich weit draußen. Die Wüste gefällt Ihnen?
Ja, ich mag die Ruhe. Wir lieben den Tag, weil da die Sonne scheint, und wir lieben die Nacht, weil da der Mond am Himmel leuchtet.

Viele Fans, die den Namen Steven Seagal hören, assoziieren damit sofort den harten Knochen. Sind Sie das wirklich?
Nun, ich bin ein Sheriff im wirklichen Leben, und ich mag keine "bad guys". Die müssen wir einfangen und vor ein Gericht stellen. Da bin ich ganz einfach gestrickt. Und wenn sie weglaufen, dann müssen wir halt schneller laufen.

Sie sind aber auch Musiker, Schauspieler und Kampfsportler. Wie sollen sich die Fans an Steven Seagal erinnern?
Über Erinnerungen rede ich ungern. Noch lebe ich ja.

Warum sind Sie eigentlich Polizist geworden?
Ich habe zu viele Dinge gesehen, die scheußlich waren. Junge Frauen, die vergewaltigt wurden, Mörder, Schwerverbrecher, Kidnapper. Deshalb habe ich mich entschlossen, meine Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen. Ich glaube, dass Gott mich beschützt, und ich glaube, dass ich viel Gutes tun kann.

Gibt es Dinge, die Sie bereuen, wenn Sie auf ihre lange Karriere zurückblicken?
Ja. Ich war nicht immer besonders diplomatisch. Wenn ich mich von jemandem betrogen fühlte, dann habe ich ihm das ins Gesicht gesagt. Auch wenn es sich dabei um Führungskräfte gehandelt hat. Das würde ich heute vielleicht anders machen.

Hat diese direkte Art ihrer Karriere im Showbusiness geschadet?
Am Anfang vielleicht nicht, weil die Studios viel Kohle mit mir verdient haben. Aber später, als meine Filme nicht mehr soviel Geld eingespielt haben, da schon eher.

Was für eine Beziehung haben Sie heute zu Hollywood?
Ich nenne Hollywood heute das Kannibalenhaus, weil sich alle Schauspieler gegenseitig auffressen wollen, um somit der einzige Star zu sein, der einen Job bekommt. Es ist ein Haifischbecken, keine Frage.

Wie verbringen Sie heute ihre Tage?
Nun, ich schreibe, ich mache Musik, ich arbeite als Polizist. Ich habe meine Familie um mich herum, meine Spiritualität und mein Glaube an Gott halten mich in der Balance.

Wie kam dieses Projekt "True Justice" zustande?
Ich wollte einfach eine Cop-Show kreieren, die realistisch ist. Und diese Show stellt das Leben von Polizisten in einem wirklich realen Umfeld dar. Ich habe sie zusammen mit echten Polizisten geschrieben, keine arroganten Hollywood-Schreiberlinge, die sowieso keine Ahnung haben von der Materie.

Sie hören sich leicht verbittert an.
Bin ich auch. Es laufen so viele Arschlöcher rum in Los Angeles, die glauben, dass sie alles besser wissen. Das war auch ein Grund, warum ich raus musste aus Kalifornien.

Deshalb also der Umzug nach Arizona?
Ja, das war einer der Gründe. Hier habe ich meine Ruhe.

Sie sind ein guter Freund des Dalai Lama, stimmt das?
Ja, das stimmt. Er ist einer meiner Lehrer. Ich bewundere ihn. Meine Frau und ich befolgen noch heute täglich unsere tibetanischen Reinigungsrituale.

Sie sind als Sammler bekannt. Was sammeln Sie?
Außer meinen Gitarren? Ich hatte mal die beste Samurai-Schwert-Sammlung ausserhalb von Japan. Aber die meisten Schwerter musste ich verkaufen. Heute sammel ich taktisches Polizei-Equipment. Und ich habe viele Waffen im Schrank. Maschinenpistolen, Gewehre, Pistolen.

Was halten Sie denn von dem Thema staatlicher Waffenkontrolle. Es wird immerhin heiß in den USA diskutiert?
Wenn Du den legalen Waffenbesitz verbietest, dann haben bald nur noch die Verbrecher Pistolen und halbautomatische Waffen. Das kann nicht die Lösung sein.

Und, was ist die Lösung?
Der Grund dafür, warum Kids in Gangs durch die Straßen laufen ist doch das Versäumnis von ordentlicher Familienpolitik. Wenn wir der Familie und den Werten einer Familie wieder mehr Beachtung schenken, dann werden wir auch weniger Gewalt auf den Straßen haben.