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Wintererprobung am Polarkreis: Winterparadies

Im nordschwedischen Arjeplog, unweit vom Polarkreis sagen sich Fuchs und Elch gute Nacht. Rund acht Monate im Jahr liegt das 3.100-Seelen-Nest im Dornröschenschlaf. Ende Dezember fallen die Autotester in die verträumte Winterlandschaft ein.

Arjeplog, irgendwo im nordschwedischen Niemandsland zwischen Arvidsjaur und dem Polarkreis gelegen, erwacht Ende jeden Jahres zum Leben. "Ich freue mich auf die Zeit, wenn die Autotester kommen", erzählt Bürgermeister Bengt-Urban Fransson, "es ist einfach schön, zu sehen wie lebendig und international hier dann alles wird." Die Geschäfte öffnen, die Hotels reaktivieren ihr Personal und die örtlichen Tankstellen werden über Nacht zu Großkunden der skandinavischen Petrochemie.

Arjeplog gilt in den Wintermonaten gemeinhin als weltweit wichtigste Region für Autotests. Die Winter sind kalt, trocken, kalkulierbar und die zugefrorene Seenlandschaft wird zum Testmekka. "Es gibt kaum einen Hersteller, der im Winter nicht hier ist", erzählt Wilhelm Cordes, Leiter des örtlichen BMW-Stützpunktes, "die Möglichkeiten für Autotests sind ideal." Das verschlafene Örtchen ist für knapp vier Monate der geheime Szenetreff der Autoindustrie. Auf den verschneiten Straßen sieht man weit mehr bis zur Unkenntlichkeit verunstaltete Prototypen als Privatfahrzeuge der Anlieger. Hier ein verkleideter Fiat-Transporter, da der zukünftige BMW X6 und ein paar hundert Meter weiter biegt gerade der neue VW-Pick-Up um die Ecke. Die Fahrzeuge sind beplankt und verklebt, so dass die meist erst in einigen Jahren auf den Markt kommenden Prototypen ihre wichtigsten Geheimnisse so lange als möglich für sich behalten. Die einzelnen Testgelände sind stark abgesichert; gleiches gilt für die Eisseen, die seit Mitte November von den "Icemakers" rund um Lars Sundström und Mattias Jonsson für die Autoindustrie vorbereitet werden. "Wir arbeiten zwischen vier und acht Uhr auf den Eisflächen, damit alles für Autotests vorbereitet ist", erzählt Mattias, der auch schon als Testfahrer bei VW und Computerexperte in Stockholm gearbeitet hat. Jetzt geht es Nacht für Nacht mit Spezialfräsen und Poliermaschinen auf die Eisseen.

"Die Tankstellen sind unsere Achilles-Ferse"

Außer der Autoindustrie gibt es in Arjeplog nicht viel. Ein COOP-Markt, eine handvoll kleiner Geschäfte, die Lokalpostille "Arjeplog Times" und zwei Tankstellen. "Die Tankstellen sind unsere Achilles-Ferse", bekennt Stefan Hache, Leiter der Entwicklung Gesamtfahrzeug für Mercedes S- und CL-Klasse, "irgendwann müssen schließlich auch unsere Prototypen einmal zum Tanken." Erlkönigjäger fallen in den Wintermonaten ebenfalls in Arjeplog ein. "Manchmal ist schon abenteuerlich, was die machen, um an ein Foto zu bekommen", so BMW-Entwicklungsingenieur Oliver Jung, "da werden Straßen versperrt und Kollegen ausgebremst." Die Autohersteller testen in der Region nicht nur Kaltstartverhalten, Motor- und Getriebekonfigurationen, sondern insbesondere die Regelsysteme der Fahrzeuge. "Wir sind sozusagen der erste kritische Kunde und überprüfen die Eigenschaften der Fahrzeuge", erzählt Oliver Jung am Steuer eines getarnten Prototypen. Rund drei Wochen fühlt er den neuen Modellen auf den Zahn - sechs Tage die Woche, zehn Stunden am Tag. Dann geht es kurz zurück nach München und weiter Richtung Miramas oder Nürburgring.

"Die letzte Mine hat hier im Jahre 2002 geschlossen. Wir bemühen uns langsam, einen Tourismus aufzubauen", erzählt Bürgermeister Bengt-Urban Fransson, "einfach ist das nicht. Ohne die Autoindustrie wären wir hier einfach nichts. Im Sommer sind die Hotels daher zumeist geschlossen. Im Winter sind wir dagegen komplett ausgebucht." Kein Wunder - gibt es in Arjeplog für die rund 2.000 Testfahrer und Servicekräfte gerade einmal 600 Hotelbetten. Viele sind daher gezwungen auf eines der 170 Privatquartiere auszuweichen. Arjeplog war weitgehend unbekannt und wurde Anfang der 70er Jahre durch Zufall von der Autoindustrie entdeckt. "Es gab Firmen, die im 500 Kilometer nördlich gelegenen Kiruna getestet haben und denen bei einem Tankstopp die Landebahn auf einer Eisfläche auffiel", blickt Bürgermeister Fransson zurück. Was 1973 begann und sich durch das starke Engagement von Firmen wie Bosch und Mercedes-Benz vor rund 30 Jahren fortsetzte, hat sich mittlerweile in die Entwicklungsabteilungen aller Hersteller und Zulieferer herumgesprochen.

Täglich 200 bis 250 Leute auf dem Testgelände

BMW, Mercedes, Delphi, Audi und General Motors gehen ebenso auf Straßen und Eisseen rund um Arjeplog auf Erprobungstouren wie Kia, Hyundai, Peugeot oder Porsche. "Nein, eine Häufung von Unfällen haben wir hier noch nicht feststellen können", erzählt Fransson, "wir haben hier drei Polizisten, die in Arjeplog stationiert sind - zumindest tagsüber und in der Woche." Wenn eine Armada von dunkel verklebten Prototypen über die Hauptstraße fährt, dreht sich kein einziger Einwohner von Arjeplog um. Bengt-Urban Fransson: "Die Leute hier wissen, wie wichtig die Autoindustrie für sie ist. Nur als in den 90er Jahren einmal eine handvoll Rolls Royce vor dem COOP-Laden standen, haben sich doch einige umgedreht."

Pro Saison bringen die Autofirmen 450 Millionen Kronen, umgerechnet rund 45 Millionen Euro, in die 13.000 Quadratmeter große Kommune. Was Arjeplog fehlt, ist ein Flughafen. "Die Entwicklungsabteilungen fahren einen Teil der Prototypen auf eigener Achse hier hoch. Das sind 2.300 Kilometern in vier Tagen", so BMW-Koordinator Wilhelm Cordes, "die wechselnden Teams fliegen dann mit einem Industriecharter von Fly-Car ins 80 Kilometer entfernte Arvidsjaur und dann geht es weiter hierhin." Die Teams der Autotester sind ebenso groß wie vielfältig. "Bei uns sind täglich rund 200 bis 250 Leute auf dem Testgelände", erzählt Bernd Löper, Entwicklungsverantwortlicher für die Brennstoffzellenfahrzeuge bei Mercedes-Benz. Auch Firmen wie BMW, Magna, Bosch, Opel oder Volkswagen haben täglich mehrere hundert Ingenieure und Entwickler in der Region Arjeplog im Einsatz. Für die letzten geht es Anfang April zurück - und dann weiter auf die nächste Teststrecke irgendwo auf der Welt.

Stefan Grundhoff; press-inform / press-inform

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