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Die Welt in Listen: Sechs CD-Editionen für Besserverdiener-Punks

Zwischen Downloads und Vinyl taumelt die CD dem Niemandsland entgegen. Letzte Rettung: opulente Sonder-Editionen. Und die machen nicht mal vor Punk Halt. Jüngstes Beispiel: die XXL-Box von The Clash.

Von Ingo Scheel

Joe Strummer wollte nur kurz mit dem Hund gehen. Es sollte sein letzter Spaziergang werden. Der einstige Clash-Sänger und Gitarrist, Lichtgestalt der britischen Punk-Ära, starb am 22. Dezember 2002 in seinem Haus in Somerset an einem zuvor nicht diagnostizierten Herzfehler. Dabei hatten die Original-Mitglieder der größten Band des britischen Punkrock gerade zum ersten Mal nach etlichen Jahre wieder gemeinsam Musik gemacht. Das Wort von der Reunion machte die Runde. Ein Wunsch, der unerfüllt bleiben sollte.

Jetzt gibt es so etwas wie das Vermächtnis der legendären Politpoppunks, das "Sound System", eine - ja, man muss es so sagen - unglaublich fette Box von einer Sonderedition, die einmal mehr zeigt, dass sich auch die einstigen Konsumverweigerer ansehnlich kompilierte und schmuck verpackte Nostalgie etwas kosten lassen. Hier sind sechs Boxen, frei nach der Devise: Punkrock, ja bitte, aber gepflegt muss er sein.

1. The Clash - Sound System (Sony)

Ein mächtiger Schuber in Ghettoblaster-Optik, darin enthalten die ersten fünf Alben der Band - vom selbstbetitelten Punk-Debüt über das Epos "London Calling" bis zu "Combat Rock" mit dem größten Hit der Band, "Rock the Casbah", in vorzüglich remasterter Version. Ergänzt wird das prächtige Package mit Patches, Aufklebern und Buttons, Poster, Session-CDs, Promo-Videos, den Faksimiles des legendären Fanzines "The Armagideon Times" und einigen Preziosen mehr. Bigger, better, more - die Briten hatten schon zu Zeiten ihres Bestehens einen Hang zur XL-Größe, dem Doppelalbum "London Calling" ließen sie nicht umsonst mit "Sandinista!" ein Triple folgen. (VÖ: 6. September 2013)

2. Sex Pistols - Never mind the Bollocks (Universal)

Wie man mit nur einem Album auf immer Musikgeschichte schreibt, haben Johny Rotten und seine Mannen schon Ende der 70er Jahre sehr überzeugend demonstriert. Wie man selbiges zu einem knalligen Luxus-Schuber aufbläst, das belegt die Box zum Kern-Album des UK-Punk. "Ever get the feeling you've been cheated?", greinte Rotten einst nach dem letzten, offiziellen Konzert der Pistols im "Winterland" in San Francisco, Anfang 1978. Diese Frage kann man in Sachen Bollocks-Box eindeutig beantworten: Nö! Es gibt CDs, Poster, Badges, alles für den Jungen im Best-Ager-Punk. Und für den Coffeetable dazu noch einen opulenten Bildband mit der ebenso kurzen wie nachhaltigen Historie der Sex Pistols.

3. The Damned - Damned Damned Damned (Universal)

Die Pistols hinterließen in der Historie den größeren Abdruck, die Verdammten jedoch veröffentlichten am 14. Februar 1977 das erste offizielle Album des UK-Punks. Das verpacken Vanian und Co. nun einen dicken Schuber mit massig Extras, wie etwa Peel-Sessions, Live-Aufnahmen, Interviews, Stammbaum-Poster (!), Badges - Punkerherz, was willst Du mehr? Vielleicht das selbe Päckchen noch einmal für die zwei Jahre später erschienene "Machine Gun Etiquette"...

4. The Ramones - Weird Tales the Ramones (Rhino)

Opulenz ist ihre Sache nicht. Wer die Songs der Ramones kennt, weiß um die schlichte wie effektive Philosophie von Joey, Johnny, Dee Dee und - dem einzig noch Lebenden der Ur-Formation - Tommy Ramone. Auch die "Weird Tales" sollte man sich besser von Manager Monty Melnick und seinem famosen Buch "On the Road with the Ramones" erzählen lassen. Dennoch ist die 3-CD-1-DVD-Box der "Hey, Ho, Let‘s Go"-Punks ein Muss für alle Punkophilen von gestern und heute. Alle Hits von "Blitzkrieg Bop" bis zur Liebeserklärung von Motörhead, "R.A.M.O.N.E.S.", zeitlos wie ein Riss in der Jeans, knapp unter dem Knie.

5. The Jam - The Gift (Polydor)

Der Name ist nicht falsch zu verstehen - geschenkt gibt es diesen veritablen Brocken ganz sicher nicht. Und auch dem guten, alten Punkrock hatte Weller - dessen Mod-Furor und Angry-Young-Men-Gestus ihn als Anzugträger in der First Wave of British Punkrock verankerte - längst vor dieser Platte abgestreift. "The Gift" war 1982 das Abschiedsalbum der Band. Weller ließ seine Mitstreiter Buckler und Foxton konsterniert zurück, er selbst machte sich via Style Council auf in die Welt von Designer-Agitpop, Blue Eyed Soul und Seitenscheitel-Frisuren. Der Schuber hier tröstet noch einmal jene vielköpfige Schar der Anhänger des Modfathers, die am vielbeweinten Split der beliebtesten Brit-Band der 70er/80er-Wende bis heute knabbern.

6. Die Toten Hosen - BallastDerRepublik (JKP)

An Tagen wie diesen sollte man auch als Hosen-Fan ausreichend Penunse im Portemonnaie haben. Dafür gibt es dann aber auch einiges im Gegenzug: Jubiläums-Aufkleber, Jubiläums-Aufnäher, Jubiläums-Metallpin, Jubiläums-T-Shirt. Ach ja - Musik gibt es natürlich auch zum 30. Jahrestag der Gründung dieser Düsseldorfer Institution. Das aktuelle Album, dazu ein Cover-Album mit Hosen-Versionen so unterschiedlicher Klassiker wie "Schrei nach Liebe" von der Berliner Konkurrenz, den Ärzten, Kraftwerks "Das Modell", "Computer-Staat" von Abwärts und einiges mehr.