Messdiener Routinier im Namen des Vaters


Heinrich Rochlitz hat sechs Päpste, zwei Kirchen und einen Flugzeugabsturz überlebt. Die Weltwirtschaftskrise und das zweite Vatikanische Konzil haben ihn schwer strapaziert. Mit 75 Jahren Dienstzeit ist Rochlitz fast doppelt so lang im Amt wie die meisten Pfarrer, denen er assistiert.
Von Simon Kremer

Der Brief ist fast eine Art Ritterschlag. Fünf Tage vor Ostern hat Heinrich Rochlitz das Schreiben des Hamburgischen Erzbischofs im vergangenen April bekommen. "Es gibt zwar keine Statistik" schreibt Werner Thissen darin, "aber ich vermute, dass Sie einen Rekord aufstellen". 75 Jahre im Amt des Messdieners seien ein wunderbares Glaubensbekenntnis.

Rochlitz sitzt ganz aufrecht am Esstisch in seinem Wohnzimmer. Die Beine überkreuz geschlagen, die knittrigen Hände gefaltet. Die weißen Haare sind wie mit dem Lineal gezogen nach hinten gekämmt, den Krawattenknoten hat er völlig symmetrisch gebunden. Genauso geordnet erscheint auch der Rest der vier Zimmer Wohnung im Altenwohnheim der Kieler St. Joseph-Gemeinde, keine zwanzig Meter von der Kirche entfernt. Eine Couch und zwei abgewetzte Sessel im vergilbten Grünton stehen im Halbkreis auf den Fernseher ausgerichtet.

Auf dem niedrigen Tisch liegt die Biographie von Papst Benedikt - "Leben und Auftrag". An der Wand hängt ein Marienkalender. Mit Kugelschreiber sind Termine eingetragen: Friseurbesuch der Frau, Seniorencafé, ein Arzttermin. Nicht eingetragen hat Rochlitz, dass er jeden Morgen 500 Meter schwimmt, nachmittags eine Stunde mit seiner Frau spazieren geht und die fünf Messen pro Woche, die er besucht. Daran denkt er auch so.

Rochlitz' Beziehung zur heutigen Jugend

Ein schmaler Ordner archiviert Stationen aus Rochlitz' Leben. Fotos, die ihn mit seiner Frau zeigen: Bei der Hochzeit vor dem Altar, beim Wiederaufbau der zerstörten Kirche, bei einem Treffen mit dem christlichen Kolpingverein. Dazu Zeitungsberichte über die Gemeinde. Aus einer Klarsichthülle nestelt er seine erste Anerkennung für das Dienen hervor: Eine zerknitterte und vergilbte Urkunde aus dem Jahr 1937 - "für fünfjährigen treuen Dienst zur Erinnerung".

Wenn Rochlitz über die Kirche redet schimpft er als erstes über die heutige Jugend. "Viele kommen gar nicht erst, obwohl sie eingetragen sind zum Dienen." Deswegen müsse er überhaupt erst einspringen. Und wenn sie denn mal da seien... Dann? "Dann verlieren die oft die Haltung, bohren in der Nase - vor der ganzen Gemeinde. Die sind sich ihrer Stellung am Altar gar nicht bewusst".

Ein wenig abgeschieden liegen Altenheim und Kirche hinter einer mannshohen Hecke versteckt im Kieler Stadtteil Gaarden. Eine Oase aus roten Backsteinen mit 36 kleinen Wohnungen. Hinter der Tür mit der Nummer 18 und dem Segen der heiligen drei Könige lebt Rochlitz mit seiner Frau. Es ist fast idyllisch, vom Lärm der Hauptstraße und der schwerhörigen Nachbarin mit ihrer durch die Wände drückenden Fernsehgerichtsshow einmal abgesehen.

Heute wohnt er da, wo er getauft wurde

Vor 85 Jahren stand die St. Joseph Kirche noch da, wo heute das Altenheim ist. Genau an der Stelle, wo er heute wohnt sei er getauft worden, erzählt Rochlitz. Vermutlich werde er hier auch sterben. Es sei eben ein Altenheim, wirft Rochlitz' Frau ein. Ein ständiges Kommen und Gehen. Hier warte jeder auf den Tod. Als die erste Kirche im zweiten Weltkrieg zerstört wurde, weil die Kieler Werft direkt nebenan eine der ersten Ziele der Bomber gewesen sei, war Rochlitz selbst an der Front. Vier Tage vor Heiligabend hatte man den 21-jährigen Elektriker von der Werft abberufen und zur Luftwaffe geschickt. Mehr ist nicht zu erfahren über die letzten 85 Jahre.

Nur von seiner Rückkehr nach Kiel berichtet er. Die alte Wohnung war zerstört, als Rochlitz ´46 zurück kam. Ein paar Bücher habe er gefunden. Darunter einen alten Schulatlas. In den Seiten eingeklemmt fand er die vergilbte Urkunde von Ostern 1937.

Dann steht Rochlitz auf und macht sich auf den Weg in Richtung der 1957 neu aufgebauten Kirche. Damals hat er das Dach noch selbst mitgedeckt. Ende der 80er musste die Kirche abgerissen werden. In der mittlerweile dritten Kirche am Gaardener Ostring hat Rochlitz vor sechs Jahren die goldene Hochzeit mit seiner Frau gefeiert.

Rochlitz traut sich kaum noch vor die Tür

Er hat jetzt sogar einen eigenen Schlüssel zu der Kirche, die ihm viel zu modern ist. Innen ist es kühl, nicht nur wegen der Luft. Auch die kahlen, grauen Betonwände strahlen Kälte aus. Etwas mehr als zehn Doppelreihen Sitzbänke bieten zu viel Platz für die wenigen Gottesdienstbesucher. Die Bänke passen sich der Umgebung an. Sie sind grau. Die Sitzpolster grau-blau. Ein menschengroßes Metallkreuz an der Front mit dem gekreuzigten Jesus, aufgenagelt auf ein Stück Strandgut. Davor steht Heinrich Rochlitz. Die Kirche ist sein Auftrag, sein Lebensmittelpunkt.

Selten geht er noch raus in den Stadtteil, in dem 25 Prozent Ausländer sind und nur sechs Prozent katholisch. In diese andere Welt traue er sich kaum noch mit seiner Frau, sagt Rochlitz. Schon gar nicht abends. Er ist misstrauisch. Nicht gegen alles, aber gegen jeden. Wenn jemand anruft nennt er seinen Namen nicht und wartet ab, bis sich das Gegenüber vorgestellt hat, während er den lautgestellten Hörer weit weg vom Ohr hält. Wenn das Telefon mehr als drei Mal am Tag klingelt ist ihm das schon zu viel. Es passt nicht in seinen durchdeklinierten Tagesablauf.

Rochlitz sagt, er wolle sich nicht aufgeben, wie die meisten anderen Senioren. In der Kirche hat er eine Gemeinschaft und eine Aufgabe. Er dient, liest die Lesung, wechselt Glühbirnen. Den meterlangen Riss, rechts oben über dem Kreuz an der Front, werde er aber nicht mehr reparieren. Wegen der LKW sei das, die nur eine Bürgersteigbreite nebenan in Richtung Hafen donnern. Die viel zu moderne Kirche hat ihre Macken.

Dienen als Auftrag

Früher sei nicht alles besser gewesen, aber strenger, betont Rochlitz. Damals wurde die Messe auch noch auf Latein gehalten. Da habe man den Pfarrer mit "Hochwürden" angesprochen. Heute würden die sich ja mit Vornamen ansprechen lassen und sogar kurze Hosen tragen. Früher sei noch Zug dahinter gewesen. Die lateinische Liturgie könne er immer noch auswendig. Früher sei es auch eine Ehre gewesen, wenn man mal den Weihrauch schwenken durfte. Darum habe man regelrecht gestritten.

Rochlitz dient etwa vier Mal pro Woche. Oft zusammen mit einem 78-jährigen Freund. Der kniet immer rechts, er selbst links, sagt Rochlitz und kniet sich auf die Stufe vor dem Altar. Ob er aus Gewohnheit am Glauben festhalte? Schlecht sei er zumindest nie damit gefahren, sagt er. Es könne ja nicht immer Sonntag sein im Leben. Außerdem sei es traurig, wenn der Pfarrer alleine am Altar stehe, dann fehle der Messe der nötige Glanz. Auch dagegen kämpfe er. Er sieht das Dienen als seinen Auftrag, als sein Leben.

Draußen fährt unüberhörbar ein LKW vorbei. Rochlitz steht auf, stützt sich fast unmerklich mit der Hand auf den Fliesen ab, als ob er nur kurz darüber streiche. Er blickt hoch zum Kreuz, dann zu dem Riss in der Wand. "Das müsste wirklich mal jemand machen." Er rückt die leicht verrutschte Krawatte zurecht. Seine Sohlen hallen im Takt als er rasch die Kirche verlässt und aus dem fahlen Grau des Innenraums in die Sonne tritt. Er hat sich nicht bekreuzigt.


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