Wo bis vor kurzem noch lange Einsamkeit, strikte Kontrolle und ein rauer Ton herrschten, übernehmen bald die Kreativen: Bis zum geplanten Verkauf der ehemaligen Justizvollzugsanstalt (JVA) Rennelberg mitten in Braunschweig soll das Gelände für Publikum zugänglich gemacht werden. Wie funktioniert Unterhaltung in Knast-Atmosphäre?
Das Festival Theaterformen will in der Ausgabe für 2026 nicht nur Aufführungen auf den Bühnen des Staatstheaters geben, sondern auch künstlerische Projekte ins frühere Gefängnis bringen. Mehrere Produktionen entstehen für das Festivalprogramm vom 18. bis 28. Juni.
Gefängnis als Ort für Kunst
"Die JVA Rennelberg ist kein Gefängnis mehr, aber auch noch nichts anderes", sagt Festival-Leiterin Anna Mülter. Für die Zwischenzeit werde es Möglichkeiten geben, mit internationalen Künstlern etwa über Gerechtigkeit nachzudenken, beschreibt sie die Zielsetzung.
"Das Prinzip Gefängnis basiert darauf, Menschen zu vereinzeln und von der Gesellschaft zu isolieren. Gerade hier wollen wir zusammenkommen und Gemeinschaft und Kunst erleben", sagt Mülter. Für sie ist 2026 die letzte Ausgabe in der Führungsrolle für das Festival.
Festival Theaterformen - Was ist das überhaupt?
Die Theaterformen zählen zu den größten internationalen Theaterfestivals im deutschsprachigen Raum. Das Festival wird im jährlichen Wechsel in Braunschweig und in Hannover veranstaltet.
"Mit der ehemaligen JVA als Spielort wird die gesellschaftspolitische Relevanz der Theaterformen eindrucksvoll unterstrichen", sagt Joachim Schachtner, niedersächsischer Staatssekretär für Wissenschaft und Kultur mit Blick auf das bevorstehende Event in der zweitgrößten Stadt Niedersachsens.
Worauf können sich Besucher freuen?
Konkret soll unter anderem ein performativer Parcours das Publikum in kleinen Gruppen durch die Zellen des ehemaligen Frauentrakts und andere ansonsten verschlossene Teile des ehemaligen Gefängnisses führen. Eine kollektive Versammlung im Hof des Gefängnisses will fragen: Was können wir dem erstarkenden Faschismus entgegensetzen, um bessere Zukünfte wieder denkbar zu machen?
Künstler und Kollektive setzen sich mit dem Ort, seiner Geschichte und verschiedenen Utopien von Freiheit auseinander. Ein Projekt wählt dabei ganz bewusst den Schwerpunkt Gerechtigkeit.
Dazu planen die Festivalmacher ein Rahmenprogramm mit Vorträgen, Gesprächsformaten, Spaziergängen, einem Open-Air-Kinoabend, einer Installation. Im Festivalzentrum auf dem Gefängnisgelände soll es außerdem sogenannte Silent Discos geben, bei denen Musik für jeden Einzelnen über Kopfhörer kommt, anstatt für alle aus lauten Boxen.
Wieso endet die Nutzung als Gefängnis?
Das Land Niedersachsen hat für das Areal keine Verwendung mehr und informierte im Herbst darüber, dass die frühere JVA zum Verkauf stehe. Interessenten sollten ein Konzept zur Nutzung und Finanzierbarkeit einreichen. Der Startpreis: 3,6 Millionen Euro.
In diesen Tagen endete eine verlängerte Frist für potenzielle Käufer, ihr Interesse zu erklären. "Wir sichten die eingegangenen Konzepte auf Seriosität und leiten diese weiter an die Stadt Braunschweig", beschreibt Ute Stallmeister als Sprecherin beim Landesamt für Bau und Liegenschaften.
Nach Ablauf der Frist seien es derzeit sechs Interessenten, sagt Stallmeister. Unter den Anträgen, deren Nutzungskonzept positiv bewertet wurde, wird ein Gebotsverfahren über den Verkauf durchgeführt.
Objektbeschreibung einer besonderen Immobilie
Für den geplanten Verkauf konnten potenzielle Käufer in den vergangenen Wochen das besondere Objekt vor Ort besichtigen. Bis auf Waschbecken und Toiletten ist aber nicht mehr viel in den Zellen. Nur Zeichnungen an den Wänden und das ein oder andere schlüpfrige Poster erinnern daran, dass Menschen bis vor kurzem viel Zeit hinter diesen Gefängnismauern verbringen mussten.
Eine Werkstatt, eine Großküche, Sportflächen und auch eine Kapelle gehören zu dem rund 13.400 Quadratmeter großen Areal etwa 1,5 Kilometer westlich des Stadtzentrums. Bis auf wenige Nebengebäude steht der Komplex unter Denkmalschutz.
Spannende Fragen zur Zukunft - Was ist überhaupt erlaubt?
Auf dem Grundstück befand sich ein seit 1230 bestehendes Kloster. Ähnlich spannend wie die Geschichte des 1884 fertiggestellten Gefängnisses ist jetzt die Frage nach der Zukunft. Für die Nutzung seien viele Möglichkeiten denkbar, heißt es vom Landesamt für Bau und Liegenschaften (NLBL).
Gastronomie, Kleingewerbe, Kunst- und Kultureinrichtungen oder Konzepte für ein Hotel oder Hostel zählt das Amt auf. Auch Wohnungen sind möglich. Eine Spielhalle oder ein Bordell wären im Behördendeutsch eine "unpassende Nutzung" und daher ausgeschlossen.
Studentische Entwürfe ausgezeichnet
Nach dem Verkaufsbeschluss aus dem Jahr 2018 will die Stadt das gesamte Areal mit den angrenzenden Flächen als Quartier neu entwickeln. Deshalb zeigt die Verwaltung in diesen Tagen studentische Entwürfe für die Nachnutzung des Umfelds.
Studierende vom Institut für Städtebau und Entwurfsmethodik beschäftigen sich in den Entwürfen mit dem Grundstück und der Umgebung und entwickelten Visionen für eine potenzielle Zukunft. Drei dieser Entwürfe, die bis zum 20. Mai im Rathaus zu sehen sind, hat die Verwaltung mit Preisen ausgezeichnet.
Die prämierten Vorschläge schaffen ein Quartier mit attraktivem Wohnumfeld, einen mit Klimawald betitelten Park oder setzen auf kleingliedrige Bebauung im "Kiez statt Knast".