Die belarussische Bürgerrechtlerin Maria Kolesnikowa hat in ihrer fünfjährigen Haftzeit mehr als 700 Bücher gelesen. "Mit Büchern fühlt man sich nie allein", sagte Kolesnikowa der Deutschen Presse-Agentur in Aachen, wo sie mit dem Karlspreis geehrt wurde. "Es ist immer ein Dialog, eine Diskussion mit den Autoren. Man ist immer in toller Gesellschaft, man hat Shakespeare, Goethe, Hannah Arendt."
Drei Jahre keinerlei Kontakt zur Familie
Kolesnikowa berichtete, sie sei ungefähr zweieinhalb der fünf Jahre in Isolationshaft gewesen, allerdings nicht an einem Stück. Etwa drei Jahre sei ihr kein Kontakt mit der Außenwelt erlaubt worden. "Das heißt, ich habe keine Briefe von meiner Familie bekommen, keine Telefonanrufe, keine Pakete. Ich habe einfach nichts von meiner Familie und meinen Freunden gehört, und sie haben überhaupt keine Informationen von mir bekommen." Die Einsamkeit habe ihr aber dabei geholfen, sich ganz auf die Bücher zu konzentrieren. "In meinen Gedanken, in meiner Seele war ich dadurch keine einzige Minute im Gefängnis, nur mein Körper war in der Zelle. Ich habe mich immer frei gefühlt, und das hat mir dabei geholfen, die ganzen Jahre durchzuhalten."
Kolesnikowa, von Beruf Flötistin, gehörte zu den Anführerinnen der Massenproteste in Belarus nach der von beispiellosen Manipulationsvorwürfen überschatteten Präsidentenwahl 2020. Sie wurde im September 2020 festgenommen. Im Dezember vergangenen Jahres ließ der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko auf US-Druck mehr als 120 politische Gefangene frei, darunter auch sie. Seitdem lebt die 43-Jährige in Berlin.
An manches musste sie sich in Freiheit erst wieder gewöhnen
Jetzt genieße sie die Freiheit, an erster Stelle natürlich den Kontakt mit ihrer Familie, erzählte sie, daneben aber auch Musik, Konzerte, Ausstellungen. "Das bringt mir viel, viel Freude." An manches habe sie sich erst wieder gewöhnen müssen, zum Beispiel, sich im Verkehr zu bewegen oder mit vielen anderen Menschen zusammen in einem Geschäft zu sein. Aber das sei eine Frage der Gewöhnung. Technisch habe sich in den fünf Jahren auch so einiges getan: "Ich freue mich sehr, dass es in Deutschland jetzt langsam auch mit der Digitalisierung vorangeht."