ÖPNV-Projekt
Wie ein Kleinbus auf Bestellung Lücken im Fahrplan schließt

Der "Flitsaar" fährt seit 2024. Foto: Laszlo Pinter/dpa
Der "Flitsaar" fährt seit 2024. Foto
© Laszlo Pinter/dpa
Der Shuttleservice "Flitsaar" ergänzt im Kreis St. Wendel den Nahverkehr – besonders dort, wo Busse sonst selten fahren.

"Für mich ist der Service Gold wert", sagt eine 78-jährige Frau mit Einkaufstrolley, kurz bevor sie direkt vor ihrer Haustür aussteigt. Kein Fahrplan, kein Umsteigen, kein Aufpreis: Der On-Demand-Kleinbus "Flitsaar" zeigt im Kreis St. Wendel, wie Verkehrswende im Alltag funktionieren kann – pragmatisch und nah an den Menschen.

Der Rufbus ergänzt den klassischen Nahverkehr dort, wo dieser an Grenzen stößt: in Randzeiten, auf dem Land und im Umland größerer Städte. Fahrgäste buchen per App, online oder Anruf, feste Linien gibt es nicht. Unter der Woche ist "Flitsaar" im Stadtgebiet von St. Wendel unterwegs, an Wochenenden und Feiertagen zusätzlich im Ostertal sowie in den Gemeinden Freisen und Namborn und weiteren Ortsteilen.

Fast 2.000 Fahrgäste im Monat

Nach Angaben des Kreises nutzten 2025 im Schnitt rund knapp 2.000 Menschen pro Monat das Angebot. Mehr als die Hälfte der Ein- und Ausstiege erfolge am Bahnhof St. Wendel – der Rufbus wirkt damit vor allem als Zubringer zu Bahn und Linienverkehr.

"Der "Flitsaar" ist längst kein Zusatzangebot mehr, sondern Teil der Daseinsvorsorge", sagt Carl Isaak Jacobi (30), Projektverantwortlicher beim Kreis. Die hohe Auslastung zeige, dass flexible Angebote dort funktionierten, wo klassischer Linienverkehr wirtschaftlich oder strukturell an Grenzen stoße. Aktuell ist unter der Woche ein Fahrzeug im Einsatz, an Wochenenden zwei. Der Einsatz eines dritten Wagens insbesondere für das Wochenende werde geprüft.

Ein einfaches Nahverkehrsticket genügt

Seit dem Start des Projektes im April 2024 wurden bis Ende 2025 den Angaben der Kreisbehörde zufolge rund 54.000 Fahrgäste befördert. Im vergangenen Jahr standen die Fahrzeuge im Schnitt nur 6,5 Prozent der Betriebszeit ohne Fahrgäste. Für den Bus gelten alle Tickets des saarVV, einschließlich des Deutschlandtickets. "Bewusst verzichtet das Saarland auf einen "Komfortzuschlag" oder eine zusätzliche Zuzahlung, um Hemmschwellen abzubauen", sagt Jacobi.

Auch für Berufstätige spiele das Angebot eine Rolle bei der Entscheidung gegen das Auto. "Für mich ist es ein Zugewinn an Flexibilität. Ich kann mein Auto in der Garage lassen, wenn ich zur Arbeit muss – und es kostet mich keinen Aufpreis", sagt Fahrgast Marco (38), der seinen vollen Namen nicht nennen möchte. "Für ältere Menschen bedeutet der Rufbus Mobilität und Teilhabe, für Pendler ersetzt er einzelne Autofahrten – kleine Effekte, die in Summe zur Verkehrswende beitragen sollen", meint Jacobi.

Entstanden ist "Flitsaar" aus dem Vorgängerprojekt "Wendelmobil", das 2023/24 im Rahmen eines Bundesförderprogramms lief. Mit dem Landesförderaufruf für On-Demand-Verkehre (NMOB) erhielt der Kreis den Zuschlag, das Angebot weiterzuführen. Grundlage waren Analysen des Nahverkehrsplans, die vornehmlich an Wochenenden und zu Randzeiten deutliche Angebotslücken festgestellt hatten – ein Befund, der auch für andere Regionen im Saarland und darüber hinaus gilt.

"Auch Konzepte in Rheinland-Pfalz"

Der Blick über die Landesgrenze zeigt, dass ähnliche Konzepte andernorts erprobt werden. Im rheinland-pfälzischen Wittlich fuhr bis Ende 2024 der "Wittlich Shuttle" als On-Demand-Bus, wurde anschließend jedoch durch klassische Rufbus-Linien ersetzt.

Während ein On-Demand-Bus ohne festen Linienweg und ohne starren Fahrplan unterwegs ist und seine Route je nach angemeldeten Fahrtwünschen flexibel anpasst, folgt ein klassischer Rufbus einem vorgegebenen Streckenverlauf mit festen Haltestellen und definierten Zeitfenstern.

Auch der Rufbus fährt nur nach vorheriger Bestellung, ersetzt jedoch meist eine reguläre, wenig ausgelastete Linie, statt – wie beim On-Demand-System – dynamisch neue Routen zu bilden. Anders als im Saarland war das Angebot in Wittlich zeitweise mit einem "Komfortzuschlag" verbunden – einer Zuzahlung von einem Euro pro Fahrt und Person.

Verkehrsprojekt bis Ende 2027 gesichert

Finanziert wird "Flitsaar" über Landesmittel aus dem NMOB-Programm sowie über das Bundesförderprojekt "Modellprojekte Smart Cities". Die Landesförderung läuft bis Ende 2026, die Bundesförderung bis Ende 2027. Damit ist der Betrieb bis Ende 2027 gesichert.

Die jährlichen Kosten liegen bei rund 500.000 Euro, der Eigenanteil des Landkreises bei etwa zehn Prozent. Wie es danach weitergeht, ist offen. "Ohne Anschlussförderung könnte der Dienst zumindest eingeschränkt werden", sagt Jacobi.

Flitsaar

dpa