Krasser könnte der Kontrast kaum sein. Das alte frühere Eisenwerk in Völklingen wird zum großen Atelier für aktuelle Urban-Art-Künstler aus vielen Ländern. Noch wird in der Industriebrache gemalt, geklebt und gesprayt: Vom 10. Mai bis zum 15. November startet dann die Urban Art Biennale im heutigen Weltkulturerbe Völklinger Hütte im Saarland.
Sie gilt als eine der größten Werkschauen dieser Kunstform, die sich aus Street-Art und Graffiti entwickelt hat. Insgesamt zeigen 55 Künstler aus 17 Ländern und drei Kontinenten Werke, die sie zum Großteil eigens für ihren Ort in der gigantischen Hüttenkulisse entworfen haben.
Bunt, vielfältig und überraschend geht es zu. Der raue Charme der alten Möllerhalle oder der Sinteranlage trifft auf filigrane Stoffe und raumgreifende Installationen - mit Häkeldeckchen, gespannten Linien, Holzskulptur oder mit zerbrochenem Spiegelglas besetzter Kleidung.
"Wir wollen an die Bewegung früher hier erinnern", sagte ein Mitglied des französischen Künstlerkollektivs Vortex-x, das die Möllerhalle mit einem Netzwerk aus Linien aus industriellem Vliesstoff bespielt. Früher fuhren Züge mit Rohstoffen ein, die gelagert und weitertransportiert wurden.
Am größten ist die Arbeit des spanischen Künstlers Ampparito auf dem Dach der Möllerhalle. Mit weißer Acrylfabe hat er kokettierend in riesigen Buchstaben "No hay nada de valor" ("Es gibt nichts Wertvolles") gemalt.
"Es geht auch um gefährdete Werte"
Er spielt mit der Botschaft, die spanische Autobesitzer auf Zetteln immer öfter in ihre Fahrzeuge legen, um Aufbrüche zu verhindern. Die Aussage weist auch auf die Zeit nach dem Hütten-Aus im Jahr 1986 hin, als das Völklinger Werk nicht einmal genug Schrottwert für einen Abriss besaß.
"Die Urban Art Biennale ist dieses Jahr im besonderen Maße ein Seismograph von Geschichte(n) und Gegenwart(en). Es geht um scheinbar verlorene oder gefährdete Werte", sagte der Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, Ralf Beil. "Die latent unsicheren Zeiten werden kreativ reflektiert und humorvoll bis ironisch" verarbeitet.
Künstler finden den Ort ideal
Die Urban Art Biennale hat sich aus der Ausstellung "Urban Art – Graffiti 21" 2011 entwickelt. Den Ausschlag haben die Künstler selbst gegeben, wie Armin Leidinger, Sprecher des Weltkulturerbes, erzählt. "Sie sahen die Völklinger Hütte als den idealen Ort für ihre Kunst an."
Es sei "eben kein Museum mit weißen Wänden", sondern biete als ehemaliger Industrieort eine Atmosphäre, die mit den Orten der Graffiti-Kultur und der Street-Art verwandt sei: "Wir kennen kein vergleichbares Format, weder in Deutschland noch anderswo", sagte er.
Bekannte Künstler der Szene dabei
"Auch die heutige Urban Art braucht den Gegenspieler und Mitspieler - einen Ort, von dessen räumlicher Struktur man sich inspirieren und abgrenzen kann und auf dessen Geschichte die eigene Kunst reagiert", sagte der Kurator der Urban Art Biennale, Frank Krämer.
Unter den Künstlern sind etliche bekannte Namen der Szene wie die polnische Künstlerin NeSpoon oder Graffiti-Pionier Boris Tellegen, der unter dem Pseudonym Delta zum Vorreiter des 3D-Graffitis wurde. Er hat eine große schwebende Holzskulptur geschaffen.
Refreshink aus Italien ist noch dabei, ein großflächiges Mosaik mit den Lettern "Tempus fugit" (Die Zeit vergeht wie im Flug) an die Wand zu malen. Und der Franzose Tomas Lacque beeindruckt mit einer urbanen Installation mitsamt Auto, erstarrt unter einer Farbschicht - als habe ein Ascheregen alles bedeckt.
Manche Künstler, die noch am Arbeiten sind, verstecken ihr Gesicht. "Das liegt daran, dass sie auch illegal unterwegs sind und nicht erkannt werden möchten", sagte Krämer. "Auch ich bin noch illegal auf der Straße unterwegs", sagte Künstlerin NeSpoon.
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